Kritik Biografie: Theodor Fontane, von Regina Dieterle (2018) – 7 Sterne

Regina Dieterle berichtet zu ausführlich von Theodor Fontanes Eltern und Großeltern, auch von Napoleon, Preußen und Sachsen. Immerhin schreibt sie meist lebendig und wissenswert für Geschichtsinteressierte. Sie portraitiert vor allem in der ersten Hälfte auch Randfiguren und deren Ehefrauen seitenlang. In Leipzig schreibt Dieterle sogar über Promis, die Jung-Apotheker Theodor Fontane explizit nicht traf:

Leipzig 1841 – ohne Schumann, Mendelssohn, Bach?

Bekannte Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann oder Theodor Storm spielen nur Minirollen; Gottfried Keller wird angesprochen, aber nicht getroffen. Der anglophile Fontane las zudem allerlei Engländer, doch scheinbar nicht Jane Austen.

Weit ausführlicher begegnet der (ich gendere nicht) Leser dem Fontane-Clan, seinen Freunden sowie allerlei Regierenden und Verlagsmenschen bis hin zum jungen Samuel Fischer.

Jedoch: Nach Fontanes Tod verliert Dieterle kein Wort mehr über seine Frau und die überlebenden Kinder, die wir bis dahin gut kennengelernt hatten. Ein Mangel. Und während wir viel über Fontanes Leben, Arbeitsweise, seine Honorare und Notizbücher hören, liefert Dieterle kaum Interpretation.

Ein Zauderer & Zweifler:

Einerseits durchlebte Fontane aufregende Zeiten, wenn auch nicht als Akteur, bestenfalls als Chronist im Nachklapp. Doch er war ein öder Typ, als Jungmann mild frech, dabei banal, selbstgefällig und träg. Die zwei vorehelichen Vaterschaften peppen die Biografie auch nicht auf, und Dieterle meidet Intimes lieber.

Der 30jährige Fontane ist für Dieterle

ein eigentlicher Zauderer, ein Zweifler, einer, der seine Zeit mit Nebensachen zu vertrödeln schien… der reine Schwadroneur und Phantast.

Was für ein Unterschied zu Heine, Goethe oder Thomas Mann in diesem Alter, und das macht Fontane langweilig: Fontane publizierte viele Jahrzehnte lang nichts Großes, es sei denn, man interessiert sich für den Balladenzyklus Von der schönen Rosamunde; er quälte sich mit kleinen Gedichtbändchen und bräsig „Journalistischem“, produzierte als preußischer Regierungsschreibknecht Genehmes in die eine oder andere politische Richtung, jeweils „bestandpunktet“ von Oben, schrieb Kriegsdarstellungen und Wanderblogs.

Teltower Rübchen, Birnen, Klöße:

Der junge Fontane war ein eingebildeter Langweiler und nicht „kecker, forscher, libertinärer“ (so Dieterle) als in der eigenen Selbstdarstellung. Seine Presse-Vorgesetzten urteilten laut Dieterle:

„Er schreibt oft zu rapsodisch und wird zu gemüthlich.“

Ein Dröger auf allen Ebenen, und er mampft

gute deutsche Küche, ein Hackbraten auf dem Tisch, das gefiel ihm. Und ein Gläschen Kornbranntwein… Teltower Rübchen, Birnen, Klöße, Hammelkoteletts – die heimatlichen Leibgerichte Fontanes.

Auch Wilhelm von Humboldt liefert viel besseres Material für Schriftstellerbiografien.

Unbehagen erzeugen zudem Fontanes antisemitische Äußerungen – aber er hat auch hochgeschätzte jüdische Freunde. Regina Dieterle wurde kritisiert, weil ihr Antisemitismus-Unterkapitel nur vier Seiten zählt; doch allerlei Beispiele für Fontanes fiese Denke liefert sie auch außerhalb dieses Unterkapitels.

Junge Jahre:

Dazu kommt, dass Dieterle Fontanes junge Jahre und seine Vorfahren im Vergleich zu vielen anderen Biografien sehr breit auswalzt: Bei netto etwa 682 Seiten Haupttext wird Fontane erst auf der ca. 290. Seite (Seite 300, 1850) Ehemann und 30 Jahre alt – und es vergehen weitere lange Jahrzehnte und Kapitel bis zu Fontanes literarischen Großtaten. Sie erscheinen erst auf den letzten etwa hundert Seiten des Haupttexts:

Der Abschnitt „Erste Romane und Novellen“ beginnt schließlich auf der etwa 556. von 682 Seiten Haupttext. Fontanes kapitale Effi Briest erhält dort nur wenige Seiten und verkümmert im gemeinsamen Unterkapitel mit der Spießer-Comedy Frau Jenny Treibel.

