Romankritik. Das kann uns keiner nehmen, von Matthias Politycki (2020) – 7 Sterne

Zwei Männer-Männer

stiefeln angeschlagen, doch breitbeinig durch Ostafrika und diesen Roman. Die Eier schleifen übern Boden, die Verdauung ruckelt. Herb müffelndes Mansplaining.

Der Ich-Erzähler deutet früh allerlei Tragödien an, deren Enthüllung der brave Leser gewiss zum Roman-Ende erwarten darf. Schon der Klappentext raunt schwülstig*:

Doch der Tod fährt in Afrika immer mit, und nur einer der beiden wird die Heimreise antreten.

Weitere Andeutungen folgen (S. 140):

„Er hatte nur noch einen ((Tag)). Doch das wußte er natürlich nicht“

nebst enigmatischen Verweisen auf Verflossene.

Das ist ein verschwitztes Buddy-Movie. Frauen gibt’s in diesem Buch nur als himmlische Ex oder Haptik-affine Kellnerin.

Schwer erträglich

ist das, und doch las ich weiter: Die Interaktion zwischen weißen Hauptfiguren und afrikanischen Betreuern im ersten Buchteil hat was.

Vor allem aber fasziniert das oberbayerische Original Tscharli. Diesem Dampfplauderer möchte ich nie im Hausflur oder auf dem Kilimandscharo begegnen. Aber Tscharli ist deftig und plastisch geschildert, das sinnliche Miesbacher Oberbairisch gut verschriftlicht. Tscharli greift mit Musik in die Saiten, klopft tolle Sprüche, teils zum lustvollen Fremdschämen, und trägt Hemden mit bizarren Slogans. Dazu sein „bayuwarisches/bajuwarisches Spaß-Suaheli“ (S. 192, 197).

Dass der sensiblere Ich-Erzähler und Schriftsteller den schwerkranken Schwadroneur Tscharli tagelang spontan durch Tansania begleitet, klingt wenig plausibel – es sei denn, der Ich-Erzähler, der erklärtermaßen lange nichts Tolles schrieb, suchte Figuren für den nächsten Roman.

Lustvoll lässt Matthias Politycki seinen Tscharli Verbotenes über „Neger“ und Frauen sagen, auch der Ich-Erzähler klagt nebenbei über Sprachpolizei. Das erregte die Frauenrechtlerin und Literaturpäpstin Wiebke Porombka, sie fand das in der FAZ „ideologisch fragwürdig“, diagnostizierte „erschreckende Unreflektiertheit“, sicher aus jahrelanger persönlicher Afrikaerfahrung (nachgedruckt von buecher.de, kein Werbe-Link).

Spätpubertär durch Afrika

karriolen die zwei Ü50-Hauptfiguren in den ersten vier Fünfteln des Romans. Abgesehen von Tscharlis Rückblende zu seiner Verflossenen passiert nicht viel, und darum muss Politycki den Roman mit touristischem Kleinklein und Reiseanekdötchen aufbrezeln. Die Hardcover-Ausgabe zeigt sogar Landkarten vom Kilimandscharo, von Sansibar und von Tansania; solche Krücken sollte ein Roman nicht benötigen.

Im letzten Fünftel kippt Polityckis Text. Endlich, endlich packt der Ich-Erzähler die immer wieder unheilschwanger angedrohte Story seiner eigenen Verflossenen aus. Sie liegt 25 Jahre zurück, und sie klebt wie ein altes Kaugummi am bisherigen Roman, der Tscharli-Saga. Hat der Autor separate Texte nachträglich montiert? Das Buch wird nun rührselig, mit breit geschildertem Krankenhaushorror, idiotischem Krisengebiet-Tourismus, Nahtoderfahrung („ich hörte einen Gesang“, S. 260), Liebeskrise und ellenlangem Gedicht. Politycki erlebte das leider einst selbst, es muss also raus.

Sprachliche Macken

des Ich-Erzählers störten mich. So kapriziert er sich noch im Jahr 2020 auf alte Rechtschreibung (u.a. S. 14, „gemußt“). Katheter steht auf S. 219 2x falsch geschrieben.

Und possierlich wie weiland Goethe oder Heine verzichtet der Ich-Erzähler nach Partizipien auf die finite Verbform (u.a. „jene, die uns vorausgegangen, die…“, S. 15; „mitsamt dem Portemonnaie, in dem er gesteckt.“, S. 128; „nachdem er… nach Daressalam geschickt worden, um…“, S. 144; s.a. S. 186, S. 291).

Außerdem wird direkte oder indirekte Rede oft wunderlich abmoderiert:

(S. 31:) Ja, da habe sie immer hingewollt, hatte sie nur mit den Achseln gezuckt

(S. 58:) „Make love, not war“, eilte er ihr nach

Weitere Beispiele u.a. 2x S. 10, 2x S.76.

Der Autor liefert seltsame Koppeladjektive (u.a. „farbfröhlich“, S. 115, „bitterkurzes“ Lachen, S. 145, 203, 282, und einen Satz auf S. 59 habe ich gar nicht verstanden („Kühlere kam Luft herein…“).

Abgesehen von diesen Sperenzchen klingt der Ich-Erzähler robust, nie verschwiemelt oder selbstverliebt, das Highlight sind Tscharlis Sprüche.

Freie Assoziation:

  • Deutsche Autoren erfinden deutsche Männer auf ostafrikanischen Inseln, das weckt ungute Erinnerungen an Alle die du liebst von Georg M. Oswald
  • Weiße Männer sterben am Kilimandscharo, und Schnee liegt am Gipfel, wer denkt nicht an die Kurzgeschichte von Hemingway
  • Männerkrise in einsam fremder Schneewüste – auch in Gerwin van der Werfs Roman Der Anhalter (der enthält zudem wie Polityckis Roman eine zu aufdringliche Reisebegegnung)
  • Eine Geschichte aus dem globalen Süden, doch die Hauptfiguren schneeweiß – na, das gibt’s ohne Ende, sehr auffällig bei Graham Greene und Somerset Maugham und, aus der Unterschicht, bei Marguerite Duras. Matthias Politycki denkt seinen afrikanischen Nebendarstellern immerhin ein bisschen Charakter zu, sie servieren nicht nur Gin und kleine Späße
  • Deutsche Romanhelden reisen zum Kilimandscharo – auch in Arnold Stadlers Roman Am siebten Tag flog ich zurück
  • Sextouristinnen an ostafrikanischen Stränden zeigt auch der Film Paradies: Liebe
  • In punkto Männermacker und fremde Länder: ist Politycki der Bodo Kirchhoff 2.0? Und wo figuriert Alexander Gorkow?

*ich hatte die Hardcover-Ausgabe von Hoffmann und Campe, „2. Auflage 2020“

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