Kritik Politik-Buch: Alleiner kannst Du gar nicht sein, von Peter Dausend, Horand Knaup (2020) – 7/10 Sterne

Peter Dausend und Horand Knaup liefern interessante Einblicke in die deutsche Politik – auch in wenig bekannte Gefilde wie die Beziehungen Abgeordneter-Mitarbeiter oder Abgeordneter-Partner (ich gendere nicht). Aber richtig investigativ ist das nicht: Sie bringen offenbar nur, was nach Interviews freigegeben oder schon woanders berichtet wurde, auch wenn sie gelegentlich anonymisieren. Amazon-Werbelinks: Dieses Buch von…

Romankritik: Striptease, von Georges Simenon (1958) – 7/10 Sterne

Eine kleine Stripteasebar in Cannes: Die alternden Tanzdamen fürchten die Konkurrenz der blutjungen Neuen. Ein oder zwei wollen zudem den Besitzer erobern. Doch der ist schon verheiratet und polyamor; seine Frau sitzt krank an der Kaschemmenkasse, sie ahnt die Konkurrenz. Amazon-Werbelink: Bücher Georges Simenon Unglamourös, nicht dramatisierend: Georges Simenon (1903 – 1989) recherchierte selbstlos für…

Romankritik: Blasmusikpop, von Vea Kaiser (2012) – 4/10 Sterne

Die Schnurre beginnt 1959: Das österreichische 400-EW-Dorf St. Peter am Anger auf 1200 Meter Höhe hat noch 1969 keinen Fernsehempfang und staunt erst 1974 über den ersten Fernseher. Allerdings törnt der Roman inhaltlich und sprachlich ab: Vea Kaiser setzt auf Klamauk statt Plausibilität und Realismus hat zunächst eine trocken-lässige Stimme, schreibt markantes, aber nicht deftiges…

Kritik Biografie: Françoise Gilot, Die Frau, die Nein sagt: Ihr Leben mit und ohne Picasso, von Malte Herwig (2015) – 4/10

Fazit: Malte Herwig schreibt keine Biografie, sondern eine lange Reportage, eine unkritische Anhimmelung, in der fast nur Françoise Gilot und der Reporter zu Wort kommen. Gilot redet meist über Leben und Kunst allgemein, liefert aber wenig biografische Fakten. Amazon-Werbelinks: Pablo Picasso | Françoise Gilot | Malte Herwig Märchenonkel: Herwig schreibt lebendig und mit eigenen Reporter-Erlebnissen.…

Lese-Eindruck Humor-Buch: Sex am Sabbat, Moderne jüdische Witze, von Ilan Weiss (2010)

Amazon-Werbelinks: Sex am Sabbat | Jüdischer Witz Sowas Schlechtes habe ich selten gesehen. Schon das dreiseitige Vorwort kredenzt falsches Deutsch ohne Ende: „Sie“ und „Ihre“ mehrfach groß statt klein, indirekte Rede in Anführungszeichen und direkte Rede ohne Anführungszeichen – oder ist das auch Humor? Dazu allerlei schmerzhafte Schreibfehler wie „im stehen“ (sic, S. 7). Und…

Buchkritiken: 84 Charing Cross Road (1970) & Die Herzogin der Bloomsbury Street (1973), von Helene Hanff – 7/10 Sterne

84, Charing Cross Road ist ein kauziger, zunehmend persönlicher Briefwechsel zwischen der exzentrischen, buchversessenen Helene Hanff in New York und einem Londoner Antiquariat zwischen 1949 und 1969. Er spielte sich angeblich wirklich so ab. In der Fortsetzung Die Herzogin der Bloomsbury Street berichtet Helene Hanff (1917 – 1997) in Tagebuchform von einer Bildungs- und Publicity-Reise…

Kritik: Theodor Storms Novellen (1861 – 1888) – 7/10 Sterne

1861 – Veronica – 6/10 Junge, schöne Ehefrau gewährt jungem Galan außerehelichen Kuss unter rauschendem Mühlrad – und das als Katholikin, vor dem Osterfest. Der Beichtstuhl wartet, gefühlt sogar das Schafott. Für Stormverhältnisse sehr schmalzig, pompös und anzüglich, dazu aufdringlich religionskritisch. In der Länge eine Kurzgeschichte, aber weil’s Storm ist, eine kurze Novelle. Assoziation: Punktuell…

Kritik Indien-Roman: Ghachar Ghochar, von Vivek Shanbhag (2013) – 7/10 Sterne

Vivek Shanbagh (*1962) liefert interessante Einblicke in indisches Alltagsleben heute, ingesamt stimmig erzählt. Eine Zwei-Generationen-Familie scheint vor dem Abgrund zu stehen, als der Familienvater und Ernährer den Job verliert. Doch sein jüngerer Bruder hat eine erfolgreiche Geschäftsidee, und kurzum bewohnt die Familie sogar ein besseres Haus in einem teuren Viertel. Die Beziehungen zwischen den Akteuren…

Kritik Biografie: Theodor Fontane, von Regina Dieterle (2018) – 7 Sterne

Regina Dieterle berichtet zu ausführlich von Theodor Fontanes Eltern und Großeltern, auch von Napoleon, Preußen und Sachsen. Immerhin schreibt sie meist lebendig und wissenswert für Geschichtsinteressierte. Sie portraitiert vor allem in der ersten Hälfte auch Randfiguren und deren Ehefrauen seitenlang. In Leipzig schreibt Dieterle sogar über Promis, die Jung-Apotheker Theodor Fontane explizit nicht traf: Leipzig…

Kritik Spanien-Bericht: Capricho. Ein Sommer in meinem Garten, von Beat Sterchi (2021) – 3 Sterne

In Andalusien war ich auch mal.

