Kritik Sachbuch: Die Schlange im Wolfspelz, von Michael Maar (2020) – 8 Sterne

Kulinarische Feinschmecker gehen auf die Fressmeile oder auf den Naschmarkt, Literar-Gourmets verkosten die Proben in diesem Buch: Es liefert Hunderte oder Tausende interessanter Zitate aus der deutschen Literatur, viel Gelungenes und ein paar köstliche Flops.

Dazu die knackigen Kommentare des Michael Maar im Sound del Maar: Brillant eingängig, fluffig intellektuell, mal frech, endlos belesen, aber super lesbar, gourmethaft schmeckend, hauchfein arrogant, mit feindosiertem Bling: Schillers Tell ist „höherer Schulfunk“, Johann Peter Hebel liefert „Prosa-Daumenkino“.

In die Pfanne & auf die Schulter:

Der Michael Maar ist dazu ein prima Kerl: Er haut die richtigen Schreiber in die Pfanne (Hölderlin, Heinrich Mann, Günter Grass, Christa Wolf, zu oft Stefan Zweig), und den richtigen auf die Schulter: partiell Thomas Mann, Wolfgang Herrndorf, Kleist, Karl Kraus, zu oft Joseph Roth, zu oft Kafka, viel zu oft Rudolf Borchardt, da hyperventiliert der Fanboy.

Was Michael Maar über Sprache und Stil dekretiert, trifft oft genau meinen Geschmack – er prügelt Auswüchse und Schwulst, er feiert schlichte Schönheit und unaufdringlichen Mut. Genau wie Hans D. Blog findet Michael Maar Canettis Blendung teils „schlechterdings großartig“, teils „schwer auszuhalten bei nicht zu bestreitender Kühnheit“. Maar wie Hans D. Blog denken auch über Thomas Mann, „als Humorist ist er schwer zu übertreffen“ (und dabei rekurriert Maar nicht einmal auf die Buddenbrooks). Nur Erich Kästners Lyrik beurteilt Maar grundfalsch (S. 463).

Dabei liefert Michael Maar endlose köstliche Belege aus bekannten und entlegenen Winkeln der deutschen Literatur (mit kleinen Seitenblicken nach Frankreich, USA, Russland, speziell Marcel Proust).

Sound del Maar:

In seiner Stilkunde kommentiert der „Stil-Forensiker“ (Maars Wort) vom kleinen Komma bis zur Mörderhammerhypotaxe alles. Und er lässt’s selbst schillern:

perennierend… purgierend… à la bonne heure… Argot… Wunderwuzzi… permutierbar… kakanisch… Gollum… auktorial… fourniert… Abundanz… le laid, c’e le beau… regaliert… debordierend… tingiert… Ruthenien… Pleonasmus… Epitheton… tellurisch-vegetativ… Sagazität… Debaucherie

Dazu Maar, honi soit:

Fremdwörter benutze man nur, wenn sie wirklich präziser sind… Nie als Bildungsprunk und nach Möglichkeit nicht die abgegriffenen latinisierten… ((Maar)) persönlich mag Fremdwörter nur selten…

Ach so? Und was ist mit abgegriffenen, aus dem Englischen Eingebürgerten? Umgekehrt sagt Maar zu „Adjektiv“ laufend „Beiwort“.

Andere Ausdrücke verdammt Maar zurecht und verdient sich seinen eigenen Schulterklopfer, etwa für die Verdammung von „Paradigma“, „Diskurs“, „positionieren“ und „Narrativ“ oder für sein Postulat:

Überhaupt sind Fehler nicht schlimm. Phrasen sind schlimm.

Maar verblüfft gleichwohl mit überflüssigen rhetorischen Fragen (S. 210, S. 238, S. 346), aber auch mit „daß“, „auf dem Felde“, „am Tische“ und „in einem schlechten Stile“ – Missklänge im Sound del Maar. Seltsam, dass sich Maar zugleich über Doderers Dativ-e mokiert (S. 581, Anmerkung zu S. 129).

Die Handlung angeblich ganz unerheblich:

Michael Maar delektiert sich an Metaphern, Wörtern, sogar an bestimmten Fehlern. Der Plot, ein Plot, interessiert ihn nicht (S. 293, über Robert Walser):

Die Handlung ist ganz unerheblich, aber die Sprache!

Darum zitiert Maar in extensio hübsche Sprachwolken; die Handlung, so es eine gab, geht verschütt. So was lasse ich mir ja als Zitat im Maar gern gefallen. Aber ein ganzes Buch nur aus Sprachwolken, wie Maar es feiert, werde ich nicht lesen – ich esse ja auch keine Zuckerwatte.

