Romankritik: Auf der anderen Seite des Flusses, von Pedro Mairal (2016) – 4 Sterne

Der Roman weckt mein Interesse für Geschichten aus Argentinien und Uruguay, aber nicht für weitere Bücher von Pedro Mairal. Zur Hauptfigur:

Ich-Erzähler Lucas ist ein selbstmitleidiger Unsympath, er hat lt. Selbstzeugnis zu viel „giftiges Testeron“ im System (S. 13), er redet gern vulgär, und seine Frau liefert Triebabfuhr nicht in gewünschter Menge. Doch Lucas, 44,  lauscht gern dem „Tier in einem“ (S. 52). Darum greift er sich am Strand von Uruguay eine Loverin (S. 28):

feuchtes Haar, Jeans-Minirock, lockeres T-Shirt über dem Bikini-Oberteil.

Später erscheint sie, 28, im „rückenfreien T-Shirt zum Anbeißen“ (S. 87).

Dieser feuchte (wörtlich) Traum hat nicht nur „eine uruguayische Nase“ und „ein Piercing in der Klitoris“. Guerra, so heißt sie, sagt dem vom Familienleben ermatteten Ich-Dichter auch das, „was ein Mann lieber hört als“ alles andere:

„Hübscher Schwanz!“

Der Ich-Erzähler beschreibt (darum?) detailliert die Biegung des Körperteils, sein Pinkeln, und so ein Prachtkerl will natürlich auch ein Tattoo.

Spröde Ehe, heiße Loverin:

In der erzählten Jetzt-Zeit fährt Ich-Erzähler Lucas, zufällig ein Schriftsteller, von Buenos Aires, Argentinien, auf die andere Seite des Rio de la Plata nach Montevideo, Uruguay; er will Schwarzgeld abholen und seine Geliebte Guerra treffen. Pedro Mairal erzählt zu viele banale Einzelheiten dieser Schiff- und Busfahrt, die er zudem mit ermüdenden Rückblenden streckt: die spröde Ehe des Ich-Erzählers, die finanzielle Misere, die „Traumfrau“-Geliebte.

Selbst die deutsche Fassung hat nur knapp 170 Seiten, die englische nur 150 – wollte Mairal das Material verzweifelt strecken?

Als der Stoff für Rückblenden ausgeht, lässt Pedro Mairal seinen Ich-Erzähler frei räsonnieren, über uruguayische Fußballer, Cafés oder Dinge, die ich gleich wieder vergaß. Noch zur Buchmitte wandert die Hauptfigur mit 15.000 Doller im Geldgürtel durch Montevideo, aber die heiße Loverin bleibt aus. Zur Sache, Schätzchen, stöhnt der angeödete Leser.

Tatsächlich beginnt beim Auftauchen der Loverin eine kontinuierliche Handlung mit viel Dialog ohne weitere große Rückblenden oder Grübeleien. Man bleibt jetzt dran, weil der Erzähler Veränderungen in der Zukunft vage andeutet. Es gibt auch einen dubiosen Kriminalfall, dessen Aufklärung man erwarten darf.

Freilich betäubt sich der Ich-Erzähler nun mit Whiskey und Hasch, und das mit 15.000 USD und Loverin am Leib, dann noch eine Freiluftrammelei – „der größte Dummkopf von ganz Amerika“, wie er selbst erkennt (S. 134).

Wer interessiert sich für solche Typen? Die Aktionen werden beliebig, man kann nichts ernst nehmen, das Buch verliert weitere Relevanz. Zum Ende vermisst man eine wichtige Auskunft, liest aber eine andere völlig unverhersehbare Überraschung.

Darum stimme ich der NYT Book Review zu (zitiert nach Bookmarks), die gegen den Kritikertrend schreibt:

Midway through, he turns a mood piece into a seedy thriller, bringing in sex, crime and intrigue. The result is an unfocused, lopsided story that packs far too much into 150 pages… Mairal has figured out that writers can now work up an account of their lives, no matter how banal or comfortable, into a kind of subfiction, with little concern for theme or structure, and find a ready audience.

