Romankritik: Die Schwarze von Panama, von Georges Simenon (1935) – 7 Sterne

Der Kreditbrief platzt, und so strandet ein gutsituiertes französisches Ehepaar fast mittellos im schwül-heißen Panama. Die Frau findet Anstellung und Unterkunft in einem guten Hotel, doch der Mann muss allein im „Negerviertel“ hausen (S. 67):

Das Haus roch nach Negern.

Der Mann lässt sich gehen, goes native samt örtlicher Loverin, und Georges Simenon schildert das genüsslich.

Simenon (1903 – 1989) berichtet viele stimmige Details, schafft eine glaubhafte Atmosphäre. Doch manche Handlungselemente überzeugen nicht ganz:

  • Der gestrandete Ehemann, Ingenieur, verschwendet sein letztes Geld wenig glaubhaft an Alkohol, den er nicht verträgt;
  • die scharfe soziale Segregation der Eheleute gleich nach Platzen des Kreditbriefs klingt unglaubwürdig; und
  • die festsitzenden Eheleute trauen sich nicht, die gutsituierten Eltern der Frau in Frankreich telegrafisch um Geld für die Rückreise zu bitten.

Simenons Stil:

Der Kreditbrief platzt sehr früh im Roman, gleich danach gehen die Eheleute getrennter Wege. Dann passiert über viele Seiten nicht viel. Simenon schildert vor allem, wie der Mann allmählich den Bach runtergeht.

Der Erzählstil mit vielen kleinen Rückblenden, Mini-Absätzen und abgerissenen Gedanken, die in Pünktchen-Pünktchen-Pünktchen enden, würde mich überall nerven, aber nicht bei Simenon. Der letzte Satz ist untypisch sarkastisch.

Simenon war erkennbar vor Ort, anders als Karl May oder William Boyd. Die Rückseite des Atlantik-TB redet sensationsheischend von „Paradies“ und „Hölle“, doch Simenon tut das nicht – er schreibt viel nüchterner, betont undramatisch. Er schafft insgesamt lebendige Charaktere und Kulissen, prickelt aber nie so wie John Updike oder Graham Greene. Also ein ganz normaler Simenon der besseren Art.

Übersetzung:

Ich hatte die 2019er-TB-Ausgabe des Atlantik-Verlags (offenbar ein Hoffmann-und-Campe-Imprint) in der Übersetzung von Ursula Vogel, ohne Hinweis auf Neu-Überarbeitung. Wenn ich es richtig sehe (aber ich kann mich irren), stammen auch schon ältere Übersetzungen des Romans von ihr, u.a. eine Diogenes-Ausgabe von 1986.

Mein Buch hatte typische Simenon-Übersetzung-Wunderlichkeiten wie „Levantiner“ (mehrfach), „Zwillingsbetten“, „Zelluloidkragen“, „Empfangsbüro“ im Hotel (Rezeption?), „Reklamemesser“, „Bübchen“, „verhohnepiepelt“ für Partner betrogen oder den Satz

Dupuche zeigte seinen Pass vor, um seine Identität zu beglaubigen

oder

Das Ehepaar Cosmos, Véroniques Eltern, hatten ((…)) (korrekt „hatte“)

Freilich, eine neue Übersetzung hätte niemals die krassen politischen Unkorrektheiten bringen können wie diese 1986er-Fassung; das Original heißt Quartier nègre, viel besser als der gschamige deutsche Titel. Und deshalb, Zitat, heißt es hier noch:

Das ganze Viertel roch nach Negern.

Auch „ein kleiner Jude“ kommt vor, ein schmieriger geldgieriger Anwalt.

Ich hatte extra die 2019er-Ausgabe gekauft, weil ich auf eine bessere, neuere Übersetzung hoffte, aber das wurde enttäuscht. Immerhin gibt’s ein kurzes Nachwort von Michael Kleeberg. Der U.a.-Übersetzer (Wiki) äußert sich darin pikanterweise nicht zur Roman-Übersetzung. Die Entfernung Amiens-Panama betrage „12000 Kilometer“, es sind wohl eher 8675.

Assoziation:

  • Der Ehemann im Panama-Roman ist eine typische Simenon-Figur, ein eigenbrötlerischer Krattler ohne großen moralischen Kompass, wie Der Mann mit dem kleinen Hund.
  • Einen weißen Einzelgänger in den Tropen beschrieb Simenon auch im Bananentourist, und Tropenkoller spielt in Afrika.
  • Der Erzählstil mit vielen kleinen Rückblenden, Mini-Absätzen und abgerissenen Gedanken, die in Pünktchen-Pünktchen-Pünktchen enden, erinnert an Simenons Das blaue Zimmer.
  • Momentweise dachte ich an Graham Greenes Weiße in den Tropen, etwa in den Komödianten (Haiti); aber nur momentweise. Wie bei Tropengeschichten von Greene oder auch Somerset Maugham spielen Weiße alle Hauptrollen, Einheimische figurieren als Würstchenbrater oder polyamouröse Liebschaft

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