Tag Archive for 6 Sterne

Kritik Schweizer Kuhroman: Blösch, von Beat Sterchi (1983) – 6/10 Sterne

Fazit: Beat Sterchi berserkert mit Sprache und Inhalt, dass es spritzt. Hochdetailliert und wortgewaltig beschreibt er Abläufe auf einem sehr altmodischen Milchviehbauernhof und im Schlachthof. Wie die Kuh Blösch bestiegen und schließlich geschlachtet wird, schildert Sterchi über jeweils mehrere Seiten und ohne Rücksicht auf Sensibilitäten. Amazon-Werbelinks: Beat Sterchi In den Zisternen: Sehr viel Plot gibt…

Kritik Sachbuch: Drei Zimmer Küche Porno, von Philip Siegel (2017) – 6 Sterne

Fazit: Philip Siegel schreibt eingängig, leicht lesbar, meist reportage-artig im Präsens mit viel Dialog und ein paar überraschenden Details. Aber seine Akteure und ihr Hobby sind öde, und auch Siegels Erzählstil erregt mich nicht. Amazon-Werbelink: Philip Siegel Kontaminierte Salzstangen: TV-Journalist Philip Siegel berichtet hochdetailliert von Rudelsex-Dreharbeiten – samt kontaminierten  Salzstangen, Kinderschritten im Hausflur und Last-Minute-Ejakulation…

Kritik Kurzgeschichten: Unbefugtes Betreten, von Julian Barnes (2011, engl. Pulse) – 6/10 Sterne

Julian Barnes hat oft eine souveräne Erzählstimme und teils bärenstarke Dialoge, ist wiederholt lässig, originell, witzig („‚riding a hobby horse to death is flogging a dead metaphor“). Ich habe tatsächlich öfter gelacht, wann gibt’s das schon. Andererseits handeln zwei Geschichten ziemlich schmerzlich auch von Krebstod – „Barnes writes wonderfully about dying“, schwelgt eine Kritikerin. Gelegentlich…

Romankritik: Schmidt, von Louis Begley (1996, engl. About Schmidt, Teil 1 von 3 der Reihe) – 6 Sterne – mit Video

Im ersten Teil passiert wenig: Hauptfigur Schmidt grübelt langwierig über Kindheit und Ehe-Vergangenheit und über eine juristisch-fiskalisch komplizierte Erbregelung. Es zieht sich. Gelegentlich gibt’s affektierte Fremdwörter, dazu Italienisch und Französisch unübersetzt („tiers incommode“). Und was der zähe Gedankenstrom längst nahelegte, äußert diese Figur dann explizit und bezeichnet sich als „single sixty-year-old codger with no dependents“*.…

Romankritik, Filmkritik: Der Liebesbrief, von Cathleen Schine (1995, 1999, engl. The Love Letter) – 6 Sterne – mit Video

Der Roman (1995, 6 Sterne): Fazit: Cathleen Schine schreibt eine gedruckte romantische Komödie, fluffig, lustig, unrealistisch, etwas belanglos. Die Hauptfigur, Buchhändlerin Helen, ist Ü40, lässig, attraktiv, unliiert und produziert ebenso wie das andere Buchpersonal unentwegt coole Einzeiler – unplausibel, aber vergnüglich. Ein Beispiel (ich kenne nur das engl. Original): You read my mind even when…

Kritik Kurzgeschichten: The Stories of John Cheever (1946-1978) – 6 Sterne

Cheever schreibt flüssig, gefällig und sehr griffig. Viele Geschichten (Liste ganz unten) überziehen jedoch deutlich: Autofahrer blickt geliebte Frau an und tötet sie durch Fahrfehler, ein Familienmitglied redet aus heiterem Himmel viel zu grob, man erschlägt sich gar hinterrücks, ein Mann in Geldnot bricht mehrfach bei schlafenden Nachbarn ein, völlig überraschender Tod im vorletzten Absatz,…

Romankritik. Rabbit, eine Rückkehr, von John Updike (2000, engl. Rabbit Remembered, Rabbit Teil 5) – 6 Sterne

Wer die ersten vier Bände der Rabbit-Reihe kennt, muss nicht lang warten: Gleich auf den ersten Seiten von Rabbit, eine Rückkehr präsentiert John Updike alle überlebenden Akteure – und handfeste Überraschungen dazu. Rabbit Teil 5 spielt 1999. Autor John Updike (1932 – 2009) liefert solides Storytelling-Handwerk, doch ganz ohne das Funkeln der früheren Bände: die…

Kritik Japan-Buch: Grammatik des Lächelns, von John David Morley (1985, engl. Pictures from the Water Trade) – 6 Sterne

