Deutschland

Buchkritik: Ein Mann der Kunst, von Kristof Magnusson (2020) – 4 Sterne

Kristof Magnusson liefert hier wieder reizvolle Einblicke in selten literarisierte Bereiche – nicht nur in den Kunstbetrieb, sondern auch in öffentliche Gremien und in Baustellen aus Architektensicht. Der Autor spießt deutsche Sprachmoden hübsch auf: ein E-Zigaretten-Start-up heißt Dampferando, ein Kunstmagazin Visualitäten, die Jungwinzer sind die Weinpiraten. Kristof Magnusson bei Amazon (Werbe-Link) Magnusson liest sich federleicht,…

Romankritik: Schäfchen im Trockenen, von Anke Stelling (2018) – 4 Sterne

Fazit: Ich-Erzählerin Resi, um 40, lebt mit Mann und vier Kindern in einer zentralen Berliner Mietwohnung, die sie von langjährigen Freunden mieten. Diese Freunde ziehen in einem selbst finanzierten Bauprojekt zusammen. Resis Familie kann und will hier finanziell nicht mithalten. Die Freunde kündigen ihr zudem ihre derzeitige Mietwohnung – und das auf schwierigem Wohnungsmarkt. Zugleich…

Romankritik: Emil und die drei Zwillinge, von Erich Kästner (1935) – 5 Sterne

Friede, Freude & auch Eierkuchen herrschen in Neustadt, Berlin & auch in Korlsbüttel: Penetrant harmonisch geht’s zu zwischen Jung und Alt, zwischen Arm und Reich in diesem Sequel zu „Emil und die Detektive“. Zwei Jahre danach: Die Geschichte spielt zwei Jahre nach „Emil und die Detektive“, versammelt alle Hauptakteure dieses Romans, zeigt aber eine neue…

Romankritik: Ein anständiger Mensch, von Jan Christophersen (2019) – 6 Sterne

Jan Christophersen konstruiert in den ersten zwei Buchdritteln eine dramatische, intime, fesselnde Geschichte. Zwei intelligente Paare verbringen ein Wochenende in einem entlegenen Ferienhaus. Sofort gibt es ungute wie auch erotische Spannungen in alle Richtungen. Die wenigen Umgebungsdetails und Nebenfiguren fügen sich gut in die Handlung; nichts wirkt an den Haaren herbeigezogen, Dialoge und Figuren scheinen…

Romankritik: Echo, von Jan Christophersen (2014) – 4 Sterne – mit Video

Fazit: Aufbau und Figuren des kleinen Romänchens sind überkonstruiert und leblos. Dies ist keine Geschichte, sondern ein Schreibexperiment – gescheitert. Tom schwieg: Jan Christophersen schildert zunächst Gefühle und menschliche Entwicklungen recht genau – einerseits. Doch während die wichtige Nebenfigur Sascha deftig erscheint, bleiben die Protagonisten Tom, Aga und Gesa völlig diffus. Was passiert zwischen Tom…

Romankritik: Die Schule der Nackten, von Ernst Augustin (2003) – 4 Sterne

Ein hochgebildeter Mann verbringt einen amüsanten Sommer in einem MünchnerMünchner FKK-Bad und verwertet das Gesehene literarisch. Als es Mitte September zu frisch wird, das gesammelte Material aber für einen Roman noch nicht reicht, besucht der Erzähler ergänzend ein esoterisches Nacktselbstfindungsseminar, das wie erwünscht weiteren kuriosen Stoff liefert. Am Ende folgt noch eine innenarchitektonisch völlig bizarre…

Romankritik: Bilder deiner großen Liebe, von Wolfgang Herrndorf (2014) – 6 Sterne

Ein halbwüchsiges Mädchen büchst aus der Anstalt aus, schlägt sich tage- und wochenlang durch die Büsche – das klingt wie, das ist wohl die Vorgeschichte zu Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman Tschick. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich: In Bilder deiner großen Liebe beweist Herrndorf (1965 – 2013) wieder seine markante, unaufdringliche und anziehende Erzählstimme…

Buchkritik: Leichtes Licht, von Hans Pleschinski (2005) – 5 Sterne

Diesen Kanaren-Trip setzte Hans Pleschinski gnadenlos von der Steuer ab, bis hin zum Cappu am Flugsteig, Seite 12: „2 Euro 80.“… Zu D-Mark-Zeiten hatte der Kaffee hier auch schon 2,80 gekostet. Hans Pleschinski plaudert possierlich dahin, allerlei feuilletonistisch Verspieltes kommt seiner Protagonistin in den Sinn, neben zierlichen Gehässigkeiten über Prolls, Bordfraß und die „nicht durchwegs…