Bei der Lyrikerin Monika Rinck feiert Maar „den genauesten Sinn für das leicht verkantete Wort, für Rhythmus, Silbenmaß und Klang“; aber das scheint ihm auch bei Long-Prosa am wichtigsten.

Ein Wolfgang-Hilbig-Roman falle „ins große Fach der Sprache, die sich selbst zum zum Thema macht“ – grauenhaft. Und Ingo Schulze habe laut Maar „diese Meta-Ebene ((…)) zum geradezu notwendigen Merkmal moderner Prosa“ erklärt. Darum lese ich „moderne Prosa“ auch nicht; denn, so Maar wieder über Hilbig:

Die Handlung kriecht fiebrig-phantasmagorisch nur zäh sickernd voran.

Maar scheint’s nicht zu stören, denn er zitiert (neben Todesqualen) gern auch Naturschilderungen, also wieder keine Handlung. Aber lohnend, weil

sie zur Handlung nichts beitragen, weil sich im Grunde kein Mensch für sie interessiert und weil ausschließlich durch die Gabe des Stils und der plastisch-metaphorischen Beschreibung der Impuls des Lesers, vorzublättern, gedämpft werden kann.

Stil vor Inhalt, das unterstreicht Maar auch beim ausführlichen Lob von Hildegard Knefs internationalem Bestseller, Der geschenkte Gaul: Er lobt ihre Sprache. Dass Knef jedoch historisch falschdarstellt, schrieb schon Jürgen Trimborn 2005 in seiner Knef-Bio; aber das kümmert den sprach- (und Knef-?)verliebten Maar nicht.

Zum Glück hat Maar nach vielen Todes- und Landschaftsszenen ein Einsehen und widmet sich Liebesdingen; zwar erst ganz weit hinten, aber dafür dann im Kapitel „VI.“ Mir wären verliebte und/oder erotische Dialoge lieber als horizontale Action, womöglich versteckt im Gedankenstrich, aber für Dialoge interessiert sich Maar zu wenig.

Vermisst:

So akribisch Michael Maar auch alle Atome des literarischen Stils untersucht, ein paar Unterthemen vermisste ich, etwa

  • die Kunst, Absätze zu setzen oder nicht
  • die Frage, ob ich Anführungszeichen brauche (und Klammerbemerkungen)
  • Eigennamen literarischer Figuren (Clawdia Chauchat und Zdenko von Chlamtatsch begegnen, aber nicht wegen ihrer Namen)
  • Walter Kempowski (außer als Ankreuzoption im Rätsel) und ein paar andere konnte er nicht berücksichtigen, bedauert Maar im Nachwort (Josephine Mutzenbacher, Bambi und Eckhard Henscheid figurieren; Frank Schulz, Böll, Frisch nicht)
  • alles über Handlungsführung: Rückblenden, Cliffhänger, Plausibilität, Erzählperspektive, Dialog vs. Indikativ vs. Konditional etc. (denn bei Maar geht Stil über Handlung)

Schade: Dialoge gehören für mich zum Wichtigsten der Literatur. Dazu analysiert Maar über sechs Seiten ausgerechnet einen philosophisch-unrealistischen Kleist-Theater-Dialog – während Maar sonst kaum auf Theater eingeht. Dem folgt ein Dialog aus dem Zauberberg, auch kein Beispiel für Realismus.

Dass Deutsche kaum guten Dialog zustande bringen (außer Lena Christ, aber die figuriert auch nicht) und die Angelsachsen um so besser, darauf geht Maar nicht ein.

Die Gehängten:

Hat Michael Maar einen Hang zum Morbiden? Er liefert auffällig viele Textproben übers Hinsterben oder Hingestorben-Werden, und nicht immer sind’s nur Hundchen, wie in diesem Ebner-Eschenbach-Zitat aus Maars Buch:

den Hauptspaß, mit anzusehen, wie die Hündchen ertränkt wurden, konnte er sich nicht entgehen lassen.

Später zitiert Maar den erbärmlichen, 956fachen Grenzschutzhundtod bei Marie-Luise Scherer („immer Verlaß ist bei ihr auf die Motivkombination Hund und Tod“).

Nicht immer auch sind’s nur Mäuschen wie in diesem Kafka-Zitat:

Dort lag sie die kleine liebe Maus, das Eisen im Genick, die rosa Beinchen eingedrückt, erstarrt den schwachen Leib ((…)) Die Eltern standen daneben und beäugten die Reste ihres Kindes.