Dies ist teils Autofiktion, teils Huertofiktion. Beides nervt. Denn sonst ist es nichts. Irgendetwas über Landflucht, Klimawandel, persönliche Abenteuer, demografischen Wandel, Bürgerkrieg, Tourismus, spanische oder EU-Politik, Dorfsoziologie etc. sagt Beat Sterchi nicht, auch wenn er ein bisschen über die Szene an der Küste spottet und in der Hängematte Bücher über Spanien ab 1936 liest. Sterchi…

Kritik Schweizer Kuhroman: Blösch, von Beat Sterchi (1983) – 6/10 Sterne

Fazit: Beat Sterchi berserkert mit Sprache und Inhalt, dass es spritzt. Hochdetailliert und wortgewaltig beschreibt er Abläufe auf einem sehr altmodischen Milchviehbauernhof und im Schlachthof. Wie die Kuh Blösch bestiegen und schließlich geschlachtet wird, schildert Sterchi über jeweils mehrere Seiten und ohne Rücksicht auf Sensibilitäten. Amazon-Werbelinks: Beat Sterchi In den Zisternen: Sehr viel Plot gibt…

Kritik Koch-Reportage aus USA, Frankreich: Dreck, von Bill Buford (2020, engl. Heat) – 7 Sterne

Bill Buford praktiziert zunächst kurz bei französischen Starköchen an der US-Ostküste und verbringt dann den größten Teil seines Buchs in Frankreich – samt Frau und dreijährigen Zwillingen. Aus den logistischen Schwierigkeiten und Auseinanderssetzungen in der Familie gewinnt Buford witzige Dialoge. Ansonsten wirkt die häufige Selbstironie im ersten Drittel teils pflichtschuldig und routiniert. Er sagt selbst…

Kritik Koch-Reportage aus USA, Italien: Hitze, von Bill Buford (2006, engl. Heat) – 7 Sterne

Bill Buford schreibt bestens lesbar, reportageartig, und vor allem zu Beginn mit Selbstironie, die mich oft kichern ließ*. Er gibt sich als naiver Koch-Sklave und schildert nicht nur eigene Küchen-Erlebnisse in Italien und New York, sondern auch das Leben seines ersten „Sklavenhalters“, Starkoch und Me-too-Opfer Mario Batali. Auch weitere koch- und lebensmittelbesessene Amerikaner und Italiener…

Krimikritik: Der Fall Galton, von Ross MacDonald (1959, engl. The Galton Case) – 7 Sterne

Fazit: Die Handlung schnurrt gut konstruiert und gut geölt herunter, und Ross MacDonald erzählt ebenso elegant und gut geölt – zu gut: Dialoge klingen geschriftstellert, hübsche Zufälle helfen weiter. Amazon-Werbelinks: Buch Der Fall Galton | Ross MacDonald allg. auf Deutsch | Krimis insgesamt Kultiviert: Der Krimi beginnt genre-typisch: Privatdetektiv Archer betritt eine Anwaltskanzlei, ein Fall-Hintergrund…

Kritik Kurzgeschichten/Essays: Collected Stories, von Raymond Carver (Library of America) – 8 Sterne – mit Links

Fazit: Raymond Carver (1938 – 1988) besticht durch hochrealistische Dialoge und Szenen, die zum Greifen plastisch wirken. Er verzichtet komplett auf absurdes Verhalten und unrealistische Zufälle, wenn auch nicht immer auf unrealistische Entscheidungen und unverständliche oder mehrdeutige Aussprüche gegen Ende der Geschichten. Gelegentlich in späteren Texten wird er zu religiös/humanistisch, bringt zu aufdringliche Symbole. Der…

Kritik Biografie. Raymond Carver, A Writer’s Life, von Carol Sklenicka (2009) – 8 Sterne

Carol Sklenicka schreibt einfühlsam, fast literarisch, gelegentlich mild psychologisierend und in melodischem, gut lesbarem Englisch. Sie bringt die Essenz Carverscher Kurzgeschichten in fast schlichten Worten stimmig auf den Punkt. Sklenicka setzt die Pronomen so, dass Bezüge nie unklar klingen, eine Meisterleistung. Ich würde vielleicht auch Romane von ihr lesen. Sklenicka sprach von 1994 bis 2009…

Kurz-Vergleich Foto-Handys September 2022

Manche Dinge sind Fotografen wichtig, doch sie finden sich nicht immer in Datenblättern oder Testberichten.   Huawei P30 Pro Samsung S22 Ultra Xiaomi Mi 11 Ultra Xiaomi Mi 12 Ultra Google Pixel 7 Pro Honor Magic4 Ultimate Vivo X80 Pro iPhone 14 Pro Max   6,47″, 192g 6,8″, 228g 6,81″, 234g 6,73″, 225g 6,7″, 212g…

Kritik Kurzgeschichte: In the South, von Salman Rushdie – 8 Sterne

Zwei uralte Pensionäre leben schon lange Veranda an Veranda in Chennai. Täglich lästern sie genüsslich übereinander nach liebgewonnenem Ritual. Teils klingen sie leicht konsumierbar lebensweise, teils lustig. In dieser urban indischen Kurzgeschichte von Salman Rushdie passiert zunächst nicht viel. Das ist alles Atmosphäre, Grummeln und Wort-Ping-Pong. Doch der Autor deutet in den ersten Zeilen eine…

Wandern + Radeln in Oberbayern abseits der Hauptwege – Erfahrungen 2022

Der bayerische Wald: …hat meist eine tieftraurige Gestalt: Auf dem Weg von 700 oder 800 NN hoch in Richtung Gipfel durchwandert man trostlosen Fichten-Stangerl-Wirtschaftsforst, ein Verhau aus gefällt herumliegenden Bäumen, dürren Fichten, Wackermännern, dazwischen derb breite Rücke-Spuren von Gefälltem und schwerem Gerät. Hier und da einsame Buche, Bergahorn oder Eiche und ganz viel mickriger, opportunistischer…