Romankritik: Seehamer Tagebuch, von Isabella Nadolny (1960) – 4 Sterne

Das Tagebuch geht über ein Jahr – circa 1960 – und Nadolny trägt viele Belanglosigkeiten ein, speziell bei ihrem Segeltörn auf dem Mittelmeer und nach der Zeitungslektüre. Isabella Nadolny  (1917 – 2004) ist sprachlich gut und gediegen, wie schon im autobiografischen Vorgänger Ein Baum wächst übers Dach. Doch diesmal nörgelt Nadolny sauertöpfisch über Zeitgenossen, deren…

Romankritik: Cecile, von Theodor Fontane (1886) – 5 Sterne – mit Fontane-Übersicht

Fontane hat viele interessante Frauenfiguren geschaffen (der New Yorker nannte ihn „Heroine Addict“) – so Effi Briest; die Lene aus Irrungen, Wirrungen; oder Melanie aus L’Adultera. Cécile aber ist anders: Jung, und verheiratet mit einem weit älteren, höflichen Oberst – so weit, so fontanesk –, leidet sie maßvoll in einer Kurpension im Harz vor sich hin.…

Romankritik: Die Poggenpuhls, von Theodor Fontane (1895) – 6 Sterne – mit Übersicht

Dieser besonders kurze Gesellschaftsroman hat besonders wenig dramatische Entwicklung – kein Selbstmord, kein Ehebruch, keine aufblühende Liebe, keine vergebliche Liebe, nicht mal eine Hochzeit. Ein älterer Herr stirbt irgendwann, mehr passiert nicht. Die verarmte Majorswitwe Poggenpuhl mit fünf erwachsenen Kindern kämpft beständig gegen die Geldnot und ihren sinkenden sozialen Status. Ihre Kinder äußern in den…

Romankritik: Unwiederbringlich, von Theodor Fontane (1891) – 6 Sterne – mit Presse-Links & Übersicht

Völlig überraschend kommt im letzten Fünftel echtes Drama in den lange dahinplätschernden Roman. Fontane schreibt die Ehebruchiade mit sicherer Stimme, chronologisch, in nuancierten Dialogen – das liest man gern. Den Unterschied zwischen dem lockeren Ehemann und seiner gestrengen Gattin formuliert Fontane jedoch überdeutlich, in ihren eigenen Dialogen als auch in den Kommentaren der Umgebung. Der…

Romankritik: Stine, von Theodor Fontane (1889) – 6 Sterne – mit Fontane-Übersicht & Links

Nach Fontane-Art herrscht heiteres Geplauder unter Adelsleuten und Kleinbürgern in Berlin. Hier wirkt die Sache etwas schäbig, weil die verwitwete, aber mit zwei Kindern von zwei Männern geschlagene Pauline Stippkowitz sich allzu dezidiert einem schmierigen älteren Single-Baron zur Verfügung stellt, den sie gar nicht mag. Manche Dialoge wirken sogar überdehnt, als ob Fontane den kurzen…

Romankritik: Leichte Verfehlungen, von Elke Schmitter (2002) – 6 Sterne

Berliner Akademikerinnen um die 40 in allen Lebenslagen: In Diskussionsgruppen zu Derrida oder Schnitzler; im Diskurs mit Zugehfrauen, Kleinkindern und One-Night-Stands; beim Gynäkologen, beim Theaterworkshop und bei bizarren Schwiegereltern in spe. Nonstop fließen Weißwein, qualmen Zigaretten, und die Kellner sind eine Zumutung. Schmitter – zu unterschiedlichen Zeiten auch Redakteurin bei taz und Spiegel – spießt…

Romankritik: Unter Einzelgängern, von Christopher Kloeble (2008) – 4 Sterne – mit Presse-Links

Die Handlung ist nicht ohne Finesse und phasenweise spannend mit zwei kleinen, gutbürgerlichen Familien und einer Geschichte in der Geschichte. Sie kreist aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen immer wieder um dieselben traumatischen Ereignisse. Ich habe nicht alles komplett verstanden, und meines Erachtens gleitet das Buch gegen Ende in ein irrelevantes Fabulierspiel ab (aber ich kann…

Romankritik: Veras Tochter, von Elke Schmitter (2006) – 4 Sterne – mit Presse-Links & Video

Elke Schmitter liefert hier eine Fortsetzung ihres Ehebruch-Romans Frau Sartoris (2000). Dieses frühere Buch handelte auch von Frau Sartoris‘ zuletzt 16jähriger Tochter, die mit einem dubiosen Typen zusammenkam. Im zweiten Roman wird scheinbar die Tochter zur Ich-Erzählerin: Sie ist schon 40 Jahre alt und blickt vor allem auf die Ereignisse ihrer Jugend zurück – der…

