Kritik Roman und 2 Verfilmungen: Überredung, von Jane Austen (1817, engl. Persuasion) – 7 Sterne – mit Videos

Der Roman:

Jane Austen plaudert elegant, markant und flüssig (im englischen Original; nicht in meiner mittelprächtigen Eindeutschung; s.u.). Sie schafft spannende soziale Situationen, lebhafte Dialoge und plastische Kulissen, ohne unrealistisch, melodramatisch oder aufdringlich symbolisch zu werden – es klingt fast wie genau beobachtete Gesellschaftsreportage oder nüchternes Tagebuch. Die Geschichte ist „erwachsener“ und weniger satirisch als andere bekannte Austen-Bücher, weil die Hauptfigur schon um 28 Jahre zählt und vielleicht, weil Austen bei der Niederschrift älter war.

Freilich: Austen beginnt mit seitenlang dialogfrei referierter Familiengeschichte. Dem folgen viele gelungene Dialoge, Abläufe und Gruppenaufstellungen voll Entwicklung und Interaktion. Gegen Ende gibt’s wieder ein Kapitel, in dem eine Frau einer anderen langwierig das Vorleben eines Mannes erzählt – keine Handlung in der erzählten Jetztzeit, kein Storytelling vom Feinsten; auch die letzten Seiten, nach dem Herzschlag-Finale, wirken eher wie die Zusammenfassung eines Romans, nicht wie der Roman selbst.

Überdies erzählt Austen ganz gelegentlich aus einer anderen Perspektive als der ihrer Protagonistin Anne, ein irritierender Perspektivwechsel. (Austen hatte zur Überarbeitung dieses Romans weniger Zeit als bei früheren Büchern, womöglich blieben deshalb Mängel zurück.)

Und: die zurückhaltende, ledige Hauptfigur Anne Elliot und ihr Schwarm Kapitän Wentworth sind allzu deutlich die Guten; Annes Schwestern Mary und Elizabeth sowie ihren Vater Sir Walter zeichnet Austen allzu deutlich als brunzdumme, eitle Egomanen.

Auch andere Figuren präsentiert Jane Austen (1775 – 1817) aufdringlich: sie stellt wenige (v.a. bürgerliche) Lichtgestalten gegen viele (v.a. adlige) Gockel und Egoisten; einer gilt innert dreier Zeilen als „unaufrichtiger, berechnender, materialistischer“ Mensch mit „egoistischen“ Grundsätzen.

Jagd, Dinners und noch allerlei:

Die Figuren müssen nicht arbeiten, sie verlustieren sich bei Jagd und Dinners und genießen ein streng frauenfeindliches Erbrecht. Die Marinekapitäne im Buch haben außerhalb der Romanhandlung hunderte oder tausende Menschenleben auf dem Gewissen und zur eigenen Bereicherung fremde Handelsschiffe geplündert („prize money“); im Roman aber agieren sie plüschig ohne Ende.

Die ständigen sozialen Rücksichtnahmen ermüden. Es gibt lange keine spannende Handlung, nur ein Personaltableau nach dem anderen, einige Rückblenden und die mild spannende Frage, ob Anne ihren einst brüskierten  Kapitän Wentworth noch bekommt – „a beautiful but slim tale“, findet David M. Shapard (s.u.). Die Qualität liegt in vielen feinsinnigen, undramatischen Begegnungen in immer neuer Konstellation, und das vorletzte Kapitel ist überraschend dramatisch; klug arbeitete Jane Austen das ursprüngliche, flachere Ende noch um (in den meisten Ausgaben kann man das verworfene Kapitel lesen).

Das komplexe Figurenkabinett bleibt zunächst unüberschaubar, zumal mindestens drei Charles‘ agieren; einige Verwandtschaften und Verbindungen überraschen ebenso wie die Zahl der Witwen und Witwer sogar unter den Twentysomethings. Mir half eine gedruckte Figurenliste der englischen Wikipedia, das Organigramm dort nützte weniger; die Figurenliste der deutschen Wikipedia ist eine verknappte Variante der englischen Aufzählung.

Die Übersetzung der 2007er-reclam-Ausgabe:

Ich hatte die Übersetzung von Christian und Ursula Grawe im reclam-Verlag (Ausgabe 2007). Sie schien mir relativ nah am Original (in das ich immer wieder hineinblickte), meist ohne zu hart „übersetzt“ zu klingen. Freilich: Das Original klingt beim Quercheck stets viel eleganter (ähnliches dachte ich auch bei der Wodehouse-Lektüre). (Normal lese ich Englisches auf Englisch; aber hier schien es mir zu anstrengend, so dass ich erst auf Deutsch mit Querchecks im Englischen und dann erneut komplett auf Englisch las.)

