Kritik Sachbuch: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955, von Harald Jähner (2020) – 7 Sterne – mit Links

Fazit:

Harald Jähner schreibt sehr flüssig und eingängig. Er gibt seiner Sozialgeschichte knapp genug Fotos mit. Allerdings störten mich Stilblüten, Zeigefingerei, inhaltliche Inkonsistenzen und zu viel Verallgemeinerung aufkosten von Einzelschicksalen.

Orientierung an Romanen:

Harald Jähner orientiert sich in dieser Zeitbeschreibung gern an bekannten Fotografen, Architekten, Theaterkritiker-Memoiren, Frauenzeitschriften (betextet von Männern) und Romanzitaten (von Borchert und Habe Ungenießbares, dito Andersch mit einem belletristischen Beleg weiblichen  Sexhungers). Dazu ein Zitat aus dem „Herrenmagazin ‚Er'“, dessen Erguss für Jähner „zu den trashigsten Texten“ gehört, aber gleichfalls viel Platz erhält, ebenso wie ein Schrottroman „von der tapferen deutschen Erika“, ehedem  „Stripteasetänzerin und Schlammcatcherin“ (S. 199).

Eine andere halbseitige Romanerzählung hält Jähner für „pure Phantasie; belegt ist sie nirgendwo“ (S. 268) – dann vielleicht gar nicht erst wiedergeben? (Zumal sie vor 1945 spielt. Verblüffend redet Jähner sechs Seiten lang über das VW-Werk vor 1945, das ist nicht sein Berichtszeitraum.)

Dazu liefert Jähner gelegentlich Soziologie und Statistik, zum Beispiel bei Vertriebenen.

Weniger Einzelschicksale:

Einzelne Schicksale einfacher Leute erzählt Jähner zu selten. Ein Beispiel: Im Kapitel über heimatlos Herumirrende beschreibt Jähner kaum Einzelschicksale, zitiert aber halbseitig einen Roman mit weiteren Verallgemeinerungen.

Man würde gern mehr Konkretes lesen. So beschreibt Jähner den bundesdeutschen Lastenausgleich zwischen stark und wenig vom Krieg Geschädigten, nennt ihn eine „gigantische Umverteilung“ (S. 107); doch Jähner zitiert nur das Gesetz, schildert keine persönliche Auswirkung (wie unrepräsentativ auch immer). Damit bleibt der Vorgang zu blass.

Aus anderen Büchern zitiert Jähner immerhin Erlebnisse von Ruth Andreas-Friedrich, Yossel, Margret Boveri, „Ursula Trautmann geborene Wullenkordt aus Markthausen in Ostpreußen“, Marta Hillers, Magnus Enzensberger, dazu „die achtzehnjährige Berliner Sekretärin Brigitte Eicke“. Irgendwie klingen Jähners  Buchtitel Wolfszeit bzw. Aftermath, Life in the Fallout of the Third Reich (im EN-Markt, Werbe-Link) so düster und dramatisch, dass man mehr persönliches Narrativ erwartet.

Doch soweit erkennbar, liefert Harald Jähner keine Reportage-Elemente, er verzichtet scheinbar auf selbst Erlebtes, Gesehenes, Gehörtes, Recherchiertes, z.B. historische Schauplätze, Archive oder eigene Begegnungen mit Zeitzeugen.

Trotzdem schreibt Jähner weitgehend, wenn auch zu verallgemeinernd, aus Sicht einfacher Bürger: Grundgesetz, Währungsreform oder BRD- und DDR-Werdung behandelt er nur, soweit es sich aufs praktische Leben auswirkte. Dieser Schwerpunkt zeigt sich schon im „Register“ ab S. 467: Dort nennt Jähner nur Personen, aber keine Sachbegriffe, also „Gable, Clark“, aber nicht „Grundgesetz“ und „Wilder, Billy“, aber nicht „Währungsreform“.

Es verblüfft, dass Jähner ausführlich über abstrakte vs. realistische Kunst in Ost und West und die Rolle der US-Geheimdienste dabei referiert, aber Heimatfilm und Schlager kaum erwähnt und die Presse nur unsystematisch. M.E. eine inhaltliche Schwäche. Jähner berichtet weitaus mehr aus dem Westen als aus dem Osten und gefühlt vor allem aus den 1940er Jahren.

Zeigefingering:

Jähner verzichtet hochherzig darauf, die eigene Familie ins Buch zu schmuggeln. Er verzichtet aber nicht darauf, seine eigene Meinung ins Buch zu bringen:

Denn Ex-Journalist Jähner schreibt zwar prinzipiell flüssig und gefällig. Allerdings

  • zeigefingert Harald Jähner (*1953) unentwegt auf die Nazi-Vergangenheit der Deutschen nach 1945,
  • formuliert er teils zu flapsig oder feuilletonistisch und
  • schreibt teils falsch, missverständlich und bei Bildtexten unterinformierend.

