Kritik Sachbuch: Wann sind wir wirklich zufrieden, von Martin Schröder (2020) – 7 Sterne

Nur Statistik, Empirie, Zahlen und Fakten, Fakten, Fakten – statt Esoterik, Pycho- und Philosophiegedöhns, und das in einfacher Sprache: dies Sachbuch ist nach meinem Geschmack.

Mit dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) hat Soziologieprofessor Martin Schröder fantastische Daten von 1984 bis 2017, die er nach vielen Kriterien auswertet: Wie bestimmen die großen Lebenskalamitäten – Familie, Arbeit, Wohnen – unsere Zufriedenheit?

Teils betrachtet Schröder separat die Erkenntnisse erst ab 2005, um Veränderungen aufzuspüren; teils konzentriert er sich auf eine Person oder rechnet andere schwankende Einflüsse heraus. Besonders wichtig: Über Jahrzehnte wurden die selben Personen befragt, so erkennt man Langzeiteffekte.

Am Ende wissen wir, was den Durchschnittsdeutschen zufrieden macht – aber vielleicht nicht uns als Individuum. Die Unterschiede betragen oft auch nur wenige Prozentpunkte, sind also womöglich subtiler, als die skalierten Diagramme suggerieren.

Die Grafiken:

In manchen Einzelheiten war ich etwas unzufrieden:

Die Grafiken mit Titel und Beschriftung der Achsen sind oft weniger eindeutig zu entziffern als gehofft. Man muss oft noch im Lauftext nachlesen und kann die Grafiken nicht so unabhängig vom Lauftext konsumieren wie ein Foto mit Bildunterschrift in einem Sachbuch. Ein Beispiel:

Die Grafik auf S. 37 heißt „Zeit mit Kindern wochentags“, auf der X-Achse stehen „Stunden“. Mir war nicht klar, ob Schröder einen einzelnen Werktag oder alle Werktage gemeinsam meinte. Viel klarer fände ich den Titel „Zeit mit Kindern wochentags, pro Tag“. Zudem redet Schröder gemischt von „werktags“ und „wochentags“ – bei einem „technischen“ Thema sollte ein eingeführter Begriff jedoch nicht variiert werden.

Schön: Jede Grafik erscheint genau an der passenden Stelle: der Lauftext zur Grafik steht fast immer auf derselben Doppelseite wie das Kurven- oder Balkendiagramm. Nur selten muss der Autor im Text auf die nächste Doppelseite verweisen (z.B. S. 99, S. 127).

M.E. werden Farben und Symbole in den Grafiken nicht einheitlich den Geschlechtern zugeteilt (grau, schwarz, Quadrat, Raute für Mann oder Frau, Gesamtgruppe oder Einzelperson); so blickt man öfter in die Legende als nötig.

Bei der Grafik auf Seite 27 redet der Lauftext über die „schwarze Linie“ – m.E. fehlt sie in der Grafik (ich hatte die 2. Auflage 2020, Bertelsmann-Hardcover). Im linken Diagramm von Grafik 65, S. 192, muss es +0,6 und nicht -0,6 heißen.

Manchmal hätte ich gern genauer gewusst, wie viele Stimmen für eine konkrete Grafik gezählt wurden. Das erfahren wir nie, auch nicht im ausführlichen Anhang.

Magazingrafiker von Katapult, Spiegel oder Zeit würden aus Schröders Datenmengen weit schönere Infografiken destillieren, die weniger nach Excel und SW-Laserdrucker aussehen; aber sie bräuchten auch mehr Platz, Farbe und visuelle Zuckerwatte. Gleichwohl sollte Schröder sein Buch mit einer Sonderfarbe drucken.