Über Fontanes Kriegs- und Wanderbücher redet Dieterle ausführlicher. Mehr Lob und Seiten gibt sie auch dem „großen Roman Der Stechlin“, mit „unzähligen klugen Beobachtungen, von sprachlicher Prägnanz und poetischer Schönheit“ – wenn auch zugegeben plotfrei.

Allerdings betont Dieterle, dass Fontane schon in Büchern der mittleren Jahre – über den 70er Krieg, die Wanderungen – eine erzählerische Ader zeigte und Erlebtes fiktional aufplüschte. Natürlich kann man auch gerade Fontanes Alltag als gelernter Apotheker, Journailleschreiber und Berliner Bürger aufschlussreich finden; ein fader Typ bleibt er gleichwohl.

Geschichten:

Oft klingt Germanistin Regina Dieterle (*1958) wie eine inspirierte Geschichten-Erzählerin, womöglich im Geist Fontanes, und entschieden unprofessoral, wenn sie etwa textet:

Es ist Zeit, endlich von Emilie Labry zu sprechen, jenem jungen Mädchen, das…

Sie verwendet auch veraltete Ausdrücke wie „Verzug“ im Sinn von „bevorzugte Person“ oder „lehren“ mit Dativ.

Erregt beendet Dieterle manche Sätze mit Ausrufezeichen (auf S. 178 gleich zweimal) und erspart uns gelegentlich auch rhetorische Fragen nicht:

Was leistete er also… Wie aber gestaltete sich… Wie aber ging er vor?

Dieterle bringt in der ersten Buchhälfte mehrfach unübersichtliche Zeitsprünge: etwa bei Fontantes Jugendjahren diskutiert sie seitenlang Fontanes Arbeitstil an den Jugenderinnerungen; das passte besser in die Beschreibung des gereiften Schriftstellers. „Und jetzt müssen wir vorgreifen“, entschuldigt sie sich vor einem anderen chronologischen Schlenker.

Im Nachwort paraphrasiert Dieterle Fontanes Umfeld:

Schreibe endlich deinen Roman! So sagten die Freunde…

Fast meint man, Regina Dieterle warte auch auf eine solche Ermunterung.

Gelegentlich produziert sie indes Verstolpertes wie

…die Zeit des Ancien Régimes endgültig eine versunkene Welt wurde

und geniert sich nicht vor Dativ-e („auf dem Lande“, „im Lichte der Kaiserzeit“, „im Schutze der Anonymität“, „im Geiste von“, „im Dienste des“, keine Quellenzitate). Ein paarmal zwickt sie nach Altherrenmanier das finite Verb ab:

((Der alte Krause)) war, was auch dieser gewesen, eine Persönlichkeit mit großer Ausstrahlung… Wie sehr sie unter dem Krieg gelitten, sah er nicht.

Man beachte auch Dieterles

Rokoko-Kommode, darin einst politisch brisante der Manuskripte des Prinzen Heinrich verwahrt worden waren… der Nagel, daran es hängt…

Das erinnert an ihr Fontane-Zitat vom

Papier darauf man schreiben will

Fontane im flow:

Dann wieder gerät Dieterles

Fontane beim Schreiben in einen flow

(hier kursiviert wie im Buch), später folgt „ein gut erzählter Joke“ (dies nicht kursiviert und in gemischter Schreibweise) und eine – schauderschauder – „Erzählung“ im Sinn von „Narrativ“. Fast fürchtet man, dass sie den „Zauderer“ und „Zweifler“ Fontane noch als „Prokrastinierer“ hinstellt.