John David Morley beschreibt das Japan der 1970er mit großen staunenden Augen, wie ein Tourist, zu genau, zu nacheinander, zu angelesen, und nicht schriftstellerisch abgeklärt, nicht souverän gefiltert. Er erzählt ein paar Begegnungen fast zu detailliert; dazu kommen lange verallgemeinernde Seiten voll kursivierter japanischer Ausdrücke. Dafür gab’s allerhöchstes Lob. Ganz genau: Das beginnt schon mit…

Buchkritik: Nach dem Monsun, von John David Morley (2001) – 6 Sterne

Das Buch enthält vier etwa gleich lange Teile über: Singapur mit englischer Familie und malaiischen Angestellten; England mit erweiterter englischer Familie; Ghana mit englischer Familie und afrikanischen Angestellten; sowie England im Internat. Morley schreibt über Jahre ab etwa 1952, er ist vier bis etwa zehn Jahre alt. Er schreibt aus Kinderperspektive, wir lernen vor allem…

Kritik Kinderbuch: Gans im Gegenteil, von Wolf Haas, Teresa Präauer (2010) – 6 Sterne

Das Gedicht hat man in etwa 13 Minuten gelesen. Ein Teil der Zeit wird dabei zum Umblättern benötigt, denn manchmal erscheint nur eine Zeile pro Doppelseite. Wolf Haas liefert ein paar drollige Reime und kuriose Ideen (ein Fuchs mit Frisurproblem). Das Gedicht hat jedoch wegen uneinheitlichen Stils keinen Fluss, und gelegentlich regiert Reim-dich-oder-ich-fress-dich oder es…

Kritik Indonesien-Buch: Hallo Mr. Puttyman bzw. Auf den Spuren von Mr. Spock, von Nigel Barley (1989, engl. Not a Hazardous Sport bzw. Toraja) – 6 Sterne

Nigel Barley beginnt sein Indonesien-Buch weitschweifig mit Reisegedöhns: The equipment laid out on the bed… How many shirts? How many pairs of socks? …a cheap ticket… the broken lavatories of the airport… Heute hier, morgen dort: Ja, wir hören auch länger vom Flughafen Moskau, und Barleys ursprüngliches Flugticket aus einer dubiosen Quelle platzte. Das ist…

Kritik Afrikabuch: Die Raupenplage, von Nigel Barley (1983, engl. Plague of Caterpillars) – 7 Sterne

Routiniert spult das Afrikabuch Anekdoten, Pointen und Allgemeinplätze herunter: Ein schriller Weißer ermordet seine Katze und kocht sie. Auch Erlebnisse mit halbzahmen Affen oder Vögeln walzt Nigel Barley (*1947) breit fürs Publikum aus; sie scheinen teils fürs Buch inszeniert oder dramatisiert, auch der kackende Ziegenbock in der Lehmhütte, haha. Nigel Barly bei Amazon (Werbe-Link) Warum…

Buchbesprechung: Aus dem Leben eines Lohnschreibers, von Joseph von Westphalen (2008) – 6 Sterne

„Lohnschreiber“ sind manchmal auch „Zeilenschinder“: Joseph von Westphalen (*1945) quasselt und quasselt hier, von Hölzchen auf Stöckchen, schmückt aus, schiebt ein, imaginiert, reminisziert, selbstgefällig, geschwätzig, ja logorrhoisch kommt und kommt er nicht zum Ende. Hat man eine Geschichte endlich durch, stehen ganz am Buchende noch mal  separate Anmerkungen dazu – mehrfach mit dem Hinweis, dass…

Kritik Sachbuch: Menschwerdung eines Affen, von Heike Behrend (2020) – 6 Sterne

Heike Behrend mischt immer wieder drei unterschiedliche Dinge: Allgemeine Theorie und Praxis der Ethnologenzunft, mit wissenschaftlichen Belegen und Fremdwörtern (z.B. ausführlich „das Motiv des Seelenklaus oder des Verlusts des Schattens“ oder „der akademische Affe als liminale Figur“) Ihre Forschungsergebnisse bei ethnologischen Aufenthalten in Kenia und Uganda – zunächst allgemein Soziales, dann Kannibalismus und Katholizismus, zuletzt…

Buchkritik: Amore al dente / Only in Naples / The Mother-in-Law Cure, von Katherine Wilson (2016) – 6 Sterne

Ich habe mehrmals laut gelacht, vor allem im ersten Viertel, das gibt’s nicht oft. Die US-Autorin haut ihre neapolitanische Gastfamilie nur ein bisschen in die Pfanne, eher sich selbst, ihre US-Sitten und Italien im allgemeinen. Trotzdem war mir unbehaglich: Wilson erzählt mit zu viel Dampf. Wie eine Bühnenkomikerin scheint sie eine Anekdoten-Mindestzahl pro Seite rauszuhauen,…