9-Euro-Ticket: Mein 9-Euro-Sommermärchen 2022

Ich genoss die ganz große Freiheit: Allerlei Bahnen und Busse planen und kombinieren, nicht über Verkehrsverbünde und Gültigkeiten nachdenken (wie oft hatte ich mir schon Tickets online gekauft, die dann nicht vor 9 Uhr galten, obwohl ich explizit eine Reise um 8 Uhr gesucht hatte) Einfach weiter fahren als geplant oder früher aussteigen als geplant…

Kritik Biografie: Die Löwin. Tania Blixen in Afrika, von Tom Buk-Swienty (2019, or. Løvinden – Karen Blixen i Afrika) – 6 Sterne

Fazit: Tom Buk-Swienty liefert weit mehr Fakten und Bilder als andere Biografen, und er nutzt neu erschlossene Quellen, vor allem zu Blixens Financier und Onkel Aage Westenholz. Er beschreibt ausschließlich Tania Blixens afrikanische Zeit, und das auf über 700 Seiten. Die Biografie lässt sich leicht lesen, obwohl sie (jedenfalls in der Eindeutschung von Ulrich Sonnenberg)…

Kritik Biografie: Walter Spies, Ein exotisches Leben, von Michael Schindhelm (2018) – 5/10 Sterne

Trotz aller Schwächen kann diese Walter-Spies-Biografie kaum ganz missglücken, denn Autor Michael Schindhelm hat fantastisches Ausgangsmaterial: Walter Spies‘ abenteuerliches Leben in Russland, Deutschland, auf Java und Bali mehrere Forschungsberichte zu Walter Spies Walter Spies‘ pfiffige Briefe v.a. an seine Mutter Walter Spies‘ faszinierende Malerei Michael Schindhelm zitiert freilich zu wenig Spies-Briefe zu knapp zu kalauer-orientiert;…

Kritik Kurzgeschichten, Film: Nichts als Gespenster, von Judith Hermann (2003) – 4,71/10 Sterne – mit Video

Nicht nur stilistisch ähneln sich die Geschichten stark, sie bringen auch immer wiederkehrende Motive – als ob Hermann das Immergleiche mit immer neu benannten Figuren aufbereite. Das wirkt sehr repetetiv. Wiederkehrende Motive: Hermanns Akteure blicken glasig unbeteiligt auf die Realität, haben teils keinen Beruf, oft keine klare Beziehung. Eine Ich-Erzählerin moniert „seine abgefuckte Coolness“ –…

Leseeindruck Kurzgeschichten: Sommerhaus, später, von Judith Hermann (1998) – mit Video

Ich konnte mit Judith Hermanns hochgelobten, preisgekrönten Kurzgeschichten sehr wenig anfangen und habe darum nur 4,5 von neun gelesen (s.u.). Die Protagonisten wirken teils willkürlich, aufdringlich unbürgerlich („auf verschiedene Hamster getreten“); nur die Geschichte Hunter-Tompson-Musik klingt umgekehrt zu stromlinienförmig sozialmoralisch. Ich weiß nicht, warum die Kritiker hier vor allem Berlin-Geschichten sehen: Rote Korallen spielt überwiegend…

Kritik Kurzgeschichten: und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus, von Doris Anselm (2017) – 4/10 Sterne

Die Autorin liefert 16 Kurzgeschichten auf netto 179 porös bedruckten Seiten (Luchterhand Hardcover 1. Auflage 2017). Einige dieser „Erzählungen“ (so das Cover fälschlich) spielen in nächtlichen Wäldern und Seen, es leuchtet geheimnisvoll. Dann wieder ist’s urban, wirkt wie Berlin; das sagt die Wahlberlinerin Doris Anselm (*1981) aber nicht. Eine Geschichte spielt tatsächlich vor und in…

Test Sonnenvisier von JIAHG – 7 Sterne

Das Sonnenvisier „JIAHG Unisex Reise Sonnenhut“ wirkt äußerst leicht (54g), definitiv leichter als Baumwoll-bezogene Modelle Schweißband wirkt angenehm unaufdringlich auch nach anstrengenden Aktivitäten Sieht nach Erhalt verknitterter aus als erwartet, aber für mich kein Drama Der Schirm ist mit 8,7 cm ausgesprochen lang. Man hat ihn immer im Blick – das war bei meiner vorherigen…

Kritik Sachbuch: Drei Zimmer Küche Porno, von Philip Siegel (2017) – 6 Sterne

Fazit: Philip Siegel schreibt eingängig, leicht lesbar, meist reportage-artig im Präsens mit viel Dialog und ein paar überraschenden Details. Aber seine Akteure und ihr Hobby sind öde, und auch Siegels Erzählstil erregt mich nicht. Amazon-Werbelink: Philip Siegel Kontaminierte Salzstangen: TV-Journalist Philip Siegel berichtet hochdetailliert von Rudelsex-Dreharbeiten – samt kontaminierten  Salzstangen, Kinderschritten im Hausflur und Last-Minute-Ejakulation…

Kritik Sachbuch: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955, von Harald Jähner (2020) – 7 Sterne – mit Links

Fazit: Harald Jähner schreibt sehr flüssig und eingängig. Er gibt seiner Sozialgeschichte knapp genug Fotos mit. Allerdings störten mich Stilblüten, Zeigefingerei, inhaltliche Inkonsistenzen und zu viel Verallgemeinerung aufkosten von Einzelschicksalen. Amazon-Werbelinks: Harald Jähner | Deutschland Stunde Null | Deutschland Nachkriegszeit Orientierung an Romanen: Harald Jähner orientiert sich in dieser Zeitbeschreibung gern an bekannten Fotografen, Architekten,…

Kritik Memoiren: Joseph Anton, von Salman Rushdie (2012) – 5/10 Sterne – mit Links