Nach Männerart:

Die Biografie garniert Regina Dieterle mit modisch feministischem Dünkel: Immer wieder textet die Männer-Fachfrau abschätzig

…diesem Männerklub jahrelang treu geblieben… schlenderte nach Männerart durch die Stadt und die gute Kneipe… nach Männerart schlendern… man politisierte und schwadronierte… und fiel von einem Lokal ins andere… in die „Red Lion Taverne“, wo Männer sich gerne ihren letzten Drink genehmigten… nach dem klassischen Männerabend kam leider der Kater… die Fortsetzung jenes Schlenderns nach Männerart…

Dazu Schweizerismen:

Der alte Fontane tönt es an: …

Auch „trotz“ mit Dativ scheint ein Schweizismus zu sein (S. 561, 588; Quelle)

Strapinskis, Paroisse, Fiducit:

Dieterle-Lesende kennen natürlich die Kontinentalsperre, das Edikt von Potsdam, Dioskuren, Cicerone, Exlibris, a tempo, Poignard, Paroisse, Madeleines, Franktireurs, Strapinskis, Fiducit, Locus amoenus, intrikat, cache-nez, faute de mieux, Akrostichon oder apoplektisch; sie verstehen ganze Sätze auf Latein und Französisch und wissen, wer wann bei Kunersdorf gegen wen focht.

Aber dann schreibt Dieterle „im gleichen Jahr“ (sic, S. 110). Auch ein Satz wie

Im Mittelpunkt stand ((sic)) die Predigt mit Bibeltextauslegung, die Lesung durch ein Gemeindemitglied und der Gesang.

überzeugt nicht. Wunderlich ihr „geschupst“ (S. 295) oder „in Zeiten, wo“ (S. 343).

Ausstattung:

Laut Buchtext und Verlag biografiert Dieterle „auf der Grundlage jüngster Recherchen“, doch was sie wo neu ermittelte, erfahren wir im Buch nicht – nur dass ihr beim Gedanken an die Materialberge „ganz schwindlig“ werde (S. 693). Dieterle zitiert zahllose Quellen, in Italien sogar parallel die Tagebücher von Theodor und Emilie Fontane.

Regina Dieterle zeigt einige Bilder, jedoch nicht Fontanes Eltern oder Großeltern, die sie breit vorstellt. Sie schildert ausführlich ein frühes Schreibheft Fontanes, „gut erhalten“ – doch sie zeigt es nicht. Spätere Handschriften sehen wir, und auch eine grobe Zeichnung.

Passend zum behaglichen Erzählstil verunstaltet Regina Dieterle ihren Lauftext nicht mit hochgestellten Ziffern, die zu den Endnoten am Buchende führen könnten. Die rund 70 Seiten Endnoten hinten sind also nicht durchnummeriert, sondern nur seitenweise gruppiert – sehr umständlich, wenn man eine Quelle nachschlagen möchte. (Inhaltliche Vertiefung liefern die Endnoten zum Glück nicht.)

Mittellange Zitate hebt Regina Dieterle nicht typografisch ab, nur wenige mehrabsätzige O-Töne rückt sie ein.

  • Gewicht: 983g
  • Gesamttext ohne IHV: ca. 820 Seiten
  • Haupttext netto: ca. 682 Seiten (eingestreute SW-Bilder nicht herausgerechnet)
  • Anhang netto: ca. 132 Seiten

Auf den inneren Umschlagseiten zeigt die Hardcover-Ausgabe zwei schöne Karten des Fontanelands. Jahreszahlen als Kolumnentitel fehlen, ebenso wie ein Stammbaum. Angesichts des hochaufgelösten Haupttexts wirkt die separate, dichte, 11seitige Zeittafel im Anhang fast zu ausführlich.

Freie Assoziation:

  • Das frühe 19. Jahrhundert der Fontane-Vorfahren erinnert an zeitgleiche Abschnitte in Heinrich-Heine-Biografien, jeweils mit dem durchziehenden Napoleon (Heine erscheint bei Dieterle erstmals kurz im Jahr 1835/S., Heine wie Fontane schrieben über England-Reisen, später besucht Fontane Heines Grab in Paris)
  • Der gelegentlich knorzig-behäbige Erzählton erinnerte mich tatsächlich momentweise an Walter Kempowski
  • Als Kriegsberichterstatter gerieten sowohl Theodor Fontane wie Winston Churchill in Kriegsgefangenschaft, beide schlachteten das Erlebnis publizistisch aus
  • Mehrfach begegnet der Ort Rheinsberg – ob das Tuchos Rheinsberg ist, darauf geht Dieterle nicht ein, sie setzt dieses Wissen wohl voraus

Bücher bei HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert