Kritik Roman: Stolz und Vorurteil, von Jane Austen (1813, engl. Pride and Prejudice) – 7 Sterne – mit Videos

Um Seite 50 herum wollte ich das Buch fast rauswerfen. Ich überblickte das zahlreiche Personal nicht ganz – nicht mal mit den Personenlisten und kernkraftwerkschaltplangleichen Organigrammen aus der Wikipedia. Außerdem erschien mir das Gedankengut vieler Protagnisten allzu hohl, nur auf Konvention, Geld und bella figura gerichtet:

Mr. Bingleys stattliches Vermögen, bei dessen Erwähnung ihre Mutter immer ganz munter wurde, erschien in ihren Augen wertlos, verglichen mit der Uniform eines Fähnrichs.

Zudem trägt Jane Austen (1775 – 1817) die Satire dick auf, die unsympathischen Figuren reden allzu krass unsympathisch. Die Hauptfigur Elizabeth Benneth strahlt zu sehr in ihrer abgeklärten, vernunftorientierten Art, die sich auch nicht von hochmögenden Adelsnasen einschüchtern lässt. Ein
paar theoretische Palaver über Stolz und Vorurteil als solche ziehen sich zu lang und zu didaktisch.

Dann nahm die Geschichte Fahrt auf:

Etwa ab Seite 300 von knapp 600 in meiner deutschen btb-Ausgabe kam Zug in den Roman: interessante Konflikte, ungewisse Entwicklungen; die komplexe Konstruktion wurde deutlicher. Zudem treten die aufdringlichen Nervköppe Mr. Collins und Lady Catherine in den Hintergrund.

Jane Austen produziert ab der Buchmitte spannende Situationen wie abgelehnte Heiratsanträge, hochnotpeinliche Unterredungen, zuletzt ein dramatisches Finale. Sie liefert subtile Dialoge und viele
kompakte, in sich geschlossene Kapitel. Es gibt ein paar leicht wunderliche Zufälle; doch im Vergleich zu anderen Autoren schreibt Austen realistisch und nachvollziehbar. Und sie verzichtet auf schwülstigen Symbolismus.

Jane Austens englisches Vokabular verstehe ich, und doch ist die Sprache blumig. Darum lese ich Austen gern zuerst auf Deutsch, danach erneut auf Englisch mit Kommentaren (s.u.); das muss ich bei Hemingway oder John Updike nicht. Die Tiefe der Austenschen Romane rechtfertigt doppelte Lektüre allemal.

Ironie:

Jane Austen schreibt trocken ironische Sätze wie

Miss Lucas sah ihn aus einem Fenster im ersten Stock auf das Haus zukommen und lief sofort hinaus, um ihm zufällig auf der Straße zu begegnen.

Und abschätzige Urteile über Speichellecker und Moralapostel:

Liebe Jane, Mr. Collins ist ein eitler, wichtigtuerischer, kleinlicher, dummer Mann ((…)) und genau wie ich mußt du der Meinung sein, daß die Frau, die ihn heiratet, nicht ganz richtig im Kopf ist.

Reizvoll packt Jane Austen Plusquamperfekt und Imperfekt in einen Satz:

it was for the sake of what had been, rather than what was.

Vergleich der Jane-Austen-Romane Stolz und Vorurteil (1813) und Überredung (1817):

Die Austen-Romane Stolz und Vorurteil sowie Überredung könnte man auf dem selben Filmset und an den selben Originalschauplätzen verfilmen. Man könnte auch dieselben Kostüme verwenden.

Und es gibt allzu viele zu ähnliche Themen, Konflikte, Konstellationen und Konstruktionen aus dem Austenschen Plot-Baukasten, beide mit bewegendem Finale.

Stolz und Vorurteil (1813, Austens Lieblingsbuch) hat mehr verwirrendes Personal, wirkt momentweise geschwätziger, ironischer und hochtouriger.

