Kritik Politik-Buch: Alleiner kannst Du gar nicht sein, von Peter Dausend, Horand Knaup (2020) – 7/10 Sterne

Peter Dausend und Horand Knaup liefern interessante Einblicke in die deutsche Politik – auch in wenig bekannte Gefilde wie die Beziehungen Abgeordneter-Mitarbeiter oder Abgeordneter-Partner (ich gendere nicht). Aber richtig investigativ ist das nicht: Sie bringen offenbar nur, was nach Interviews freigegeben oder schon woanders berichtet wurde, auch wenn sie gelegentlich anonymisieren.

Literarischer Streckbetrieb:

Vor allem produzieren die Autoren zu viele Verallgemeinerungen und heiße Luft. Das ermüdet. Beispiele:

Macht gibt es überall, in jedem sozialen Gefüge… Für Minister kann die Bereinigungssitzung zur Tortur werden. Ist es ((sic)) häufig auch… Die soziale Kontrolle ist, wie im richtigen Leben auch, nicht immer schmerzfrei… Aber beginnen wir doch mit dem Anfang… Es ist vertrackt. Irgendwie brauchen die Abgeordneten die Medien. die Zeitungen, die Radiostationen, die TV-Sender. Es geht nicht ohne sie, so glauben die meisten. Immer noch.

Klingt wie literarischer Streckbetrieb. Und das erst recht, wenn sie neue Themen mit märchenonkelhafter Geheimnistuerei anmoderieren. So beginnt Kapitel 4 über Gewissensentscheidungen mit 1. Hauptüberschrift, 2. Zwischenüberschrift, dann folgt unmittelbar 3. dieser Lauftext:

Ein solcher Konflikt begegnete ihm nie wieder. Und er hat das innere Ringen nie vergessen. War es die richtige Entscheidung? Hatte er es sich zu leicht gemacht? Hätte er nicht doch dagegen stimmen sollen? Nicht lange zuvor war er in den Bundestag gewählt worden. Und eine der ersten Entscheidungen, die er zu treffen hatte…

Wir erfahren zeilenlang nicht, wovon die Autoren eigentlich reden, erdulden angestrengte Dramatisierung. Zur Sache bitte.

Ähnlich verspielt oder verpeilt wirkt auch das Unterkapitel über den Haushaltsausschuss: Der entsprechende Zwischentitel lautet sub-informativ „Der Club der kleinen Könige“, und dann folgen rund zehn weitere, geheimnisvoll raunende Zeilen, bevor der Leser erstmals erfährt, dass es um den „Haushaltsausschuss“ geht. Weitere Kapitel- oder Unterkapiteleinstiege gehen in dieselbe Richtung.

Dazu kommen leere rhetorische Fragen wie oben, oder auf Seite 51 gleich vier in einem Absatz, weitere Fragezeichenkaskaden folgen. Ich habe ja lieber Fakten oder Kommentare als Fragen und Verallgemeinerungen.

Abweichler und neue Liebe:

Gelegentlich klingen Dausend/Knaup allzu phrasenhaft – ist „zentrales Erzählmuster“ ein Ersatz für (pardon) „Narrativ“? Und dann der „Arkanbereich“, Angeberei?

Weitaus besser gefallen die konkreten Beispiele ohne jede Verallgemeinerung: so die Kurzbiografien notorischer Fraktionsabweichler, die Seiten über Schäuble und später Nahles oder die langen kursivierten Ich-Erzählungen genervter Lebenspartner:

Seine neue Liebe heißt Bundestag, und zumindest ist sie nicht blond.

Immerhin gendern Horand/Knaup explizit nicht, schwurbeln aber gleichwohl (S. 160):

Das bestreitet keiner und keine, die sich im politischen Geschäft behaupten müssen.

Umgekehrt heißt es aber maskulinistisch:

In der Umweltpolitik sah er seine Partei … als Bremser, nicht als Beweger ((S. 357, m.E. korrekt Bremserin, Bewegerin, ohne Stern oder Binnenmajuskel))

Wie auch Die Zeit und Der Spiegel:

Zur Sprache stellen die Autoren selbst fest, scheinbar resigniert:

Nun liest sich das Buch so, wie sich auch Die Zeit und Der Spiegel lesen.