Warum weidet der Maar sich an so was? Eine Überschrift heißt fröhlich:

Stilvergleich II: Die Gehängten

Dann folgt Sterbeszenen-Komparatistik Marcel Proust/Thomas Mann, denn „zum Stärksten, was Thomas Mann geschrieben hat“, gehört die „fünf Seiten lange Schilderung davon, wie Rahel an der Geburt des Benjamin stirbt“, hmja. Später lobt Maar Manns Sterbeprosa erneut. Ein anderer Protagonist „spricht oft von aufgespießten Köpfen und gepfählten Verrätern; er hat einen Hang zum Morbiden“.

Nicht nur er.

Beim  Höhepunkt  Finale des Buchs verbindet Michael Maar zwei seiner offenkundigen Lieblingsromaninhalte, das Morbide und das Körperliche – natürlich im Kapitel „VI.“ Seine Überschrift lautet „Sex auf dem Friedhof“, dem folgt eine seitenlange Nacherzählung des Vorgangs.

Und drin im Sexkapitel ist auch das Unterkapitel „Ersterben“.

Kein Vorwort, aber Endnoten ohne Ende:

Fulminant: Sein 655-Seiten-Buch (angeregt lt. Nachwort von Eva Menasse) beginnt Maar ganz ohne dröges Vorwort – gleich in medias res, ein feuchter Traum des Sachbuchlesers, zumal des Hobbygermanisten.

Weniger gelungen: Lange Endnoten erscheinen erst ab Seite 553 und dann über gut 100 Seiten; man muss also ständig zurückblättern, will man nicht etwas verpassen. Zudem nummeriert Maar die Endnoten nicht einzeln durch hochgestellte Ziffern im Text; der Leser (ich gendere nicht) soll sich an Seitenzahlen orientieren, umständlich.

Bilder gibt’s nicht, auch keine systematischen Angaben zu Lebensjahren, dies flicht der Autor nach Geschmack ein.

Bibiothek:

Herrndorfs mehrfach erwähnte Ida heißt einmal plötzlich „Isa“ (sic), auf Seite 459 steht „Bibiothek“ (sic, nicht absichtlich).

Maar redet meist ungewöhnlich klar und verständlich, selbst wenn er teils hermeneutischen Dichtern huldigt. Manchmal wunderte ich mich jedoch, etwa wenn nach dem Zitat „zwei Flugzeuge wurden, ernst wie Fiakerpferde…“ der „komische Effekt durch die Vermenschlichung“ gelobt wird (Flugzeuge, Pferde, Vermenschlichung?).

Auf Seite 465 lobt er zwei Autoren als „nicht genügend zu würdigende Lyriker und Stilisten“. Das muss man wohl anders formulieren. Auch S. 390 verstimmte mich mit einem „n“ zuviel:

In Seelburgs nicht ARO, sondern ANO genannten Teppichladen entwickelt sich…

Die Süddeutsche Zeitung findet bei Maar ein paar inhaltliche Fehler.

Maars generisches Femininum ist wohl Absicht. Nicht immer, aber manchmal sagt er einfach nur „die Leserin“.

Bekenntnis des Rezessenten:

Maar liefert eine tolle Häppchenstrecke, durch die man sich genüsslich futtert. Einige wenige Unterkapitel habe ich heimlich ignoriert, vor allem zu bleiche Gestalten des 18. und 19. Jahrhunderts oder Maars Leibspeise Rudolf Borchardt.

Ich wusste ja vorher, dass es ein Potpourri wird, kein homogenes Ding, ohne Zug und Drama wie ein Roman oder eine Biografie, ein Lesen mit vielen inhaltlichen Sprüngen. Deswegen wollte ich die Lektüre des Maar in zwei, drei Teile splitten und zwischendurch kürzere Romane oder Kurzgeschichten auf Englisch lesen – variatio delectat.

Aber es gelang mir nicht: der Sprung weg von Maar zu, sagen wir, John Updike, und wieder zurück  ins  zu Maar schien mir zu stilbrüchig. Obwohl ich nach der Rückkehr sicher frischere Augen für Maar gehabt hätte. Also las ich Maar am Stück, mit wenigen Auslassungen, und teils ohne Endnoten.

Die Literaturrätsel waren mir zu hoch. Mich irritierte dabei auch, dass Maar als Ankreuzoption wiederholt Schriftsteller nannte, die er im Buch nicht ausführlich würdigt.

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