Übersetzung:

Pedro Mairal schrieb den Roman 2016 unter dem Titel La uruguya. 2020 brachte der mareverlag die deutsche Übersetzung von Carola S. Fischer heraus; ungewöhnlich: die Übersetzerin wird schon auf dem Titelblatt genannt.

Einiges an der Übersetzung gefällt mir nicht (ich kenne jedoch nicht das spanische Original). So auf S. 11:

Eine Wandleuchte im Wohnzimmer brannte durch, und wir saßen im Halbdunkel

Leuchtmittel/Glühbirnen brennen vielleicht durch (je nach Konstruktion), aber ganze Wandleuchten?

Ab S. 86 ist von einem Hund die Rede, gleich danach unerklärlich von „Peronist“ und „Perón“ – hat das mit Spanisch perro/Hund zu tun? Ich verstehe es nicht, hier wäre eine Anmerkung der Übersetzerin wünschenswert, ebenso wie bei ein paar sicher interessanten Vergleichen zwischen argentinischem und uruguyaischem Spanisch; sie versickern lost in translation.

Statt Thermosflasche heißt es auf Seite 98 mehrfach Thermo, m.E. keine in DE gebräuchliche Abkürzung.

Und was ist ein (S. 110) „nicht übertragbarer Scharfblick“, was (S. 136) „der reisige Sänger“, was (S. 143) „ein Yoda aus der Provinz“? Die „Stimmweisen“ (S. 122) der Ukulele sollten „Stimmungen“ heißen, auch wenn man das theoretisch falsch verstehen kann. „Mittelschicht, ‚mit Aufstiegsbestrebungen'“ (S. 124) klingt nicht nach wörtlicher Rede oder Redensart.

Auf Seite 129 heißt es:

…ohne Turnschuhe… Oder genauer gesagt: ohne Sneakers.

Will sagen?

Eine Diskussion auf S. 124 geht um „allererste Sahne“ – wörtlich und im übertragenden Sinn. Ich wüsste gern, wie das auf Spanisch lautet.

Text:

Auch der Text selbst – unabhängig von der Übersetzung – zeigt Ungenauigkeiten u.a. Probleme auf Satzebene. Der Ehemann fährt zu seiner Geliebten nach Uruguay und verabschiedet sich von Frau und Kind in Argentinien mit einem „Judaskuss“ (S. 5); m.E. passt der Ausdruck nicht gut.

Sehr aufdringlich, dass argentinische Ehefrau und die mit der Loverin besuchte uruguyaische Bar denselben Namen tragen, (Santa) Catalina. Der Ich-Erzähler geht darauf nach meiner Übersicht nicht weiter ein. Aber er sagt auf S. 160:

Löffel fielen auf die Edelstahlfläche wie ein Trommelschlag.

Stahl auf Stahl klingt wie ein Trommelschlag?

Ebenso unglücklich das deutsche Titelbild: Nackte Beine im Wasser – und das ganze Foto um 90 Grad nach unten gekippt. Was soll das? Eine Anspielung auf Alkohol und Hasch? Übrigens ruhen die Beine scheinbar auf einer hinter Wellen versteckten Luftmatratze, die im Roman gar nicht erscheint.

Assoziation:

  • Eheleute, die sich gegenseitig der Untreue verdächtigen, gibt’s auch bei John Updike, u.a. in den Maples Stories. Bei beiden Autoren vermutet/kennt man einen autobiografischen Hintergrund. (Updike scherzte auch überthe artistic indecency of writing about a writer„)
  • So ein Roman mit Ehebruch, Kriminalfall und vielen Rückblenden könnte auch von Georges Simenon stammen (vgl. Das blaue Zimmer), aber Simenon schreibt besser und weniger vulgär
  • Vorübergehend dachte ich an zwei Romane von Graham Greene, doch Der Honorarkonsul wie auch Reisen mit meiner Tante spielen u.a. in Argentinien und Paraguay, nicht Uru-

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