Ja, das ist sehr glatt – fast monoton – lesbar, mild betulicher Gutmenschensprech. In ihrer Mischung aus Verallgemeinerung, Bericht und angestrebtem Live-Charakter werfen die Autoren alle Tempi durcheinander, schreiben Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft:

Später wird sie auch ihr Abgeordnetenmandat niederlegen

obwohl sie es längst getan hatte.

Doch sie arbeiten hier womöglich ohne ihre bewährten Schlussredaktionen, und manchmal treiben sie es mit den Tempi zu weit (S. 312, sic):

Sein Platz war ist in der ersten Reihe der Regierungsbank

Andere Merkwürdigkeiten ((sic)):

In den vielen Jahren, als Geld knapp und die Schulden hoch waren…

oder

Lissabonner Alfalma ((sic, S. 180))

Dazu kommen Tippfehler wie

nächstens in einer Rotlichtbar ((statt nächtens, S. 249))

tierschürfenden Analysen ((sic, S. 267))

One-Mann-Show ((sic, S. 327))

die Neuwahl der Fraktionsvorsitzes ((sic, S. 372))

wenn die Mehrheiten knapp ist ((S. 397))

Und dann Unerklärtes wie das „Thüringer Wahldesaster im Herbst 2019“ (weiß das jeder?) und typische Sachbuchunsitten wie

die aktuelle, die 19. Legislaturperiode

Sinnvoll ist hier nur eine absolute Jahreszahl, die jeder einordnen kann, auch zehn Jahre nach Erscheinen des Buchs, wenn ganz andere Desaster „aktuell“ sind.

Diese 19. Legislatur, die letzte große Koalition unter Merkel, untersuchen die Autoren überwiegend, aber nicht nur: Sie gehen teils bis zu Herbert Wehner zurück (ein prototypischer Abgeordnetenschinder), und sie befassen sich nicht nur mit dem Bundestag, sondern blicken auch auf Parteitage, in Parteizentralen, Ministerien, Rathäuser, Wahlkreise, Wohnzimmer, Hotelbetten, Puffs und Psychologenpraxen.

Keine Belege:

Wir lernen im Text viele Akteure der zweiten Reihe und der hinteren Bänke kennen. Mein dtv-Hardcover (hübscher Widerspruch) hat indes keine Fotos, keine Tabellen, keine Grafiken, keine Organigramme, keine Wahlstatistiken, keine Auszüge aus Gesetzen und Geschäftsordnungen und Quellenbelege auch nicht; es gibt ein mehrseitiges Glossar.

Mehrfach lassen die Autoren Dinge behaupten, ohne sie zu belegen. So Michael Hennrich MdB über seine Hebelwirkung per soziale Medien (S. 285):

»Man kann so viel bewegen«, sagt er, »ich muss halt einen coolen Begriff setzen, um durchzudringen.«

Warum illustrieren sie das nicht mit einem „coolen Begriff“ aus dem entsprechenden Facebook-Account? Stattdessen berichten sie nur – fast widersprüchlich –, wie genau dieser Abgeordnete mal sozialmedial auf die Nase fiel.

Ein anderes Beispiel. Finanzaktivist Gerhard Schick auf Seite 270:

„Es gibt sicher eine Handvoll Beispiele, bei denen ich nachweisen könnte, dass das Gesamtwerk – von der Regelungsidee bis zur Formulierung – von Lobbyisten kam“

Warum illustrieren sie die traurig stimmende Behauptung  nicht mit einem markanten Satzvergleich aus beiden Texten? Stattdessen wiederholen sie die Behauptung erneut unbelegt auf S. 413 und wiederum in der nicht paginierten Zitatstrecke am Ende.

Pers. Erklärung des Rezessenten:

Was ich nicht bedacht hatte: Horand/Knaup bearbeiten auch Stress-Themen, die mir auf den Magen drücken. Ich informiere mich z.B. über Kriegsgreuel, AfD-Scheiße, deutsche Korruption, Russland- und China-Manöver nur knapp soweit nötig, sonst geht es mir zu schlecht. Horand/Knaup haben nun eigene Kapitel über Lobbyistentum und Hass – da ging es mir auch schlecht, aber ich konnte sie nicht überspringen.

Assoziation:

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