Ein paar Dinge störten mich an der Eindeutschung der Grawes:

So irritieren einmal die „tiefergreifenden Hilfsmittel“ (engl. „nothing of deeper efficacy“); hier lassen sich bessere Alternativen denken, z.B. „keine wirksameren Maßnahmen“. Auf S. 16 heißt es klobig „Einschränkungsmaßnahmen“ – „Sparmaßnahmen“ hätte mir viel besser gefallen, das Wort fällt an anderer Stelle. Auch „ein tiefes Geheimnis“ ist wohl kein flüssiges Deutsch. Oder, wie von einem Excel-Handbuch-Texter im falschen Film (S. 41):

Es ereignete sich allerdings etwas, was ihr eine andere Aufgabe zuwies.

Mehrfach erhalten Militärs eine „Prise“ (S. 22, S. 118), und gemeint ist nicht Schnupftabak, explizit erklärt wird „prize money“ auch nicht.

Etwas krampfhaft wirkt auch die Unterbringung des Buchtitels – „Überredung“ (S. 298):

…was ihre Überredung einmal angerichtet hatte… der Überredung einmal nachzugeben

Besser passte an dieser Stelle „Zureden“, „Drängen“, „Einreden“ oder „Insistieren“. Doch das verwendete englische Wort „persuasion“ liefert auch den Buchtitel, also muss eine Eindeutschung von „persuasion“ auch in den Fließtext – hier „Überredung“ und nicht „Überzeugung“.

Die Reclam-Ausgabe liefert auch eine Übersetzung des ursprünglichen letzten Kapitels, das Jane Austen zugunsten einer besser getexteten Version verworfen hatte. Das etwa 20seitige Nachwort erklärt u.a. diese Entwicklung. Es enthält außerdem interessante, eingängige Interpretationsansätze und biografische Bezüge, jedoch keine Rezeptionsgeschichte und kaum Vergleiche mit anderen Austen-Romanen.

Tippfehler der reclam-Ausgabe:

Auf Seite 12 der deutschen reclam-Ausgabe von Christian und Ursula Grawe gibt’s den ersten Tippfehler, „gesehen gaben“, auf Seite 180 erscheint Miss Carteret mit C wie auch mit G. Ein peinlicher Tippfehler folgt auf Seite 284:

Im Deutschen: „gut versorgt und ohne etwas zu entehren“ ((sic, und das sagt Kap. Harville über sich und Anne Elliot))

Im Englischen heißt es: „well supplied, and want for nothing“

Gemeint war also „entbehren“, wie schon aus dem Zusammenhang erhellt.

Ein Blatt vor dem Haupttext erklärt in meiner reclam-Ausgabe:

Englischer Originaltitel: Persuation

Diese Schreibweise mit „t“ fand ich nirgends, auch nicht auf dem Titel der ersten engl. Ausgabe in der engl. Wikipedia.

Anders als meine zwei englischen kommentierten Ausgaben (s.u.) beginnen die Grawes nach Kapitel 12 nicht mit Volume 2, Kapitel I, sondern bringen schnöd Kapitel 13. Lästiger noch: Sie verzichten auf lebende Kolumnentitel mit den Kapitelnummern.

Die kommentierte englische Ausgabe von David M. Shapard:

Diese kommentierten englischen Ausgaben hatte ich da:

  • The Annotated Persuasion, Jane Austen, Annotated and Edited by David M. Shapard (bei mir 2010)
  • Jane Austen, Persuasion, Oxford World’s Classics (bei mir 2004)

Die Fußnoten in David M. Shapard’s Buch sind vielleicht länger als der Roman selbst. Gut: Der Romantext steht jeweils auf der linken Seite, rechts erscheinen jeweils die Fußnoten (Seitennoten?), dazwischen gelegentlich historische Bilder, die weitere Details erklären, etwa Kleidung, Architektur, Kutschentypen, Schiffstypen, Straßenecken aus dem Roman. So erscheinen Originaltext, Anmerkung und Illustration gemeinsam auf einer Doppelseite, man muss nicht nach hinten blättern. Dagegen schlägt man die weniger zahlreichen Anmerkungen der Reclam-Grawe-Ausgabe und von Oxford World’s Classics am Buchende nach.

David M. Shapard erklärt sehr aufmerksam seltene Wörter, historische Zusammenhänge, Sozialgeschichte, reizvolle Roman-interne Bezüge, Verbindungen zu Austens Leben und ihren anderen Romanen. Er nimmt die Handlung völlig ernst, diskutiert Motivation und Widersprüche der Protagonisten. Er bewundert offenbar Jane Austen wie ihre Hauptfigur Anne Elliot, ohne je enthusiastisch zu klingen. David M. Shapard hat mir neue Schichten des Romans erschlossen, ein Vergnügen.