Fazit: Salman Rushdie schreibt meist flüssig, fast journalistisch und halbwegs spannend. Doch das Buch funkelt nie, es gibt keinen Dialog und keine Vertiefung in andere Charaktere als Rushdie. Es ist eine nicht endende Reihung immer neuer Komplikationen über viele 100 Seiten: Todesdrohungen, bizarre Ex- und quengelnde oder hohle Neu-Frauen, Trennung vom Sohn, wankelmütige Verlage und…

Kritik Kurzgeschichten: Irische Passagiere, von Richard Ford (2020, engl. Sorry for your Trouble) – 6,89/10 Sterne

Richard Fords Personal ist Ü30 bis Ü50, gehobene Mittelklasse, oft geschieden, teils (auch) verwitwet. Sie sind in Liebesdinge verstrickt. Serielles Heiraten generiert zuviel Personal auf der ersten Seite der Geschichte und dialogfreie, teils verschachtelte Rückblenden. Mehrfach schildert Ford ausgiebig Krankheit und Tod, so dass PW stöhnte: Ford’s unrelenting exploration of life’s bleakness and sadness makes…

Kritik Kurzgeschichten: Unbefugtes Betreten, von Julian Barnes (2011, engl. Pulse) – 6/10 Sterne

Julian Barnes hat oft eine souveräne Erzählstimme und teils bärenstarke Dialoge, ist wiederholt lässig, originell, witzig („‚riding a hobby horse to death is flogging a dead metaphor“). Ich habe tatsächlich öfter gelacht, wann gibt’s das schon. Andererseits handeln zwei Geschichten ziemlich schmerzlich auch von Krebstod – „Barnes writes wonderfully about dying“, schwelgt eine Kritikerin. Gelegentlich…

Romankritik: Schmidt, von Louis Begley (1996, engl. About Schmidt, Teil 1 von 3 der Reihe) – 6 Sterne – mit Video

Im ersten Teil passiert wenig: Hauptfigur Schmidt grübelt langwierig über Kindheit und Ehe-Vergangenheit und über eine juristisch-fiskalisch komplizierte Erbregelung. Es zieht sich. Gelegentlich gibt’s affektierte Fremdwörter, dazu Italienisch und Französisch unübersetzt („tiers incommode“). Und was der zähe Gedankenstrom längst nahelegte, äußert diese Figur dann explizit und bezeichnet sich als „single sixty-year-old codger with no dependents“*.…

Romankritik: Selig & Boggs, von Christine Wunnicke (2013) – 5/10 Sterne

Christine Wunnicke erzählt mit verwirrenden Zeit- und Kulissenwechseln. Hubert Winkels in der SZ lobte, dass Wunnicke von Nahaufnahme zu Nahaufnahm springt, mit aberwitzig frechen Schnitten ((zitiert aus Buecher.de, kein Werbelink)). Ich fand Wunnickes Szenen-Hopping nur unübersichtlich. Gelegentlich springt sie über zwei Generationen hinweg zwischen Hauptfigur Boggs und dessen Großvater. Nachdem ich hörte, dass Wunnicke ihre…

Lese-Eindruck Biografie: Heinrich Heine, Die Erfindung des europäischen Intellektuellen, von Rolf Hosfeld (2014)

Kulturjournalist und Heine-Doktorand Rolf Hosfeld (1948 – 2021)  interessiert sich vor allem für Weltgeschichte, Literaturgeschichte und Philosophie und weniger für Heinrich Heines Alltag und Mentalität. Ich konnte nur die erste Hälfte komplett lesen; dann wurde es mir zu wolkig, und ich habe die zweite Hälfte nur punktuell studiert. Amazon-Werbelinks: Heinrich Heine | Heinrich Heine Biografie…

Romankritik: Daheim, von Judith Hermann (2021) – 7 Sterne

Judith Hermann schreibt betont achtsam, zart, feminin, spröd, mild wunderlich. Teils pseudo-literarisch-lyrisch wie Seit fast einem Jahr lebe ich auf dem Land, an der östlichen Küste ((…)) an dieser Küste Warum schreibt sie nicht „Ostsee“? Warum nicht einen Ortsnamen? Oder heißt die Gegend Daheim? Für echten, kernigen Dialog ist Judith Hermann zu deutsch, aber ganz…

Darauf achten Sie beim Selfie-Fotografieren

Handy-Kamera-Einstellung: So einstellen, dass nicht spiegelbildlich fotografiert wird Zunächst mit normalem Kontrast, nicht mit starkem Kontrast oder gefiltert fotografieren Mit Filtern für Hautweichzeichnung u.ä. experimentieren, bevor man ein wichtiges Selfie macht Eventuell mit Hintergrundunschärfe („Bokeh“, „Blende“) experimentieren, kann evtl. nachträglich geändert werden Front-Kamera (Selfie-Kamera): Schlechtere Bildqualität als Rückkamera Hat keinen richtigen Blitz, aber manchmal Hilfs-Beleuchtung…

Kritik Biografie: Churchill, Walking with Destiny, von Andrew Roberts (2018) – 8 Sterne

Churchill

Starhistoriker Andrew Roberts (*1963) schreibt ungemein flüssig und leicht lesbar. Dazu tragen auch die vielen teils langen, drolligen Churchill-Zitate und -Anekdoten bei. Außerdem lässt Roberts einen Reigen weiterer Zeitzeugen erzählen, etwa George VI. und den UdSSR-Botschafter Maisky. Dazu kommt Roberts‘ scharfer Blick für Koinzidenzen – so etwa, als Churchill vor dem 1. Weltkrieg gegen den…

Kritik Teil-Biografie: Young Titan, The Making of Winston Churchill, von Michael Shelden (2013) – 8 Sterne

