Romankritik: Striptease, von Georges Simenon (1958) – 7/10 Sterne

Eine kleine Stripteasebar in Cannes: Die alternden Tanzdamen fürchten die Konkurrenz der blutjungen Neuen. Ein oder zwei wollen zudem den Besitzer erobern. Doch der ist schon verheiratet und polyamor; seine Frau sitzt krank an der Kaschemmenkasse, sie ahnt die Konkurrenz.

Unglamourös, nicht dramatisierend:

Georges Simenon (1903 – 1989) recherchierte selbstlos für uns im Rotlichtmilieu und schildert scheinbar realistisch, unglamourös, nicht dramatisierend oder eifernd me-too. Er zeigt vor allem die Rivalitäten der Tänzerinnen – Hauptfigur Célita ist schon 32 und hat ohne Perspektive, die anderen sind teils fett, bettelarm oder jung und zum Anbeißen.

Simenon erzählt federleicht, mit vielen kurzen Absätzen, Dialog und kleinen Rückblenden, die nie verwirren. Nur einmal liefert er ein wichtiges Ereignis nach, das man früher hätte kennen sollen.

Doch nur Célita gewinnt wirklich Charakter (einen schlechten), die anderen Protagonisten (ich gendere nicht) bleiben blass. Es gibt zwar Szenen am Strand, doch der Ort Cannes spielt kaum eine Rolle, mediterranes Gefühl bleibt aus. Die Geschichte könnte auch in Lyon oder Brüssel spielen, vielleicht auch in Paris.

Wie andere Nicht-Maigrets („romans durs“) kommt auch Striptease lange ohne Kapitalverbrechen aus. Gegen Ende erzeugt Simenon plötzlich dramatisch Spannung mit Waffendiebstahl und einer angekündigten Straftat – der aufdringliche Tonartwechsel verblüfft.

Neuübersetzung:

Wie in anderen Büchern beunruhigt Simenons Schilderung weiblicher Intimsphäre gelegentlich, z.B.

Mit dem Zustand nervöser Gereiztheit ((…)) ging merkwürdigerweise auch eine sexuelle Erregtheit einher

Ihre einfachen Schlüpfer, wie sie Tippfräuleins und Dienstmädchen trugen

Die 2018er HoCa-„Neuübersetzung“ von Sophia Marzolff klingt vielleicht etwas weniger skurril als bei anderen Simenons, beglückt aber nicht. Einige Abtörner:

substanzleeren Körper des jungen Mädchens

halb vier in der Frühe ((m.E. Regiolekt))

gehörten die beiden ((…)) zur gleichen Gruppe wie sie, zum gleichen Milieu ((korrekt 2x „selben“))

…blähte sich der Vorhang des Fensters im Wind auf (( „auf“ ))

Gottvater ((warum nicht Pate, Taufpate, Patenonkel; es geht um eine Familiäres, nicht um Gangsterbosse))

Die früheren Übersetzungen von Angela von Hagen und Angela Glas kenne ich nicht.

Wickertnachwort:

Wie jeder ordentliche Buchbesprecher beginnt auch Ulrich Wickert mit den Pronomina „meinem“, „ich“, „ich“, „ich“, „mich“, „mich“, alle im ersten kurzen Absatz. Dem folgt eine umständliche, irrelevante Episode aus Wickerts Frankreichzeit. Der Romantitel Striptease begegnet erstmals nach gut eineinhalb Seiten.

Wickert lässt dann raushängen, dass er öfter mit Günter Grass abhing, der ihm dann auch den Roman Striptease überreichte. Dazu liefert Wickert noch ein paar Hintergründe zur Roman-Entstehung – die seien aber bekannt, erklärte die FAZ.

Assoziation:

  • Wie bei so vielen Nicht-Maigrets: Georges Simenon schreibt solid, leicht lesbar über kleine Leute mit guten Details und dialogreich; die Lektüre enttäuscht nicht, und sie reißt nicht vom Hocker; die Geschichte könnte in einem fast beliebigen Jahrzehnt spielen und ist genauso lang wie die meisten anderen Nicht-Maigrets auch. Und wie immer bin ich empört, dass Simenon so etwas in 8-9 Tagen herunterschreibt und kein Lektorat zulässt.
  • Der Erzählstil mit vielen kleinen Rückblenden, Mini-Absätzen und abgerissenen Gedanken, die in Pünktchen-Pünktchen-Pünktchen enden, erinnert an Simenons Das blaue Zimmer oder Die Schwarze von Panama, ist aber hier in Striptease nicht so ausgeprägt
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