Das Spätwerk Überredung (1817) ist etwas sensibler und erwachsener, auch weil die Hauptfigur 28 und nicht 20 Jahre alt ist. Überredung hat zwei auffällig schlecht geschriebene Kapitel, vielleicht weil Austens Kräfte schon nachließen. Allerdings gibt es in Stolz und Vorurteil zur Buchmitte den zu langen Brief des Mr. Darcy, in den Austen nicht weniger als drei wichtige Rückblenden quetscht.

Die Übersetzung von Andrea Ott:

Die Eindeutschung von Andrea Ott u.a. bei btb klingt halbwegs flüssig, fast lässig, für mich besser als die etwas harte Grawe-Übersetzung des Austen-Romans Überredung. Ich sah bei manchen Vergleichen mit dem englischen Original keine echten Fehler, aber doch tonale Abweichungen vom Original, etwa hier:

  • EN: „Indeed i do not dare.“
  • DE: „Niemals würde ich das wagen.“

Auch in einem anderen Fall dramatisiert Ott den Text leicht:

  • EN: the self-conceit of a weak head
  • DE: den Eigendünkel eines ((…)) Schwachkopfs

Hübsch trifft Ott den blasierten Briefton eines Dampfplauderers:

dieserhalb schmeichle ich mir, daß ((…)) wage zu hoffen, der Umstand, daß ((…)) kann nicht umhin, meine Betroffenheit zu äußern, daß ((…))

Wenn ich es richtig sehe, verwendet sie Dativ-e nur gelegentlich bei Briefen innerhalb des Romans, aber nicht bei wörtlicher Rede oder Erzählstimme. Sicher eine gute Entscheidung. Einen Tippfehler bemerkte ich erst auf S. 590 („dein Mann gefällt mit ebenso gut“, sic).

Aber wie immer, und erst recht bei historischen Texten, und unvermeidlich bei Jane Austen: Das englische Original klingt deutlich besser.

Otts deutsche Übersetzung bringt für den ganzen Text nur acht Endnoten auf knapp 1,5 Seiten (da ist David M. Shapard ein anderes Kaliber, s.u.). Das rund 27seitige Nachwort von Elfi Bettinger berückte mich nicht, es bringt Formulierungen wie (S. 611):

die Implikationen der eingangs als allgemein konstatierten Grundwahrheit am individuellen Fall von Mr. Bingley ((…)) Die Wechselrede führt das konträre Sprach- und Denkverhalten der beiden ((…))

Englische „Annotated“-Ausgabe von David M. Shapard:

Die Fußnoten in David M. Shapard’s Buch sind vielleicht länger als der Roman selbst. Gut: Der Romantext steht jeweils auf der linken Seite, gleich auf der rechten Seite erscheinen jeweils die Fußnoten dazu, dazwischen zahlreiche historische Bilder, die weitere Details erklären, so Kleidung, Architektur, Kutschentypen. Damit erscheinen Originaltext, Anmerkung und Illustration gemeinsam auf einer Doppelseite, man muss nicht nach hinten blättern.

Ein Beispiel für den Umfang von Shapards Anmerkungen liefert die besonders dicht bedruckte Doppelseite 142f:

  • 142, Austens Text: rund 393 Wörter, rund 2247 Anschläge
  • 143, Shapards Anmerkungen dazu: rund 407 Wörter, rund 2392 Anschläge in 11 Anmerkungen (kleiner gedruckt als Austens Text)

Bei Jane Austens so scheinbar realistischem und dünkelfreiem Text denkt man oft, Reporterin Austen kommentiere beobachtetes Geschehen. Und bei Shapards dünkelfreien Anmerkungen denkt man oft, Reporter Shapard kommentiere Austens Bericht (auch weil er oft seine Meinung zu den Protagonisten äußert).