Oft sagt Shapard jedoch mehr als nötig und lenkt damit vom Roman ab, vor allem bei historischen Hintergründen zu Kutschenbauformen oder Gicht. Manches klingt schlicht banal: So ist eine Austen-Figur auf der linken Seite „on a foreign station“, und Shapard erläutert beflissen rechts gegenüber:

British naval officers were frequently stationed overseas, for Britain had naval ports in various parts of the world.

Wer hätte es gedacht?

Das Wort „opposed“ erklärt Shapard mit einer eigenen Fußnote als „opposite, contrary“; „allow“ erklärt er mit „make allowance“; nunja. Oft wirkt das wie eine Schülerlektüre.

Andererseits: Einmal erwähnt Austen das Reiseverbot an Sonntagen. Die wenigen Endnoten der reclam-Ausgabe sagen zu dieser Wunderlichkeit nichts; also schlug ich bei Shapard nach, und wie erwartet präsentiert er eine längere Erklärung (wie etwa auch zu Besonderheiten beim Briefporto oder zur rechtlichen Stellung von verheirateten und ledigen Frauen – jeweils wichtig fürs Romanverständnis, von Austen jedoch nicht erklärt).

Shapard liefert eine sehr ausführliche Zeittafel zur Romanhandlung (also nicht zu Austen) und fünf etwa halbseitige, passable Graustufen-Landkarten nebst Erklärung zu den Orten und Regionen. Seltsam nur, dass die wichtigen Schauplätze Kellynch und Uppercross nicht ausdrücklich als fiktional erklärt werden, so dass man sie nicht weiter nach ihnen blinzeln muss. Auch bei den Landkarten platziert Shapard seinen Kommentar leserfreundlich direkt beim Hauptinhalt, so dass man die Erklärungen nicht weiter hinten nachschlagen muss.

Shapards exzellente Einführung vergleicht Persuasion/Überredung ausführlich mit Austens anderen Romanen, liefert aber keine Rezeptionsgeschichte.

Die kommentierte Ausgabe von Oxford World’s Classics:

Hier gibt es mehrere Aufsätze, neben der Einführung mit Schwerpunkt Zeitgeschichte (keine Rezeptionsgeschichte) noch eigene Texte zu „Rank and Social Status“, „Dancing“ und „Austen and the Navy“; diese je rund fünfseitigen Aufsätze behandeln das ganze Austen-Werk, nicht speziell Überredung/Persuasion. Anders als bei Shapard gibt es hier eine Zeittafel zu Jane Austen, aber nicht zur Romanhandlung; Shapard hält es umgekehrt.

Die Anmerkungen (wie die Einführung von Deidre Shauna Lynch) folgen als Endnoten erst nach dem Romantext, man muss also nach hinten blättern. Es sind auch weniger Anmerkungen als bei Shapard, insgesamt rund 20 eng bedruckte Seiten. (Ich hatte die „new edition 2004“.)

Anders als Shapard bringt die Oxford-Ausgabe die „biographical note“, in der ihr Bruder Henry Austen bei Ersterscheinen von Persuasion Ende 1817 (und nach Austens Tod) erstmals Jane Austens Identität enthüllte.

Die 2007er-Verfilmung mit Sally Hawkins:

Sally Hawkins als Protagonistin Anne Elliot hetzt atem- und fassungslos durch den Film. Ihr Gesicht erscheint offen, verletzlich und unentwegt in Nahaufnahme, die Fingernägel sind abgekaut, die schlichte, rötliche Kleidung sticht heraus unter all den eitlen Matronen und albernen Jungmadams, sie wirkt mitunter bäuerlich ungepflegt. Die Kamera leistet Schwerstarbeit, sie kreiselt und produziert Drama; der Soundtrack sülzt semidiskret.

Die Produktion für den britischen Privatsender ITV sollte lt. Wikipedia dezidiert „young“ wirken, „very much 2007“, Regie Adrian Shergold. Der Knutsch auf offener Straße ist absurd; gefilmt wurde auch eine Version der Szene ohne Knutsch – und verworfen.

Die letzten, dramatischen Kapitel wurden umarrangiert. Wie so oft bei Literaturverfilmungen: Nur weil ich das Buch kannte, konnte ich zumindest teilweise folgen. Diese Verfilmung wirkt – anders als der Roman – nicht wie eine durcherzählte Geschichte, sondern wie ein Szenenreigen für Literaturkenner. Und jede dieser Szenen ist perfekt choreografiert.