Churchill

Michael Shelden behandelt nur den jungen Churchill zu Beginn seiner politischen Karriere: die Jahre 1901 bis 1915, als Churchill 26 bis 40 Jahre alt war. Churchills frühe Kriegsabenteuer in Indien, Sudan, Kuba und Südafrika fehlen ebenso wie seine Zeit als Premierminister im zweiten Weltkrieg. Zwar endet Shelden kurz nach der Gallipoli-Dardanellen-Katastrophe 1915, doch mit dem…

Kritik Doppel-Biografie: The Mountbattens. Their Lives and Loves, von Andrew Lownie (2019) – 5/10 Sterne

Edwina Mountbattens unzählige Reisen, Lover und Promi-Bekanntschaften in den 1920er und 1930er Jahren leiert Andrew Lownie runter wie eine verbalisierte Exceltabelle. Küchenpsychologisiert er doch einmal, klingt es nur peinlich: Now that Dickie was prepared to turn a blind eye to her lovers, they did not hold the same attraction… Restless and bored, Edwina now decided…

Kritik Roman: Queenie, von Candice Carty-Williams (2020) – 5/10 Sterne

Candice Carty-Williams schreibt ein paar witzige Dialoge und Chat-Verläufe, aber letztlich eine Zeitgeist-Soap mit dümmlicher Ich-Erzählerin, gegen Ende sehr unrealistisch. Warum das Buch Preis und Preise von Qualitätsmedien wie Time oder Guardian erhielt, weiß ich nicht. Die junge schwarze Londonerin Queenie, 25, jiepert dümmlich Männern hinterher, u.a. ihrem weißen Ex-Freund Tom, trifft sich mit Freundinnen,…

Radio-Podcasts mit *langen* Gesprächen

Die großen Radio-Talks: Schriftsteller, die ein Buch und Regisseure, die einen Film promoten wollen, kommen zu langen Gesprächen in die öffentlich-rechtlichen Radiosender. Jeder TV-Komiker und jede Tatort-Standby-Leiche darf auch. Gäste ohne Verkaufsinteresse scheinen selten. Die rund einstündigen Gespräche (inkl. Musik) heißen z.B. „Eins zu Eins. Der Talk“ (BR2) oder „Doppelkopf“ (HR2). Mit Glück wird ein…

Kritik Thailand-Buch: Love, Money and Obligation: Transnational Marriage in a Northeastern Thai Village, von Patcharin Lapanun (ersch. 2019) – 7 Sterne – mit Links

Dies ist ein sprödes Soziologiebuch. Es steckt voller Statistik und Verallgemeinerung aus den Nullerjahren und davor – Eheschließungen, Migration, Gelderwerb, Landwirtschaft, Familienorganisation, Landesgeschichte, Tourismus, Ost-West-Kinder, Glaube, Thai-Familie. Eingestreut sind ein paar kurze Fallgeschichten von Thai-Paaren, gemischten Paaren und einzelnen Thailänderinnen, wiederum spröde erzählt. Eine mehrseitige „Conclusion“ am Ende jedes Kapitels und ein eigenes „Conclusion“-Kapitel am…

Erfahrung Anti-Rutsch-Streifen für Innentreppe (Cocofy, Yisun)

Fazit: Meine zwei getesten Produkte von Cocofy und Yisun (s.u.) vom Typ „Wabe/Diamant“ stoppen sehr deutlich (getestet mit glatten Socken). Der sicherheitstechnische Nutzen überwiegt den optischen Schaden klar. Beide Anti-Rutsch-Streifen fallen auf meiner gescheckten Steintreppe kaum auf. Nur bei tiefem seitlichem Licht sieht man sie  deutlich. Dass sie sich vielleicht einen Millimeter erheben, spürt man…

Kritik Roman: Stolz und Vorurteil, von Jane Austen (1813, engl. Pride and Prejudice) – 7 Sterne – mit Videos

Um Seite 50 herum wollte ich das Buch fast rauswerfen. Ich überblickte das zahlreiche Personal nicht ganz – nicht mal mit den Personenlisten und kernkraftwerkschaltplangleichen Organigrammen aus der Wikipedia. Außerdem erschien mir das Gedankengut vieler Protagnisten allzu hohl, nur auf Konvention, Geld und bella figura gerichtet: Mr. Bingleys stattliches Vermögen, bei dessen Erwähnung ihre Mutter…

Lese-Eindruck Sachbuch: Der Elefant im Zimmer (2020), von Petra Morsbach

Petra Morsbach bespricht drei eklatante Fälle von Machtmissbrauch: Oberkatholische Kinderschänder, Vertuschung privater Geschäfte einer Regierungsangehörigen, Machtwillkür in einer Künstlerorganisation. Zweimal Bayern, einmal Österreich. Jeder Fall bekommt grob 100 Seiten, dazu noch Vorwort, Nachwort, Endnoten etc. Morsbach schreibt gründlich mit Spiegelstrich-Listen, 442 Endnoten, ein paar Fußnoten und allerlei Unterkapiteln. Ständig reißt sie Dinge an, die erhofft…

Kritik Sachbuch: Die Schlange im Wolfspelz, von Michael Maar (2020) – 8 Sterne

Kulinarische Feinschmecker gehen auf die Fressmeile oder auf den Naschmarkt, Literar-Gourmets verkosten die Proben in diesem Buch: Es liefert Hunderte oder Tausende interessanter Zitate aus der deutschen Literatur, viel Gelungenes und ein paar köstliche Flops. Dazu die knackigen Kommentare des Michael Maar im Sound del Maar: Brillant eingängig, fluffig intellektuell, mal frech, endlos belesen, aber…

Lese-Eindruck Sachbuch: Portraits, von Gerhard Roth (2012)

