Kritik Arzt-Geschichten: Jetzt tut es gleich ein bisschen weh, von Adam Kay (2017, engl. This Is Going to Hurt) – 7 Sterne

Ex-Arzt Adam Kay (*1980) schreibt bitter, zynisch, trocken, derb, selbstironisch – so Fulminantes liest man selten. Humor, Tragik und Blutgefäße explodieren in diesem UK-Bestseller zugleich. Kay karikiert hart

  • die Idiotie vieler Krankenhausbediensteter
  • die Idiotie vieler Krankenhausbesucher
  • die idiotischen Arbeitsbedingungen im NHS, dem englischen Gesundheitssystem

und betont im Gegenzug immer wieder die eigene Empathie und Aufopferungsbereitschaft, trotz allem.

Ich habe laut gelacht, das gibt’s selten, und oft schockiert die Augen aufgerissen. Tod sowie allerlei Körperflüssigkeiten und -öffnungen begegnen unentwegt. Weil Kay überwiegend als Gynäkologe und Geburtsarzt arbeitet, sammelt er unterhaltsameres Material als sagen wir ein Onkologe.

Dass Kay in England auch erfolgreicher Drehbuchautor und Komiker ist, erstaunt nicht. Sein Arztbuch verfilmte die BBC 2021, Drehbuch: Adam Kay.

Was mich störte:

Die ständige gereizte Klage über die Arbeitsbedingungen mag berechtigt sein, nervt mich aber.

Wir erfahren auch von Klogängen und Selbstbefriedigung im Dienst. Und einerseits schreibt Kay grob Vierbuchstabiges. „The fucking thing“ sagt er laufend, und selbst in Freudenmomenten verfällt Kay in Koprolalie:

I felt so optimistic – I was practically shitting confetti.

Ebenso störten mich andererseits zahllose enggedruckte Fußnoten mit Medizinischem:

Cord prolapse means… A myomectomy is… #NOF means… Marsupialization is… An episiotomy is…

Babys bezeichnet er mit „it“ („once it’s born“; „she’s calling it Barclay“; „it survived“), das monierte schon Joni Mitchell in Afrika.

Serielle Anekdotie:

Mein größter Einwand gegen Kays Erfolgsbuch: Weite Teile sind tagebuchartig, überschrieben mit einem nichtssagenden Datum; ein Kuriosum folgt dem nächsten, oft nur eine halbe Seite lang. Es gibt keinen größeren Zusammenhang, keine Entwicklung, kaum ein Patient kehrt je zurück, wiederkehrende Kollegen wie Ernie bleiben ohne Persönlichkeit. Manches kehrt wieder und wieder – die zeitliche Überforderung, dumme und faule Vorgesetzte.

Das ist ein langer gleichförmiger Anekdotenreigen ohne Handlungsbogen. Dass Kay allmählich beruflich aufsteigt, ändert nichts an Stil oder Inhalt. Das störte mich schon auf Seite 50 von 276 der englischen Ausgabe (die deutsche kenne ich nicht). Ich las also Kays Arztepisödchen abwechselnd mit einem anderen kleinteiligen Buch, sonst wäre es weitaus zu monoton.

Die wenigen wiederkehrenden Motive sind die Beziehung zum Partner H, Lernen für und Bestehen von Teil eins der MRCOG-Prüfung (15.11.2006, 9.4.2007), ein gestohlener Montblanc-Füller, die Suche nach einer Eigentumswohnung und der Austausch mit dem depressiven Facebookkumpel Simon, einer der wenigen Akteure mit vollem Namen.

Tatsächlich sagt der Autor selbst auf S. 127, mit Blick auf die Arbeitsorganisation:

It’s especially rare to see the same patient more than once

Und dieser Mitteilung folgen tatsächlich zwei Anekdoten mit der selben Patientin, und auch später notiert er

a rare bit of continuity of care today. I saw this patient a month or so back

Erweiterte Ausgabe:

Meine englische Taschenbuchausgabe hat gegenüber dem englischen Hardcover „extra diary entries and a new afterword“. Laut diesem Nachwort liefern die Bonus-Texte Episoden, die das Lektorat zunächst für „tonally adrift“ erklärt – Kay interpretiert, das Lektorat meine „too disgusting“.

Tatsächlich stehen in den wenigen nachgelieferten Texten derbe Klopper, ich spuckte Müsli.

Neue englische Ausdrücke:

  • Neu gelernt habe ich – abgesehen von allerlei Symptomen und Verfahren – die englische Bedeutung von „triage“, nicht immer identisch mit der deutschen Bedeutung.
  • Gesunde, die sich für krank halten, sind „worried well“. Haben sie ihre vermeintlichen Symptome online recherchiert und prompt bei sich diagnostiziert, heißen sie „cyberchondriacs“. Hallo Hans B. 😘👋🏼.
  • Auch die Krankenhaushierarchie drückt sich im Englischen anders aus als erwartet: es gibt house officers, SHOs, consultants und registrars, deren deutsche Pendants ganz anders bezeichnet werden

Dazu kommen frei erfundene Ausdrücke, mit denen Ärzte sich vor mithörenden Patienten verstecken, u.a. „chronic glucose poisoning“ für Fettleibigkeit.

Freie Assoziation:

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