Kritik Roman: Eine Liebe, von Sara Mesa (2020) – 7,5/10

In Andalusien war ich auch mal.

Sara Mesa schildert die Isoliertheit der Frau in ihrem neu angemieteten, vergammelten Landhaus einfühlsam und nachvollziehbar. Der Leser wohnt bald selbst dort, wundert oder ärgert sich über die seltsamen Kontakte wie den grobschlächtigen Vermieter oder den undurchsichtigen Píter – was will der wirklich, außer sie mit Ratschlägen überhäufen? Und was will sie selbst – das ist widersprüchlich, aber darin auch nachvollziehbar. Die Annäherung an den scheuen und offenbar vorgeschädigten Hund Sieso wirkt ebenfalls reizvoll, auch wenn mich so etwas normal nicht interessiert.

Mesa beobachtet genau, schreibt z.B. (Seite 76:

….nimmt sie auch eine untergründig mitschwingende Unsicherheit war – vollständig beherrschen kann er seine Unruhe offenbar nicht. Da verspürt Nat eine sanfte Zärtlichkeit, die aber sogleich wieder verfliegt. Sie sagt sich, dass…

Oder Seite 101:

Sie ist erst spät in der Nacht … zurückgekehrt, bis zuletzt hat sie gehofft, er werde sie bitten, dazubleiben – damit sie dann Nein sagen kann…

Übersetzung:

Die Übersetzung von Peter Kultzen klingt hervorragend – nicht ein falscher Ton fiel mir auf. Ich habe den Eindruck, dass er relativ frei eher nacherzählt als streng wörtlich übersetzt – darauf deutet mir vor allem wörtliche Rede wie

”Jetzt spiel mal nicht die Paragraphenreiterin… Er macht sein eigenes Ding”

Ich habe die Übersetzung aber nicht am spanischen Original überprüft. Und ich weiß nicht, ob heute noch ein deutscher Mann den Roman einer spanischen Frau über eine spanische Frau übersetzen darf – das ist doch kulturelle Aneignung?

Die Ortsnamen aus dem Roman finde ich nicht auf der Karte, zumindest nicht in Spanien (jedoch in Kolumbien). Beim Wohnort der Hauptfigur, La Escapa, hatte ich auch keinen Treffer erwartet – ein sehr aufdringlicher Ortsname für den Wohnort einer Aussteigerin. Fehlte nur noch, dass das französische Buch, dass sie übersetzt, La livre heißt.

Sara Mesa erzählt hervorragend, und zumindest auf Englisch gibt es noch zahlreiche Romane und Kurzgeschichten von ihr. Ich weiß aber nicht, ob ich noch einmal in ihren Kosmos zurückkehren möchte – die Geschichten scheinen keinesfalls das Herz zu wärmen. Auch die Verfilmung von 2023 muss ich nicht sehen (ein paar Fotos daraus aber schon).

Auf und zu:

Seltsamer Widerspruch: auf Seite 18 heißt es innerhalb eines Absatzes

Trotz der Wanderungen und der körperlichen Arbeit schläft sie nachts schlecht. Die Fenster zu öffnen traut sie sich nicht. Nicht nur wegen der Mücken… wenn sie für die Nächte wenigstens einen Ventilator hätte, sagt sie sich, könnte sie die Fenster zumachen, und alles wäre angenehmer

Und in der ersten Buchhälfte hat sie ständig Angst davor, der Machovermieter dringe mit seinem Schlüssel ungebeten in ihr Häuschen ein. Sie könnte ihren Schlüssel innen stecken lassen, eine Kette anbringen oder das Schloss tauschen – nichts davon zieht sie in Erwägung.

Den Titel des Originals, Un amor, nennt der Wagenbach-Verlag wie immer nur auf der letzten Buchseite.

Assoziation:

Die genaue, nüchterne Beobachtung (nicht aber die Sprache) kann an Alice Munro erinnern, und Sarah Mesa sagte im Interview, sie lernte

a lot from writers like Alice Munro, for example, in her way of approaching human nature: she doesn’t avoid writing about its harshness, but she is clear-eyed about it, free of fury.

Weitere Assoziation: das Sachbuch Leeres Spanien.

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