David M. Shapard erklärt sehr aufmerksam seltene Wörter, historische Zusammenhänge, Sozialgeschichte, reizvolle Roman-interne Bezüge, Verbindungen zu Austens Leben, ihren Briefen und ihren anderen Romanen. Er nimmt die Handlung völlig ernst, diskutiert Motivation und Widersprüche der Protagonisten.

Shapard schreibt so belesen wie lesbar, im Dienst des Lesers, ohne professorale Eitelkeit. Shapard erschloss mir damit völlig neue Schichten des Romans, ein Vergnügen – so etwas sollte es auch für deutsche Romane geben. Das dicke Taschenbuch ist zudem angenehm gebunden, angenehm gesetzt und von angenehmem Papier.

David M. Shapard erklärt unzählige Besonderheiten der Zeit, die Jane Austen selbstverständlich nicht präzisiert, etwa die Unterschiede zwischen den Anreden „Miss Bennett“, „Miss Lydia“ und „Miss Lydia Bennett“ oder die Bedeutung von „regimentals“ (Uniform). Oft sagt Shapard jedoch mehr als nötig und lenkt damit vom Roman ab, vor allem in der Sozialgeschichte, teils bei Architektur und Kleidung. Manche Bilder wirken wie reine Füllung, zumal sie immer größtmöglich erscheinen; mehr Weißfläche im Text hätte nicht gestört.

Shapard liefert eine sehr ausführliche Zeittafel zur Romanhandlung (also nicht zu Austen) und einige passable Graustufen-Landkarten. In der glasklaren, leserfreundlichen Einleitung vergleicht Shapard die bekannten Austen-Romane („In each case ((…)) Austen follows a consistent pattern“) und liefert danach eine stimmige Analyse zum Romanaufbau. Entstehung und Rezeption bespricht Shapard nicht.

Immer wieder nennt David M. Shapard Verbindungen zwischen Austens Roman und anderen Büchern der Zeit, sogar zu Gemälden:

One inspiration for these cases may have come from a passage in one of Jane Austen’s favorite novels, Fanny Burney’s Camilla. In it a woman explains… This whole passage has strong echoes of one of Jane Austen’s favorite authors, Samuel Johnson, who frequently…

Was Shapard nie anspricht: Ob Austen für ihren Roman lebende Vorbilder hatte, Onkel, Tanten, Geschwister, Lehrer? Kein Wort davon. Das überrascht, nachdem die Personen und ihre Manöver so lebensecht erscheinen.

Zur Mitte der Einführung warnt Shapard, dass jetzt Spoiler folgen. In allen Fußnoten vermeidet er Spoiler, bis auf Seite 631, Anmerkung 9. Ich fand in der Shapard-Ausgabe genau einen Tippfehler: „Man-sfield Park“ in einer Anmerkung auf S. 545. Auf Seite 619 in Anmerkung 32 fehlt eine geschlossene Klammer. Auf Seite 586 steht die letzte Zeile unter dem regulären Satzspiegel, um das Kapitel abzuschließen, eine unschöne Notlösung.

Assoziation:

Jane Austen im Überblick

veröff.

Amazon.de-Werbelink:

Goodreads* Wertung n/5

GR Zahl Stimmen

GR Zahl Rezis

HansBlog

n/10

1811

Verstand und Gefühl bzw. Sinn und Sinnlichkeit

Sense and Sensibility

4,08

1,041,826

19.923

1813

Stolz und Vorurteil

Pride and Prejudice

4,27

3,432,266

81.212

7

1814

Mansfield Park

Mansfield Park

3,86

307,892

11.378

1815

Emma

Emma

4,02

732,708

22.601

1817

Überredung

Persuasion

4,14

576,837

21.756

7

1818

Die Abtei von Northanger

Northanger Abbey

3,84

336,047

15.236

1871

Lady Susan

Lady Susan

3,63

34,569

3.570

 

(dtv 2012)

Hg. Eva Leipprand

Jane Austen, A Reader, Ein Lesebuch

bei HansBlog

*Goodreads Stand Januar 2022

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