Kritik Biografie. Heinrich Heine, von Jan-Christoph Hausschild u. Michael Werner (1997) – 6 Sterne

Die Sprache ist nicht direkt professoral oder zu verschachtelt, aber doch im ersten Teil glanzlos und nicht achtsam leserfreundlich. Immerhin gibt es Sätze mit über 60 Wörtern (z.B. S. 59*, „Das hinderte ihn aber nicht…“). Der zweite Teil (Paris) ist keine Chronologie, sondern eher eine Aufsatzsammlung. Auf Amazon: Heinrich Heine | Heinrich Heine Biografie |…

Kritik Biografie. Johannes Willms: Napoleon. Eine Biographie (2005) – 6 Sterne

Fazit: Johannes Willms schreibt recht flüssig und eingängig, ohne professorales, verschachteltes Gehuber, häufig aber in der Wortwahl zu elitär gebildet und mit gelegentlich doch zu langen Sätzen (Beispiele unten). Willms konzentriert sich auf den Schlachtenlenker und Politingenieur Napoleon; er liefert keine Alltagsszenen, kein Psychogramm, keine Familiengeschichte, keine allgemeine Geschichte Frankreichs oder Europas. Die Buchrückseite verspricht…

Kritik Sachbuch: König Ludwig I., von Golo Mann (1986) – 6 Sterne

Golo Mann (1909 – 1994), zuvor Berater von Willy Brandt und Franz Josef Strauß, bespricht Ludwig I. in diesem schmalen Bändchen sehr mild. Sein Wesen sei „überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, gut“ (S. 41), aber „wir wollen keinen Engel aus ihm machen“ (S. 80). Ludwigs Schwulstgedichte seien „weder gut noch schlecht“. Interessant ist der Vortrag…

Kritik Kurzroman. Eudora Welty: The Ponder Heart (1953) – 6 Sterne

Die Ich-Erzählerin berichtet mit unterhaltsamer Schnatterschnauze vom Leben in der Mississippi-Kleinstadt Clay und von ihrem Onkel Daniel Ponder, der sich eine viel zu junge (und zu dünne) (und zu arme) Braut anlacht. Eudora Welty (1909 – 2001) kreiert eine fulminante Ich-Erzählerin aus Fleisch und Blut. Die redet teils direkt zum Leser: I size people up:…

Kritik Musikbuch: Die Stille im Kopf, von Karl Lippegaus (1987) – 6 Sterne

Karl Lippegaus (*1954) schreibt schmuckloses, klares Deutsch, fast anglizismenfrei, das nie verärgert. Man erfährt nicht so viel über Musik, dafür um so mehr über die Sensibilitäten von Lippegaus und einigen Gesprächspartnern wie Bobby McFerrin oder Brian Eno. Über Melodie, Rhythmus oder Harmonie redet Lippegaus kaum, etwas Technisches wie ein „unerwarteter Akkordwechsel“ (S. 189) überrascht schon…

Romankritik: Das junge Kairo, von Nagib Machfus (1945) – 6 Sterne

Nagib Machfus (1911 – 2006, auch Nagib Mahfuz, Naguib Mahfouz) beginnt sehr allgemein, langatmig mit Rückblenden und fast dialogfrei – so öd, dass die Doppelseite 26/27 des Unionsverlag-Hardcoverbandes einen einzigen durchgehenden Absatz zeigt, ohne Zeilenschaltung. Das ist strafbar. Dann konzentriert sich die Geschichte auf den Studenten Machgub Abdaldaim, der kurz vor dem Examen steht, ins…

Kritik Kurzgeschichten: Die Einsamkeit der Haut, von Bodo Kirchhoff (1983) – 6 Sterne – mit Video

Fazit: Die Geschichten spielen im Frankfurter Bahnhofsviertel: auf der Straße, in Peepshow-Kabinen, Kantinen und Puffzimmern. Der Ich-Erzähler ist stets unpersönlich, verklemmt mit kleingeistigen und anwidernd pornografischen Gedanken. Den möchte man nicht in der Verwandtschaft haben. Aber Autor Bodo Kirchhoff (*1948) schreibt solides Deutsch und beobachtet genau – wenn auch wieder und wieder das Gleiche. Bodo…

Romankritik: Der Anhalter, von Gerwin van der Werf (2019) – 6 Sterne

Van der Werf bringt nur wenige, unspektakuläre Dialoge, liefert aber feine Beobachtungen aus dem Alltag einer kleinen mitteleuropäischen Mittelschichtfamilie, die Island mit dem Wohnmobil durchfährt. Zu zaunpfahl deutet van der Werf indes gleich zu Beginn bedrohliche Entwicklungen an: Der Ich-Erzähler will seine „Ehe retten“ (S. 11 der S.Fischer-Hardcover-Ausgabe), ohne die Problemlage zu erklären; seine betagte…