Die 1995er-Verfilmung mit Amanda Root:

In Deutschland doppelt albern „Jane Austen’s Verführung“ betitelt, gilt die BBC-Produktion zu Recht als nah am Buch, wenn auch mit einem Extra-Dreh am Ende. Regie Roger Mitchell (Notting Hill).

Amanda Root in der Hauptrolle wirkt zunächst sehr verhuscht, verhärmt, verängstigt, später zunehmend verliebt, Ciarán Hinds gibt den männlich herben Kapitän Gingwert. Die Ausstattung ist opulent, ohne ganz ins Museale zu lappen – ein Rest Leben bleibt den Figuren, die Hauskleidung der Frauen erinnert an Nachthemden. Einige Nahaufnahmen, Kamerakreisel, und auch hier ein unplausibler Kuss auf offener Straße – doch wie der ganze Film deutlich zurückhaltender als die 2007er-Variante.

Vergleich der Jane-Austen-Romane Stolz und Vorurteil (1813) und Überredung (1817):

Die Austen-Romane Stolz und Vorurteil sowie Überredung könnte man auf dem selben Filmset und an den selben Originalschauplätzen verfilmen. Man könnte auch dieselben Kostüme verwenden.

Und es gibt allzu viele zu ähnliche Themen, Konflikte, Konstellationen und Konstruktionen aus dem Austenschen Plot-Baukasten, beide mit bewegendem Finale.

Stolz und Vorurteil (1813, Austens Lieblingsbuch) hat mehr verwirrendes Personal, wirkt momentweise geschwätziger, ironischer und hochtouriger.

Das Spätwerk Überredung (1817) ist etwas sensibler und erwachsener, auch weil die Hauptfigur 28 und nicht 20 Jahre alt ist. Überredung hat zwei auffällig schlecht geschriebene Kapitel, vielleicht weil Austens Kräfte schon nachließen. Allerdings gibt es in Stolz und Vorurteil zur Buchmitte den zu langen Brief des Mr. Darcy, in den Austen nicht weniger als drei wichtige Rückblenden quetscht.

Persönliche Erklärung:

Für mich war es gut, zunächst eine deutsche Fassung und dann das englische Original in der kommentierten Shapard-Ausgabe zu lesen. Normal lese ich Englisches gleich auf Englisch. Doch das sehr komplexe Figurentableau und Austens leicht blümeranter Satzbau sprachen für einen Einstieg auf Deutsch.

Es ist weniger Austens Vokabular als ihr Satzbau, der mir den Zugang etwas erschwert. Wie ich mit Austen generell zurechtkomme, habe ich vorab mit dem Deutsch-Englisch-Austen-Lesebuch von Eva Leipprand geprüft.

Die zweite, englische Lektüre hat mir viele neue Aspekte eröffnet, darunter Anspielungen in den frühen Kapiteln, und schließlich konnte ich nun die Akteure sicher auseinanderhalten.

Noch viel mehr Einblick gaben mir David M. Shapards Kommentare. Ich habe stets auf der linken Seite mehrere Absätze Austen-Text gelesen und dann mehrere Kommentare auf der rechten Seite am Stück. Ich wollte nicht für jede einzelne Anmerkung die Hauptlektüre unterbrechen. Anmerkungen zu sozialen Hintergründen oder Worterklärungen habe ich nur angelesen; Shapards Analysen zu den Protagonisten um so gründlicher. Die kommentierte Ausgabe von Oxford World’s Classics wirkte knapper, unpraktischer, weniger attraktiv.

Normal sehe ich gar keine historischen Spielfilme, sie erscheinen mir zu unrealistisch. Die zwei Verfilmungen von Persuasion/Überredung waren für mich persönlich knapp ok. Ich werde definitiv mehr von Jane Austen lesen, aber vielleicht nicht schauen.

Jane Austen im Überblick

veröff.

Amazon.de-Werbelink:

Goodreads* Wertung n/5

GR Zahl Stimmen

GR Zahl Rezis

HansBlog

n/10

1811

Verstand und Gefühl bzw. Sinn und Sinnlichkeit

Sense and Sensibility

4,08

1,041,826

19.923

1813

Stolz und Vorurteil

Pride and Prejudice

4,27

3,432,266

81.212

7

1814

Mansfield Park

Mansfield Park

3,86

307,892

11.378

1815

Emma

Emma

4,02

732,708

22.601

1817

Überredung

Persuasion

4,14

576,837

21.756

7

1818

Die Abtei von Northanger

Northanger Abbey

3,84

336,047

15.236

1871

Lady Susan

Lady Susan

3,63

34,569

3.570

 

(dtv 2012)

Hg. Eva Leipprand

Jane Austen, A Reader, Ein Lesebuch

bei HansBlog

*Goodreads Stand Januar 2022

Bücher bei HansBlog.de:



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