Romankritik: Quasikristalle, von Eva Menasse (2013) – 6 Sterne – mit Video

Fazit: Eva Menasse schreibt und beobachtet gut. Doch ihr Roman zerfällt in viele Einzelepisoden mit ständig wechselnden Hauptfiguren und Erzählperspektiven. Die eine wiederkehrende Figur – Roxane Molin – gewinnt keinerlei Kontur. Fast wie eine Kurzgeschichtensammlung: Eva Menasse schildert das Leben der Roxane Molin (kurz Xane) über mehrere Jahrzehnte seit den 1980ern in Österreich, später vor…

Rezension: Lotte in Weimar, von Thomas Mann (Roman 1939) – 4 Sterne

Fazit: Sprachlich enorm funkelnd, jedoch über lange Strecken praktisch ohne Handlung, eine Abfolge von Monologen, kaum als Roman zu bezeichnen. Weimar zwitschert: Sie plaudern und palavern, sie schalmeien und charmieren, sie jokulieren, ventilieren, philosphieren, quinquilieren, tirilieren, eruieren und disputieren – maniriert, affektiert und über alle Maßen elaboriert. Der Autor heißt schließlich Thomas Mann, und der…

Rezension: Sieben Jahre, von Peter Stamm (Roman 2009) – 6 Sterne – mit Links & Video

Die Protagonisten führen teils ein sinnenfrohes Leben, aber Peter Stamm schreibt spröde wie ein Buchhalter. Gönnt uns weder markante Dialoge noch vielsagende Details; lieber bringt Stamm sauertöpfisches Amtsdeutsch mit indirekter Rede und Verallgemeinerungen in langen Absätzen, mitunter nur eine Zeilenschaltung pro Druckseite, so wie es sich für neuere auf Deutsch geschriebene Romane gehört. So lässt…

Rezension: Gefecht in fünf Gängen, von Christina Eichel (Roman 1998) – 6 Sterne – mit Presse-Link

Fazit: Flott getextet, inhaltlich flach, eine grobe Satire auf Kulturschnöseltum, männliche Paarungs- und weibliche Publikationssehnsüchte. Der Roman schildert das Abendessen von sechs Kulturmenschen in mittleren Jahren – Theaterkritiker, Verleger, Radiofeuilletonisten. Ein Paar, zwei Solo-Männer, zwei Solo-Frauen; später noch zwei jüngere Statisten. Entenbrust an Blattsalaten, Lachs auf Lauchjulienne, Lammrücken und Kartoffelgratin, illustrierte Limettenmousse, Mandelhippen mit Schokoladenfondant:…

Rezension: Die kurzen und die langen Jahre, von Thommie Bayer (Roman 2014) – 5 Sterne – mit Kritiken

Kein Scherz jetzt: die Hauptfiguren heißen Sylvie Spengler und Simon Stiller  – sie thematisieren diese Namen sogar selbst. Wie oft bei Thommie Bayer steht ein Künstlertyp im Mittelpunkt, diesmal allerdings ein gescheiterter, der als Klavierstimmer, Musikalienhändler und Auftragskomponist endet. Wie in Vier Arten, die Liebe zu vergessen (2012) und in Aprilwetter (2009) himmelt der (Fast-)Musiker…

Rezension: Vier Arten, die Liebe zu vergessen, von Thommie Bayer (Roman 2012) – 6 Sterne – mit Kritiken & Videos

Thommie Bayer steigt unspektakulär in den Roman ein: Vier Männer mittleren Alters und eine verstorbene Internatslehrerin. Kein Drama weit und breit. Mit seinem üblichen Zeitebene-Zappen beginnt Bayer erst verzögert, dagegen springt hier die Erzählperspektive zwischen den Männern hin und her. Überwiegend steht jedoch einer im Vordergrund, und der Überblick kommt nie abhanden. Dies auch, weil…

Buchkritik: Singvogel, von Thommie Bayer (Roman 2005) – 6 Sterne

Fazit: Bayers Plotmaschine läuft zu hochtourig, und der Plausibilitäts-Tüff musste beide Augen zudrücken. Ich fand den Roman dabei einigermaßen spannend, das Ende jedoch endgültig überdreht und mit unangenehmem Nachgeschmack (andere Bücher wie Der langsame Tanz sind freilich noch überdrehter). Hier und da schien es seicht, indes vor allem zu Beginn für Bayer-Verhältnisse sehr schwungvoll formuliert,…

Rezension: Die gefährliche Frau, von Thommie Bayer (Roman 2004) – 6 Sterne – mit Presse-Links

Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist eine Detektivin, die Ehemänner ver- und dann der Untreue überführt – im Auftrag der Ehefrauen, die zum Beispiel eine lukrative Scheidung anstreben. Wie immer zerbricht sich Vielschreiber Thommie Bayer nicht den Kopf über Plausibilität – er steckt einen Plot aus ganz viel Dramatik zusammen, gesteigert durch enthüllende Rückblenden. Ähnlich wie in…

Rezension: Der langsame Tanz, von Thommie Bayer (Roman 1998) – 5 Sterne

Die Geschichte wirkt hochgradig konstruiert und implausibel: So treibt es Hauptfigur Martin fast grundlos nach Rom – und in wenigen Tagen hat er einer fast Unbekannten sein Auto geliehen, wohnt andererseits im Haus eines fast Unbekannten, leiht einem anderen fast Unbekannten 20.000 Mark (an die Martin sehr überraschend gekommen war) und hat damit bald auch…

Roman-Kritik: Der Sandmann, von Bodo Kirchhoff (1992) – 6 Sterne

Die Geschichte ist hübsch, wenn auch unrealistisch konstruiert: Ein 50jähriger Frankfurter und sein vierjähriger Sohn suchen ihr junges Kindermädchen im Gassengewirr der tunesischen Hauptstadt. Die Frau des Frankfurters, eine Pensionswirtin und ein weiterer Pensionsgast spielen wichtige Nebenrollen. Alle sind irgendwie miteinander verbandelt, und erzählt wird recht widersprüchlich aus zwei verschiedenen Perspektiven. Mehrfach entstehen spannende Situationen, und…

Rezension Roman: Die Fälschung, von Nicolas Born (1979) – 6 Sterne – mit Presse-Links

Die Journalisten Laschen und Hoffmann reisen 1975 ins vom Krieg zerrissene Beirut. Sie sehen Schreckliches, Laschen hat nebenher eine diffuse Affäre. Der Roman wurde 1981 mit Bruno Ganz verfilmt, Regie Volker Schlöndorff. Die Erlebnisse sind extrem, doch an diesem Roman fallen vor allem der distanzierte Ton und Laschens Mentalität auf. Nicolas Born (1937 – 1979)…

Romankritik: Der letzte Dreh, von Pia Frankenberg (2009) – 4 Sterne – mit Presse-Links & Video

Die Autorin und Filmemacherin Frankenberg schreibt einen Roman über Autoren und Filmemacher in München und Berlin. Diese Romanfiguren verfilmen und beschreiben ihr eigenes Leben – in einem Roman, in dem die Autorin Frankenberg ihr eigenes Leben verarbeitet. Geht es noch deutscher, noch langweiliger? Nicht wesentlich. Frankenberg erzählt überwiegend keine interessante Geschichte, sondern es klingt so,…

Romankritik: Erinnerungen an meinen Porsche, von Bodo Kirchhoff (2009) – 4 Sterne

Er sekretiert zwanghaft aus jeder eigenen Körperritze. Er penetriert dranghaft jede weibliche Körperritze. Dieses sein heiliges Triebleben zelebriert Bodo Kirchhoffs Ich-Erzähler, Ex-Investment-Banker Daniel Deserno, 38, in einem atemlosen Verbal-Erguss über 220 Seiten in 56 Kapiteln. Stolzgeschwellt: Deserno, Schweinigel und Schwadroneur, rekapituliert mit präpubertärem Stolz die Anatomie seines Piephahns, den ersten Analsex, veritable Porno-Action im Privatjet…

Roman: Drei Männer im Schnee, von Erich Kästner (1934) – 6 Sterne

Die Dialoge klingen Kästner-typisch pfiffig, mild frech und warmherzig. Das liest sich sehr komfortabel. Erich Kästner konstruiert hier jedoch eine sehr unrealistische Verwechslungskomödie und schiebt die Figuren nach Belieben in alle möglichen Konstellationen: So erscheint der Millionär plötzlich als Armer, der Diener als Reedereibesitzer, verschiedene Gesellschaftsschichten begegnen sich unter neuen Vorzeichen usw. usf. – ganz…

Roman: Der kleine Grenzverkehr, von Erich Kästner (1938) – 6 Sterne

Mild liebenswertes Gschichterl mit viel Herz und wenig Tiefgang. Im ersten Teil verarbeitet Kästner etwas zu gedehnt touristische Eindrücke aus Salzburg. Dann rollt eine Verwechslungskömodie ab, die schmunzeln lässt, sofern man auf realistische Handlung keinen Wert legt. Erich Kästner bringt viele überaschende Sätze. Er ist ein guter Stilist, ohne dabei mit seinem Können aufzutrumpfen. Deutlich…