Buchkritik: Ein Mann der Kunst, von Kristof Magnusson (2020) – 4 Sterne

Kristof Magnusson liefert hier wieder reizvolle Einblicke in selten literarisierte Bereiche – nicht nur in den Kunstbetrieb, sondern auch in öffentliche Gremien und in Baustellen aus Architektensicht. Der Autor spießt deutsche Sprachmoden hübsch auf: ein E-Zigaretten-Start-up heißt Dampferando, ein Kunstmagazin Visualitäten, die Jungwinzer sind die Weinpiraten.

Magnusson liest sich federleicht, doch dabei ist die Sprache so fad wie in der Lokalzeitung, samt Ausdrücken wie „Kunst machen“,  „ein leicht durchgeknatterter Forscher“, „durchgeknatterte Collagen“, „eine Cognacflasche, die von der Form her an ein Dreieck erinnerte“, „Werke im Wert von weit von vielen Millionen Euro“ (sic, S. 218 Hardcover). Die Figuren unterscheiden sich sprachlich nicht, selbst wenn der Museumsleiter besonders blasiert, Künstler KD Pratz manchmal grob und Ich-Erzähler-Mutter Ingeborg betont zugewandt redet. Sie sagen Unterschiedliches, klingen aber alle gleich.

Theoretisch könnte man das blutleere Deutsch nicht Autor Magnusson, sondern seinem Ich-Erzähler anlasten; dieser Ich-Erzähler ist jedoch stilbewusster Architekt mit Interesse an Kunst sowie Akademikersohn; man erwartet von ihm besseres Deutsch. Magnusson schreibt ihn aber spröd wie der Leipziger Literaturmechatroniker, der er ist.

Mehrfach schreibt Kristof Magnusson zu schnell: Die Dialoge in der Sitzung, die den Museumsanbau beschließt, sind zu offensichtlich auf ein Ziel hin geschrieben.

Und gleich am Anfang steckt der Ich-Erzähler-Architekt auf der Baustelle in einer schweren technischen Klemme, will deswegen zerknirscht den Bauherrn anrufen – da unterbricht ihn der Anruf vom Kunstverein, er schwingt sich ins Auto, und das schwere Problem auf der Baustelle gerät komplett aus dem Blick; der Leser weiß nach ein paar Seiten nicht, ob er die Baustelle und das über die Bauherren Gelernte im Kopf behalten oder vergessen soll. Er fragt sich das bis zum Schluss.

Dass der weltweit gefeierte, sehr zurückgezogene Künstler KD Pratz zwei riesige Gemälde für ein Winzer-Startup in der Nachbarschaft liefert, schien mir sehr unrealistisch. Dass dieser zänkische Eigenbrötler homophile Kuschelnächte mit Fremden veranstaltet, auch.

Auf der Gruppenreise des Kunstvereins lernen wir nur etwa vier Teilnehmer mit Namen kennen, sie tauchen immer wieder auf, darunter das Ehepaar Hansen und penetrant oft „das Einstecktuch“ mit, jedesmal, „seinem jeweils aktuellen Bernhardiner“; ein Running Gag? Es entsteht nie das Gefühl einer größeren Gruppe.

Treffend meint die SZ, der Roman wirke „aufgrund der sehr stereotypen Charakterisierung der Protagonisten wie das Drehbuch für eine deutsche Fernsehkomödie“ und liefere „wenig Überraschendes oder gar Tiefergehendes“ (nachgedruckt bei buecher.de, kein Werbe-Link).

Freie Assoziation:

  • Das war ich nicht von Kristof Magnusson ist noch schlechter, sein Arztroman besser (wieder mit interessanten Einblicken in seltener literarisierte Bereiche und einen Tick zu oberflächlich)
  • Fast zeitgleich mit Ein Mann der Kunst erschienen die deutschen Romane Liebe im Ernstfall von Daniela Krien und Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki – beide sind sprachlich und in der Charakterzeichnung differenzierter als Mann der Kunst

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