Zur Nazivergangenheit sagt Jähner u.a.:

Je schwärzer die in der Tat schrecklichen Hungerwinter von 1946 und 1947 geschildert würden, umso weniger wöge, so glaubten offenbar viele, am Ende ihre Schuld… konnte einen die starke Präsenz der alten NS-Elite in den Ämtern der Bundesrepublik mit Abscheu erfüllen… die schockierende Weigerung, sich zu fragen, wie das alles hatte geschehen können… ihr staatsbürgerliches Versagen… So viel konnte man allerdings gar nicht fressen, wie zuvor getötet worden war… alle reaktionären Sehnsüchte der Wolfsburger nach Unterwerfung… die kollektive Übereinkunft der meisten Deutschen, sich zu Hitlers Opfern zu zählen… die mangelnde Wahrheitsliebe der deutschen Nachkriegsgesellschaft… Dieses Glück ist ganz und gar unverdient… selbstgefällig einen moralischen Vorsprung vor anderen Nationen und Andersdenkenden behauptet…

Über Westdeutsche und Ostflüchtlinge (S. 95):

Gegen deren Not wappneten sich die Bauern mit einer Sturheit, die die ihrer Ochsen weit übertraf.

Auch sonst drückt Harald Jähner seine Meinung ins Buch, v.a. bei der Rolle der Frau einst und heute. Und auf Seite 210 schreibt Jähner nach einer Unfallschilderung überflüssig „Was für ein grotesker Tod!“ Später in Wolfsburg die „Olympiade scheußlichster Baulösungen“, dann „Phobien… die heute als geradezu krankhaft erscheinen“ und „zum Glück“. Warum überlässt Jähner das Urteil nicht dem Leser? (Ich gendere nicht.)

Zudem hackt Jähner verbissen auf Henri Nannen ein, Jahre bevor dessen Südstern-Propaganda-Tätigkeit (Quelle) neu ins Blickfeld rückte.

Das Skelett wirkte spooky:

Zu flapsig klang mir:

keine artgerechten Bedingungen für eine Nationalgeschichte… Alles sprach vom «Hunger nach Sinn» ((…)) Man klaute Sinn, wie man Kartoffeln klaute…

Das Skelett wirkte besonders spooky (S. 48, Kursivierung generell wie im Buch)

Eine Fronleichnamsprozession bezeichnet Jähner als „Wimmelbild“ (S. 50)

Einige alte Wörter holt Jähner wieder ans Tageslicht, etwa „enttrümmern“, „Entstuckung“ und „entheimatet“.

Das Kapitel „Liebe“ handelt gutteils allgemein von der Stellung der Frauen, die Jähner so zusammenfasst (also kein historisches Zitat):

Getreu ihrem viel beschworenen lebensbejahenden Sinn wandten sich die Frauen den praktischen Dingen des Lebens zu, und dazu gehörte neben dem Essen zuvörderst die Liebe. Politik machten sie so auf nicht minder wirksame Weise.

Denn nichts ist unpolitisch.

Facetten der geistigen Flora:

Widersprüchlich und mit unschönem Doppler die Formulierung:

Entgleisungen gab es wegen der fliegend verlegten Gleise, aber im Großen und Ganzen verlief der Betrieb perfekt

Schwindelerregend auf Seite 56:

alle Facetten der geistigen Flora

Seite 321:

rhetorische Ehrbezeugungen und verletzte Eitelkeiten wunderbar pfauenhaft miteinander zu verzwirbeln.

Ebf. S. 321:

die die Atmosphäre vergällte

Oder S. 338f:

Durch die Konzerthallen schallte unverdrossen Beethoven, bald aber auch die neu einstudierten Töne von Igor Strawinsky, Béla Bartók und Paul Hindemith, zögerlich gefolgt von Arnold Schönberg.

Falsch:

Manche Ausdrücke klingen schlicht falsch. Hier auf S. 78 muss es „für“ statt „um“ heißen:

sich bei den Briten um ((sic)) eine Aufhebung der Umsiedlungssperre

nach Palästina einzusetzen

Auf S. 84 steht:

Während es vielen Bewohnern gelang, nach Amerika oder Palästina bzw. den 1948 gegründeten Staat Israel auszuwandern

Es müsste heißen „in den…Staat“ oder „nach dem…Staat“.

Oder S. 94, „wegen den ((sic)) verhängten Ausgangssperren“ und S. 264, „das Niedersachenvolk“ (sic)“. S. 359 „Gallionsfigur“ (sic). Und S. 100 über das aufgemischte Dorfleben:

Die immerhin fünf Millionen Städter, die auf die deutschen Lande verteilt worden waren, darunter viele lebenslustige junge Frauen, die auch im Dorf Party machen wollten, hatten die tradierten Wertvorstellungen dort irritiert.

