Lese-Eindruck Sachbuch: Der Elefant im Zimmer (2020), von Petra Morsbach

Petra Morsbach bespricht drei eklatante Fälle von Machtmissbrauch: Oberkatholische Kinderschänder, Vertuschung privater Geschäfte einer Regierungsangehörigen, Machtwillkür in einer Künstlerorganisation. Zweimal Bayern, einmal Österreich. Jeder Fall bekommt grob 100 Seiten, dazu noch Vorwort, Nachwort, Endnoten etc.

Morsbach schreibt gründlich mit Spiegelstrich-Listen, 442 Endnoten, ein paar Fußnoten und allerlei Unterkapiteln. Ständig reißt sie Dinge an, die erhofft vertiefende Endnote dazu liefert dann meist nur eine Quellenangabe, es befriedigt nicht.

Ein Essay, keine Geschichte:

Durchgehende Geschichten liefert Petra Morsbach nicht: So ist die katholische Geschichte aus Östereich vielfach zerhackt in Seiten mit Fakten und Seiten mit Analyse und Kommentar.

Eine etwas längere Ablaufgeschichte liefert Morsbach immerhin beim Fall Haderthauer in München. Ich hatte insgesamt auf „True Crime“ ohne Blutvergießen und mit gesellschaftlichem Bezug gehofft (quasi Schirach für sozial Interessierte mit Gewaltphobie), aber das gab’s auch hier nicht, Morsbach produziert Exkurse wie (S. 142):

Das Beamten-Dilemma. Versuchen wir, die Beamten zu verstehen. Ein Beamter steht zum Staat in einem Sonderrechtsverhältnis. Während ihrer Dienstzeit sind Beamte ((…))

Dem folgen Zitate aus Gesetzen und Verfassungsgerichturteilen. Also kein „Narrativ“, kein „Storytelling“, sondern – wie es auf dem Titel steht und wie Morsbach innen mehrfach wiederholt – ein meterlanger „Essay“ mit ermüdenden Verallgemeinerungen. Zwar kreiert Morsbach drollige Unterkapitelüberschriften wie „Minikrimi I“ und „Minikrimi II“, doch die ganze Geschichte als investigativen Maxikrimi zu erzählen – das will sie keinesfalls. (Einen weiteren „Minikrimi“ deutet sie auf Seite 177 nur an, will ihn aber nicht schildern.)

Eigene Betroffenheit:

Die ersten zwei Fälle sind durch Top-Journalisten und Gremien bestens dokumentiert und längst abgeschlossen – gutes Material für Essays. Morsbachs dritte Geschichte erscheint problematischer:

Petra Morsbach selbst fühlt sich ungerecht behandelt, und zwar als Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste; hier machte sie einen nicht unüblichen Veranstaltungsvorschlag, den die Oberen scheinbar selbstherrlich ablehnten. In diesem Text anonymisiert Morsbach die Akteure, lässt sie dabei sehr schlecht aussehen und schreibt aus eigener Betroffenheit, womöglich aus eigenem Frust – unbefriedigend.

Zudem hat dieser Fall weit weniger Bedeutung, sozial, menschlich, poltisch, juristisch. Hier spreizen sich ein paar eitle Kunstgockel, tröpfelt schmutzige Privatwäsche. Morsbach titelt selbst vom „Sturm im Reagenzglas“. Dann beginnt ein frühes Unterkapitel auch noch so:

Parabel – Man stelle sich vor ((…))

Ich aber will Fakten, Fakten, Fakten und dann vielleicht Analyse. Morsbachs „Parabel“ auch noch zu Beginn der Geschichte interessiert mich nicht.

Für Petra Morsbach

ist Wirklichkeit ((…)) eine Fortsetzung der Kunst mit anderen Mitteln.

Umgekehrt wäre es mir lieber.

„Praktikant*innen“, „Kolleg*innen“, „Leser*innen“:

Sprachlich wurde ich auch nicht glücklich:

  • Das Gendern nervt („Praktikant*innen“, „Kolleg*innen“, „Leser*innen“, „Politiker*innen“, „Mitarbeiter*innen“) – man fühlt sich wie beim Deutschlandfunk und schnappatmet.
  • Morsbach analysiert Sprache sehr genau, manchmal stimme ich ihr jedoch nicht zu, so bei ihrem Befund, die Zuschreibung „Enthüllungsjournalismus“ brandmarke eine Publikation als „Schmuddelblatt“ (S. 33).
  • Der Titel „Elefant im Zimmer“ stammt von einem englischen Sprichwort, das in Deutschland nur Leute verwenden, die nicht mehr Deutsch denken können, sondern alles anglisieren müssen (die auch „am Ende des Tages“ etc. sagen). Ein solcher Titel verdichtet die Botschaft des Buchs nur teils.
  • Einzelne Texte in einem Blog bezeichnet Morsbach als „Blog“ (u.a. S. 150, S. 151), m.E. sollte man „Blogeintrag“, „Artikel“, „Beitrag“ oder „Blogpost“ sagen.

Assoziation:

  • Für Elefant im Zimmer wie auch für ihren Roman Justizpalast recherchierte Petra Morsbach hochinteressantes, aktuelles Material aus Justiz und Politik, das sie inhaltlich und sprachlich nicht ganz bändigt, obwohl sie sich erkennbar, aber vergeblich um Übersicht und Sachlichkeit bemüht. (Im Elefantenbuch redet sie passend von „Überkomplexität“.) Für beide Bücher sprach Morsbach mit zahlreichen Gelehrten, die aufgelistet werden und wohl zum verkopften Gesamteindruck beitragen
  • Wiki zum Ausdruck „Elefant im Zimmer“, er wird dort als „Anglizismus“ bezeichnet
  • Radio-Diskussion zu Machtmissbrauch mit Morsbach im SWR, 55 min
  • Amazon-Werbelink: Petra Morsbach

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