Die Zeitungsarbeiten über Zeitgenossen und ein paar tote Künstler haben mich kaum angesprochen. Gerhard Roth (1942 – 2022) kapriziert sich als nachdenklich-wunderlich, schreibt etwa über seinen Kanzler: Bei der Besichtigung des (zu) großen Kongresszentrums übergibt Kreisky nach einiger Zeit schwitzend Hut und Mantel einem Sekretär und wischt sich mit einem großen weißen Taschentuch die Stirn,…

Lese-Eindruck: Ist es nicht schön hier, von Te-Ping Chen (2014, engl. The Land of Big Numbers) – mit Links

Von einer Top-US-Journalistin mit langer China-Erfahrung erwartet man perfekt realistische Kurzgeschichten aus China. Die gibt’s aber in diesem Buch nicht: Ein paar Geschichten sind wohl offen surreal. Bei anderen Texten nagt die Frage: Kann das sein? Ist China so? Ich habe darum nur zweieinhalb Geschichten auf Englisch online gelesen. Sie sind atmosphärisch und recht stilsicher.…

Romankritik: Aufregende Zeiten, von Naoise Dolan (2020, engl. Exciting Times) – 8 Sterne

In Hongkong hat der reiche Banker Julian, 28, Brite, eine WG+ mit der armen irischen Englischlehrerin Ava, 22: Sie lebt gratis bei ihm, packt seine Koffer, erledigt den Müll und erträgt seine billigen chinesischen Zigaretten; nachts geht’s manchmal in die Kiste, zumindest oral. Aushälter und Haushälterin betonen das Unverbindliche, letztere etwas zähneknirschend. Ihre Sicht zu…

Romankritik: Meine dunkle Vanessa, von Kate Elizabeth Russell (2020, engl. My Dark Vanessa) – 8 Sterne

Kate Elizabeth Russell beschreibt die Annäherung des etwa 42jährigen Englischlehrers Strane an seine verhuschte, 15jährige Schülerin Vanessa atemraubend genau: Worte, Gesten, Berührungen, nur leicht übergriffig, sensibel rückversichernd, gleichwohl zielorientiert. Die Literatur-affine Vanessa ist verwirrt, bald ergeben. Das liest sich oft sehr gut, auch dialogreich. Wie andere US-Autoren, die literarisches Schreiben studierten (John Irving, T.C. Boyle)…

Kritik Memoiren: Die Einwilligung, von Vanessa Springora (2020, frz. Le Consentement) – 7 Sterne

Diese Memoiren sind nach meinem Geschmack, denn Männer werden in die  Ei  Tonne getreten: Der Vater ein bindungsunfähiger Wüterich mit Sexpuppe Schon als Kind Begegnung mit Exhibitionist Die Liebhaber der Mutter sagen der nachts hörbar „Dreh dich um“ und sonst nicht viel Der viel ältere Verehrer hat Glatze, dazu passend das „gefräßige Lächeln eines großen…

Romankritik: Rose Royal, von Nicolas Mathieu (2019) – 3 Sterne

Das ist gutteils eine unrealistische Räuberpistole: Französische Angestellte ordert Feuerwaffe aus USA, spaziert damit wochenlang durch Paris, dann wird die Waffe zweimal geplant ausgerechnet in Kneipe und Luxushotel abgefeuert. Sonst noch? Auch im übrigen Romänlein bleiben Mathieus wenige Figuren unplausibel, außerdem wenig konturiert (abgesehen von Lucs vielgelobtem kantigem Gesicht). Dazu kommen Altklugscheißereien: Aus Isolation und…

Kritik Arzt-Geschichten: Jetzt tut es gleich ein bisschen weh, von Adam Kay (2017, engl. This Is Going to Hurt) – 7 Sterne

Ex-Arzt Adam Kay (*1980) schreibt bitter, zynisch, trocken, derb, selbstironisch – so Fulminantes liest man selten. Humor, Tragik und Blutgefäße explodieren in diesem UK-Bestseller zugleich. Kay karikiert hart die Idiotie vieler Krankenhausbediensteter die Idiotie vieler Krankenhausbesucher die idiotischen Arbeitsbedingungen im NHS, dem englischen Gesundheitssystem und betont im Gegenzug immer wieder die eigene Empathie und Aufopferungsbereitschaft,…

Kritik Roman und 2 Verfilmungen: Überredung, von Jane Austen (1817, engl. Persuasion) – 7 Sterne – mit Videos

Der Roman: Jane Austen plaudert elegant, markant und flüssig (im englischen Original; nicht in meiner mittelprächtigen Eindeutschung; s.u.). Sie schafft spannende soziale Situationen, lebhafte Dialoge und plastische Kulissen, ohne unrealistisch, melodramatisch oder aufdringlich symbolisch zu werden – es klingt fast wie genau beobachtete Gesellschaftsreportage oder nüchternes Tagebuch. Die Geschichte ist „erwachsener“ und weniger satirisch als…

Lese-Eindruck: Jane Austen, A Reader, Ein Lesebuch, Hg. Eva Leipprand (2001, dtv 2012)

Herausgeberin und Übersetzerin Eva Leipprand bringt zweisprachige Auszüge aus Janes Austens bekannten Romanen wie Emma, Überredung, Verstand und Gefühl, Stolz und Vorurteil. Weitere Auszüge stammen aus Jane Austens weniger bekannten Werken und aus Austens Briefen, u.a. an ihre Schwester Cassandra. Leipprand bringt rund 25 bis 35 Seiten pro Roman. Die aus dem Zusammenhang gerissenen Passagen…

Lese-Eindruck: Das Reich der Deutschen (2016, Spiegel-Buch, hgg. von Nils Klawitter, Dietmar Pieper)

Zu magazinig: Laut Inhalt stammen die 33 Beiträge von „Vorwort“ bis ‚“Preußen muss untergehen’“ von 20 Autoren (ich gendere nicht) (deshalb bin ich auch arbeitslos). Die Artikelsammlung erschien zuerst im Heft Spiegel Geschichte 3-2016 – und das ist gebraucht deutlich teurer als die Hardcover-Buchfassung. Ich hatte das Hardcover, und es wirkt zu magazinig: Die Aufsätze…

