Kritik Biografie. Heinrich Heine, von Jan-Christoph Hausschild u. Michael Werner (1997) – 6 Sterne


Die Sprache ist nicht direkt professoral oder zu verschachtelt, aber doch im ersten Teil glanzlos und nicht achtsam leserfreundlich. Immerhin gibt es Sätze mit über 60 Wörtern (z.B. S. 59*, „Das hinderte ihn aber nicht…“). Der zweite Teil (Paris) ist keine Chronologie, sondern eher eine Aufsatzsammlung.

Kein positives Kontinuum:

Im Deutschland-Teil (die ersten zwei Buchfünftel) sagen Jan-Christoph Hauschild u. Michael Werner (*1955 u. 1946) Fades wie „Kontributionen“, „Konskriptionen“, „determiniert“, „Akkulturation“, „die Weiterführung erfolgte“, „Dekalog“, „Pauperisierung“, „wohlweise Regierung“, „innere Korrelation dieser beiden Haltungen“, „Evasionsplan“, „Evasionsreflex“, „kein positives Kontinuum“, „Peripetien“, „ausgeschiedenen Bruchstück“, „ganze Partien des Textes waren von ihm ausgeschieden worden“ (gemeint: „verworfene Passagen“, wie es woanders heißt), „Veröffentlichungsträger (die Zeitung, das Periodikum)“, „galanten Professionalistinnen“, „buchbarer Sexualität“ (jew. Prostituierte), „symbolische Koiti“, „bevorworten“.

Jung-Heines angeschmachtete Cousine bezeichnen die Autoren als „Liebesobjekt“, deren Desinteresse als „erotische Zurückweisung“ und „erotische Ablehnung“; das klingt seltsam

Der Studiosus Heine vernahm „ein unziemliches Wort“, so zitieren ihn die Autoren, und er forderte den Sprecher zum Duell heraus – warum nennen Hauschild/Werner das Wort nicht?

Pariser Luft:

Im dritten Buchfünftel zieht Heinrich Heine (1797 – 1854) nach Paris. Ab hier ändern sich Sprache und Aufbau der Biografie deutlich: Die Sprache klingt heutiger, und die Autoren gliedern nach Themen, nicht chronologisch. Wir vernehmen in mehreren faktensatten Kapiteln Frankreich- und Paris-Hintergründe teils ohne direkten Heine-Bezug – die sozialpolitische Situation ab 1830, Urbanität, Leuchtmittel, Mietmarkt, Umgang mit der Zensur, das hohe Briefporto, Saint-Simonismus u.a. „politisch-soziale Systeme und Utopien“, „Eros und Sexus“, „die deutsche Emigration“, französischer Literaturmarkt, Lebenshaltungskosten:

Betrachten wir noch einige für den bürgerlichen Lebensstil charakteristische Preise: Der Barbier, der morgens ins Haus kam, kostete zehn Centimes. Die Köchin von Heines Arzt Julius Sichel erhielt fünfundzwanzig Francs im Monat

Das thematische, nicht chronologische Ordnen im Frankreich-Teil bringt Heines langjährige französische Frau Mathilde in ein Frauen-Kapitel und in unmittelbare Nähe mit seinen Prostituierten und Affären – ungut. Insgesamt meint man nicht mehr eine Biografie zu lesen, sondern eine Aufsatzsammlung: Heine und Paris, Heine und die Frauen, Heine und das Geld, Heine und die Zensur, das Geschacher um Heines nachgelassene Papiere, Heines internationale Rezeption.

Vergleich der Heine-Biografien von Christian Liedtke und Hauschild/Werner:

Obwohl viel kürzer, sagt Christian Liedtke mehr über einflussreiche Lehrer in Heines Schulzeit und auch etwas mehr über Jung-Heines unglückliche Liebe zu seiner Cousine. Hauschild/Werner kümmern sich stärker als Liedtke um Politik und Soziales (vor allem in Frankreich), nur sie widmen jedem wichtigen Buch ein (oft kurzes) Unterkapitel, und sie besprechen zudem ausführlich Heines Stilmittel, auch gegenüber der Zensur.

Nur Hauschild/Werner analysieren in einem interessanten Exkurs Heines ersehntes „Dichter-Professor-Modell“ unter Ludwig I. in München, nur bei ihnen besucht er Prostituierte (S. 118, S. 263f) und hat Affären.  Bei Hauschild/Werner bekommt Heine für die Englandreise einen Scheck „über zweihundert Pfund“ (S. 115), bei Liedtke dagegen „vermutlich… vierhundert Pfund“ (S. 86).

Liedtke schreibt eingängiger, klarer; die Sprache von Hauschild/Werner klingt im Deutschland-Teil wunderlich, wenn auch meist noch nicht abstoßend germanistisch.

Liedtke hat einige Bilder auf Lauftext-Seiten, meine Hauschild/Werner-TB-Ausgabe* zeigt Bilder nur auf dem Umschlag. Beide Bücher liefern am Ende eine Zeittafel, bei Hauschild/Werner ausführlicher. Beide liefern einen Block mit Zitaten verschiedener Berühmtheiten über Heine.

Liedtke verwendet hochgestellte Ziffern für die 862 Quellenbelege in den Endnoten, Hauschild/Werner verzichten auf die hochgestellten Ziffern; das erschwert die Zuordnung der Endnoten zu Zitaten, ergibt aber ein ruhigeres Bild im Lauftext (mir sind hochgestellte Ziffern weit lieber).

*Ich hatte die lt. Impressum „korrigierte Ausgabe“ als Ullstein-TB von 1999.

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