Buchkritik: Unsere Bayern anno 14/15, von Lena Christ (1914/15) – 7 Sterne

Fazit: Lena Christ liefert kurze, lebensnahe Vignetten voller Dialog aus den ersten Monaten des ersten Weltkriegs in München und auf dem Dorf – mal kabarettistisch, mal herzerwärmend, gelegentlich beklemmend; schlicht, und doch pfiffig, jedenfalls in den Auszügen der Gesammelten Werke (s.u.). Im Gegensatz zu ihren teils entflammten Figuren klingt die Erzählerin weder hurrapatriotisch noch pazifistisch;…

Buchkritik: Tante Frieda, von Ludwig Thoma (1907) – 6 Sterne – mit Links

Zwei der sechs Geschichten erinnern deutlich an Ludwig Thomas Lausbubengeschichten von 1905 (diesmal Schießpulver in Vogelkäfig; Eier, Spucke und Kartoffeln auf Leute; Luftgewehr auf Spiegel). Die vier anderen Geschichten erzählen vom Aufenthalt der jungen Halb-Inderin Cora in der Kleinfamilie des Ich-Erzählers Ludwig: Die Dorfmänner bringen der schönen Cora Ständchen im Mondschein und schleichen verliebt ums…

Kritik Farb-Biografie: Pablo Picasso 1881 – 1973. Das Genie des Jahrhunderts, von Ingo F. Walther (1992, Taschen-Verlag) – 6 Sterne

Der großformatige, biegbar gebundene Band erinnert an ein teures, dünnes, exklusives Farbmagazin. Die Urheberschaft ist mir nicht völlig klar. Laut Impressum: Ingo F. Walther: scheinbar Hauptverfasser, aber auch mitverantwortlich für Produktion, Typographie und Herstellung (übrigens auch am Matisse-Band des Taschenverlags an „Redaktion und Produktion“ beteiligt) Matthias Buck, Rainer Metzger, Bernhard Serexhe: Mitarbeit und Redaktion Der…

Kritik Erzählung: Freya von den Sieben Inseln, von Joseph Conrad (1912, engl. Freya of the Seven Isles) – 7 Sterne

Dieser Ich-Erzähler berichtet sehr sicher und gefällig, wie ein Seebär beim Cognac, man folgt der Geschichte gern. Die beginnt freilich auch zu malerisch: Die schöne Freya im Haus überm Meer spielt auf dem Klavier, und ihr Galan Jasper reist per Zweimaster an. Freyas wohlmeinender Kapitänvater retiriert derweil verständnisvoll auf die hintere Veranda. Der Ton ist…

Kritik frühe Kurzgeschichten: Geschichten der Unrast, von Joseph Conrad (1898, engl. Tales of Unrest) – 7 Sterne

Fazit: Joseph Conrad (1857 – 1924) präsentiert in fünf frühen Kurzgeeschichten äußerst gemischte Themen, Kulissen, Stile und Wortzahlen – vielleicht nicht ideal für einen Kurzgeschichtenband, aber zu ähnlich sollen die Geschichten ja auch nicht klingen. Zu den Themen gehören: Rasend Verliebter bringt unschuldige Nahestehende zu Tod und ist darob unhappy ever after (2x). Weiße Handelstreibende…

Romankritik: Der Verdammte der Inseln, von Joseph Conrad (1896, engl. Outcast of the Islands, Lingard-Trilogie Teil 2 von 3) – 6 Sterne – mit Video

Fazit: Joseph Conrad konstruiert eine spannende Räuberpistole mit verblüffenden Manövern, starken Dialogen, interkulturellem Großaufgebot und viel Atmosphäre. Er produziert auch langatmigen Schwulst und einen unglaubwürdigen Hassliebesgockel. Verblüffend, dass Conrad die Teile 2 und 3 der Lingard-Trilogie so vergleichbar plottete und konstruierte. Geschriftstellert: In seinem historisch zweiten Roman klingt Joseph Conrad (1857 – 1924) deutlich epischer…

Romankritik: Die Rettung, von Joseph Conrad (1920, engl. The Rescue, Lingard-Trilogie Teil 1 von 3) – 3 Sterne

Fazit: Der Ton ist teils märchenonkelhaft und voll überflüssiger Adjektive und Verallgemeinerungen. Teils konnte ich der Geschichte nicht folgen – weder den Gefühlen und Entscheidungen der Protagonisten noch den Inter-Island-Streithändeln – und musste in der englischen Zumbuchwiki die Handlung nachlesen; selbst dort verstand ich nicht alles. Die Figuren erscheinen zu diffus, zu holzschnittartig lieb oder…