Lese-Eindruck: Kulturgeschichte der Neuzeit, von Egon Friedell (1927-1931)

Insidergespräche: Die Kapitel in meinen Stichproben richten sich an Insider. Friedell liefert Kommentar und kein Lehrwerk, keine Grundlagen. Ein Beispiel: Über Martin Luther sagt Egon Friedell auf Seite 282: Luthers Jugendgeschichte hat einen wahrhaft dramatischen Charakter; sein Mönchsgelübde unter Blitz und Donner, sein Thesenanschlag, die Disputation zu Leipzig… große Szenen von welthistorischem Wurf und Gepräge…

Online-Dating mit Asiatinnen – Die besten Tipps für Dein Profil, Euer Chat, das erste Date

Stand Januar 2022  |  © fully copyrighted © |  see English version Hier folgen Tipps zum Online-Dating mit Südost-Asiatinnen, u.a. Thailänderinnen und Filipinas. Es geht um ernsthafte Beziehungen, nicht um schnellen Aufriss. Links zu den Kapiteln: Einige Webseiten für für Online-Dating mit Asiatinnen Zu heiß, um wahr zu sein – Betrug vermeiden Dein Dating-Profil –…

Online-Dating with Asian Ladies – The Best Tips for Your Profile, Your Chat, Your First Date

Updated January 2022  |  © Fully Copyrighted © |  Deutsche Fassung This is about online dating with Southeast-Asian ladies, including Thai women and Filipinas, concentrating on serious longterm relationships, not on short flings. Links to the sections: Some Websites for Online-Dating with Asians Too Hot to Be True – Avoiding Scams Your Dating Profile –…

Romankritik, Filmkritik: Der Liebesbrief, von Cathleen Schine (1995, 1999, engl. The Love Letter) – 6 Sterne – mit Video

Der Roman (1995, 6 Sterne): Fazit: Cathleen Schine schreibt eine gedruckte romantische Komödie, fluffig, lustig, unrealistisch, etwas belanglos. Die Hauptfigur, Buchhändlerin Helen, ist Ü40, lässig, attraktiv, unliiert und produziert ebenso wie das andere Buchpersonal unentwegt coole Einzeiler – unplausibel, aber vergnüglich. Ein Beispiel (ich kenne nur das engl. Original): You read my mind even when…

Kritik Dating-Memoir: Zum Glück gibt’s Anzeigen, von Christian Nürnberger (1993, 2002) – 3 Sterne

Top-Journalist Christian Nürnberger findet und heiratet die Studentin und spätere Top-Journalistin Petra Gerster per Print-Kontaktanzeige 1982 in der „Zeit“. Nürnbergers textet sein Buch über diese Eroberung flott, der Inhalt ödet aber an: Nürnberger verallgemeinert, er spekuliert, er zitiert länglich Filmszenen statt wahres Leben. Als wolle er das Manuskript angestrengt längen. Nürnbergers eigene Kontaktanzeige und die…

Romankritik: Die Ladenhüterin, von Sayaka Murata (2018) – 3 Sterne

Ich-Erzählerin Keiko Furukura hat ihr Studium abgeschlossen, bleibt aber weiter kleine Angestellte in einem Tokioter Minimarkt (einem Konbini). Sie redet bewusst wie ihre Kollegen, kleidet sich wie ihre Kollegen, isst nur den Fraß aus dem Minimarkt, oft im Hinterzimmer des Minimarkts. Sie pflegt wenig Kontakte außerhalb des Ladens. Aufdringlich betont sie, wie sie im System…

Kritik Kurzgeschichten: Und so verlierst du sie, von Junot Díaz (2012, engl. This Is How You Lose Her) – 7 Sterne

Die meisten der neun Kurzgeschichten zeigen Ich-Erzähler Yunior als jungen Mann, der aus der Dominikanischen Republik in die USA einwanderte. Yunior erzählt zunächst in maulfaul-saucoolem Slang von heißen Weibern, aber richtig rund läuft nichts – selbst dann nicht, wenn er sich mal als Frauenversteher geriert. Der aufgesetzt kaugummimalmend gleichgültige Ton der ersten Geschichten wirkt repetitiv…

Kritik Kurzgeschichten: Abtauchen, von Junot Díaz (1996, engl. Drown) – 7 Sterne

Themen sind das ärmliche Leben in der Dominikanischen Republik, Statuskämpfe, der Traum von Amerika, dann Unterschichtleben, Kleinkriminalität und immigrantisches Hocharbeiten in der US-Vorstadt, Familientristesse, Untreue. Creative-Writing-Professor Junot Díaz (*1968) entwirft keine runden Handlungsbögen: Er reiht kleine Vignetten auf, die Geschichten enden unspektakulär. Das Ambiente stößt oft ab, doch haben die Geschichten bei aller Episodenhaftigkeit etwas…

Lese-Eindruck Biografie: Martin Luther und Katharina von Bora, von Petra Gerster, Christian Nürnberger (2016)

Das Autorenpaar schreibt herzhaft populär/-istisch (S. 83): Und so war nun erst einmal Wahlkampf im Heiligen Römischen Reich, und dabei ging es zu wie in der FIFA und dem IOC. Es flossen reichlich Bestechungsgelder Oft sind das knappe, knackige „Sätze“ (S. 14): Wir brauchen diesen Kampf nicht zu gewinnen, denn er ist schon gewonnen. Von…

Lese-Eindruck Biografie: Der Mensch Martin Luther, von Lyndal Roper (2016)