Die Sprache:

Professor Martin Schröder, *1981, bemüht sich ausdrücklich um Allgemeinverständlichkeit. Begriffe wie Multikollinearität, Set-Point-Theorie oder Konfidenzintervall fallen nur ganz ausnahmsweise. Schröder klingt vielmehr oft wie ein anbiedernder YouTuber/Kindergärtner/WDR-Radiosprecher:

Schauen wir uns das mal an. (S. 30)

Woran zum Teufel kann das liegen? (S. 65)

Krank, oder? Irgendwie aber auch logisch, denn…(S. 88)

Ein paar Wissenschaftler hatten eine coole Idee. (S. 133)

Der absolute Hammer ist jedoch… (S. 134)

Als ironische Übertreibung nennt er Kinder „Mikroplagegeister…, die Windeln vollscheißen“ (S. 26). Ich brauche Fäkalsprache nicht unbedingt (laut S. 146 neigt Schröder „proletarischem Spaß“ zu).

Trotz aller Kalauer, Schröders Buch bringt Statistik ohne Ende launig ausformuliert, und vielleicht will man es nicht am Stück lesen (ich kann aber nicht anders).

Fast an jedes Kapitelende montiert Schröder eine Überleitung zum nächsten Thema, das wirkt auf Dauer monoton. Und das neue Thema moderiert Schröder gelegentlich mit persönlichen Erfahrungen und Meinungen an:

So berichtet er v.a. in der ersten Buchhälfte von seiner „Freundin“ (S. 108) und „Jan und Georg“. Später erzählt er öfter von sich selbst: Wir lernen, dass ihm Religion nichts bringt (S. 201), dass Schröder im Kölner Schwulenviertel wohnt (S. 210), „früher lange Haare“ hatte (S. 213) sowie „extrem offen“ (S. 225), „extravertiert“ (sic, S. 226) und kinderlos ist (S. 249).

Auf Seite 110 will Schröder nachweisen, dass Sparen nicht

vor allem jungen oder alten Menschen etwas bringt. Vielmehr zeigt sich ein positiver Effekt sowohl für Menschen über 40 wie unter 60 Jahren.

M.E. sollte es „unter 40 wie über 60 Jahren“ heißen, oder?

Die Argumentation:

Eingangs erklärt Schröder ausführlich, dass er „Zufriedenheit“ untersucht und nicht „Glück“. Dann aber (S. 16f):

Weil es zu monoton wäre, immer nur von Zufriedenheit zu sprechen, benutze ich zur Abwechslung manchmal auch den Begriff Glück.

Was jetzt? Das irritiert doch.

Schröder zeigt auch keinen typischen Fragebogen des Sozio-ökonomischen Panels oder erklärt genauer, wie die Forscher ihre Probanden interviewten (Methoden und Häufigkeit schwankten offenbar).

Das Geschlecht-Hautfarbe-Gedöhns:

Wieder und wieder entschuldigt sich Schröder bei den Leser_/*INNEN (gut so?), dass perfekt ausgebügelte Gleichberechtigung laut Statistik nicht perfekt zufrieden stellt: So sind „Frauen zufriedener, wenn ihr Partner länger aus dem Haus ist“ (S. 97, sic) und wenn der Mann mehr verdient (S. 92, sic).

Da muss Schröder sich wortreich bei den Suffragetten entschuldigen, er rauft die Haare und untertreibt fast (S. 92):

Wir können es ärgerlich finden, dass Männer und Frauen so sind. Ich finde es auch befremdlich.

Das ist wohl das Mindeste. Doch die verzweifelte Anbiederung an den Gender-Zeitgeist ändert nichts daran, dass Schröder unerwünschte Ergebnisse liefert. Das Bewusstsein bestimmt das Sein, also möge er passendere Erkenntnisse präsentieren. Schröder unkt (S. 210):

Dafür werden mich Feministinnen hassen.

Darauf kann/muss er Gift nehmen.

Ganz zu schweigen davon, dass Schröder lange arrogant von der stereotypen Cis-Mann-Frau-Beziehung ausgeht und nonbinäre LGBTXYZ-Homo-Dings erstmals auf Seite 210 auspackt. Das diskriminiert, und die vermeintlich karge Datenbasis (S. 212) ist keine Ausrede. Tatsächlich sagt er nach meiner Übersicht zu Ausländern in Deutschland nichts.

Freie Assoziation:

  • Die explizit klaren, nüchternen, faktensatten Radiosendungen/Podcasts SWR 2 Wissen (Link) und SRF 100 Sekunden Wissen (Link) (allerdings klingt Schröder anbiedernder, launiger)

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