Intention der Autorin: Laut Vorwort plant die Oxfordprofessorin Lyndal Roper  „eine psychoanalytisch beeinflusste Biographie“, sie möchte „Luther selbst verstehen“, „seine Seelenlandschaft“, und nicht nur seine theologische Entwicklung nachzeichnen. Ropers Vater war „einige Jahre lang Pastor einer presbyterianischen Gemeinde“ in Australien. Roper über sich: Ich bin kein Kirchenhistoriker, sondern eine Religionshistorikerin, die von der Sozial- und…

Kritik Kurzgeschichten: The Stories of John Cheever (1946-1978) – 6 Sterne

Cheever schreibt flüssig, gefällig und sehr griffig. Viele Geschichten (Liste ganz unten) überziehen jedoch deutlich: Autofahrer blickt geliebte Frau an und tötet sie durch Fahrfehler, ein Familienmitglied redet aus heiterem Himmel viel zu grob, man erschlägt sich gar hinterrücks, ein Mann in Geldnot bricht mehrfach bei schlafenden Nachbarn ein, völlig überraschender Tod im vorletzten Absatz,…

Kritik Psychologie-Liebe-Geschichten: Die Liebe und ihr Henker, von Irvin D. Yalom (1989, engl. Love’s Executioner) – 8 Sterne

Die fiktionalisierten Fallgeschichten sind mal 15, mal 50 Seiten lang (ich kenne nur das engl. Original, nicht die Eindeutschung von Hans J. Heckler). Ein Highlight ist wohl die Geschichte der „Fat Lady“ Betty: Yalom beschreibt ihre Diäterfolge mitreißend wie einen Sportwettkampf und zieht Parallelen zu ihrer Jugend, als sie zuletzt ähnlich wenig wog, und er…

Lese-Eindruck: Glückliches Ende, Roman von Isaac Rosa (2018, sp. Feliz final)

Das Buch beginnt mit einer nicht enden wollenden, wehleidigen Wohnungsräumung Mehrseitige Passagen erscheinen durchgehend kursiv, nicht lesefreundlich* Mehrseitige Passagen erscheinen ohne Absatz, nicht lesefreundlich; z.B. S. 58 – 61 und S. 73 – 114 durchgehend ohne Absatz, dito S. 224 – 226 Tippfehler „norjdeuropäischem“, sic, schon S. 15 Die Übersetzung überzeugt mich nicht, einerseits soll…

Buchkritik: Das ganze schrecklich schöne Leben, von Konstantin Wecker, Günter Bauch, Roland Rottenfußer (2017) – 5 Sterne

Die Beiträge von Konstantin Wecker konnte ich nicht ganz lesen, sie klangen mir oft zu wolkig, zu schwülstig, zu pastörlich. Zum Beispiel: Kein Wassertropfen gleicht dem anderen, keine Schneeflocke ist identisch mit einer anderen – und kein menschliches Leben, und sei es noch so angepasst, gleicht einem anderen. Ich danke ihnen für mein Aufgehobensein in…

Romankritik: Mittagsstunde, von Dörte Hansen (2018) – 7 Sterne – mit Video

Dörte Hansen hat tolles Material an der Hand: Echte Dörfler vom   Alten   platten Land, die prächtig Dialekt reden; interessante Details aus Landwirtschaft und Land-Wirtschaft; drei Generationen. Terroir ohne Ende. Sie verwebt ihre Motive vielfach, alles hängt mit allem zusammen. Was die Autorin nicht hat: Eine knackige Handlung. Und vorhandene Plotspuren versteckt Dörte Hansen noch aufwändig.…

Romankritik. Einer von uns, von Chinua Achebe (1966, engl. A Man of the People) – 5 Sterne

Ich-Erzähler Odili Samalu ist zunächst ein kleiner Lehrer in einer privaten Dorfschule – gut gebildet zwar, doch er will mit der korrupten Staatsbürokratie im postkolonialen Nigeria nichts zu tun haben. Dann gerät Odili ins Umfeld des mächtigen, brunzdummen Kulturministers Chief the Honourable M. A. Nanga, M.P.; dessen Umtriebe, Eitelkeiten und hohlen Sprüche schildert der Ich-Erzähler…

Romankritik. Nur die Tiere, von Colin Niel (2017, frz. Seules les bêtes) – 5 Sterne – mit Video

Die Geschichte ist gutteils grotesk unglaubwürdig. Doch Colin Niel begint mit einer zunächst ansprechenden, realistischen Handlung aus dem ländlichen, rauen Frankreich. Der Ex-Agrarwissenschaftler liefert stimmige Details aus der Landwirtschaft (es könnte jedoch noch plastischer sein) und produziert interessante Analogien, so über einen Menschen: zaudernd wie ein Tier, das nach einem langen Sommer den Stall betritt…

Romankritik: Der Postbote klingelt immer zweimal, von James M. Cain (1934, engl. The Post Man Always Rings Twice) – 5 Sterne – mit Video

Die Dialoge sind kalt, knapp und cool. Die Sätze kurz. Die Kulisse wirkt staubig und reell, eine einsame Tankstelle in kalifornischer Pampa in den 1930ern. Doch dann kommen die Schwächen. Der Krimi protzt mit Stil, nicht mit Substanz, er ist unrealistisch und wirr. Erst türmt Autor James M. Cain Zufall auf Zufall: Beim Mordversuch fährt…

Buchkritik. Goethe und Friederike, Wahrheit und Dichtung, von Theo Stemmler (2019) – 5 Sterne

Dies ist eine Plauderei unter Gelehrten, eine Materialsammlung, aber keine Teil-Biografie für Laien. Ein Narrativ, ein Gefühl für den Lauf der Zeit entsteht nicht: Bei der Gliederung orientiert sich Autor Theo Stemmler nicht an der Chronologie, sondern an unterschiedlichen Quellen, die mehrfach neu ansetzen, oder an undefinierten Kriterien. Goethes frühe Herzensdame Friederike Brion interessiert den…