Kann ich Wertvorstellungen irritieren? Dann S. 425, Endnote 11:

In der DDR war die rechtliche Stellung der Frau von Beginn an gleichberechtigt.

Hier auf S. 29 über einen Radiosprecher:

beendete er jede seiner wöchentlichen Sendungen mit einem Satz, der den Hörern wie Honig in die Seelen träufelte

Träufeln ist transitiv, dachte ich erst, also „etwas träufeln“, darum muss der Satz oben falsch sein. Korrekte Varianten des Satzes dagegen nach meinem Empfinden:

  • träufelte er seinen Hörern zum Ende einen Satz wie Honig in die Seelen
  • beendete er jede seiner wöchentlichen Sendungen mit einem Satz, der den Hörern wie Honig in die Seelen tropfte/rann

Allerdings sieht der Duden „träufeln“ tatsächlich auch im Sinn von „in zahlreichen kleineren Tropfen fallen, herausfließen“, hält diesen Gebrauch aber für „veraltend“. Das wäre mir nicht in den Sinn geträufelt. (Auf S. 303 kommt „träufeln“ noch mal transitiv.)

Manchmal fragte ich mich, warum er nicht kompakter und damit flüssiger formuliert. Z.B. hier das Original von S. 331:

Später wird Nannen mehrfach nach Israel reisen, um sie wiederzusehen

Warum nicht einfach „Später besuchte Nannen sie mehrfach in Israel“? Oder hier S. 344:

Auf Fotos, die die Ausstellungsräume zeigten, sieht man…

Warum nicht einfach „Auf Fotos der Ausstellungsräume sieht man…“?

Mich störte auch, dass Jähner den Theaterkritiker Friedrich Luft einmal nur als „Friedrich“ bezeichnet („Friedrich lebte mit seiner Frau, einer Zeichnerin…“).

Bilder:

Direkt im Lauftext auf Textdruckpapier erscheinen in leidlicher Qualität SW-Fotos mit BUs in unleidlicher Qualität.

Immer wieder sind Bildtexte viel zu vage – genauere Angaben zu Jahr oder Ort fehlen, auch wenn sie gewiss zu haben waren. Auch hinten bei den Bildquellen steht nichts dazu. So gibt’s eine Familie vor Münchner Trümmern ohne Jahres- oder genauere Ortsangaben, obwohl das sicher bekannt war. Die BU stammt aus dem Poesiealbum:

Nicht umdrehen, nach vorne blicken. Eine kleine Familie schaut der Zukunft entgegen. Hinter ihr die Reste von München.

Seite 159 zeigt „Hildegard Knef hinter der Kamera“ – wann, wo, in welchem Zusammenhang, dazu keine Angabe.

Seltsam diffus klingt die BU unter einer überfüllten Straße (S. 131):

1946 feierten die Kölner schon wieder Karneval. Drei Jahre später…

Ist das Foto von 1946 oder 1949?

Jähner mokiert sich, dass die Trümmer für schicke Werbefotos genutzt wurden, zeigt aber just ein solches Werbebild in Trümmern größer als andere.

Sieht man… nicht:

Andere Fotos fehlen: Jähner beschreibt sie im Lauftext, zeigt sie dann aber nicht – frustrierend. So etwa auf Seite 33:

Auf einer 1945 aufgenommenen Fotografie von Werner Bischof sieht man…

Man sieht’s aber nicht bei Harald Jähner im Buch. Oder auf Seite 49:

Zu dem deutschen Trümmerbild schlechthin wurde…

Und dann kein Bild dazu. Später erwähnt er ein VW-Foto, „eine Armada von Käfern… das Wirtschaftswunder zum Appell angetreten“, ohne das verheißungsvoll angepriesene Bild zu zeigen, noch später lobt er unillustriert die bahnbrechende Berliner Kongresshalle (stattdessen sieht man das Modell einer nie gebauten Wartehalle). Vielleicht soll das diskret auf Jähners separatem Bildband zur Nachkriegszeit verweisen (Ein Jahrzehnt in Bildern, Amazon-Werbelink)?

Besonders überraschend: Das Unterkapitel über Frauenzeitschriften heißt nach der offenbar größten, „Constanze schlendert“, und zitiert v.a. aus der „Constanze“. In diesem Unterkapitel sieht man zwei ganzseitige Abbildungen – der „Neuen Illustrierten“, nichts von der „Constanze“.

Ausstattung:

Nicht alle Zitate oder überraschende Behauptungen haben einen Quellenbeleg, oder der Beleg bringt nicht viel. Gelegentlich gibt’s einen Beleg, aber der Urheber wird nicht im Lauftext genannt, man muss ihn hinten eruieren.

Die vielen Endnoten ab Seite 413 enthalten nicht nur Quellenhinweise, sondern teils lange inhaltliche Vertiefungen zum Lauftext. Man muss also bei jeder hochgestellten Ziffer auf gut Glück nach hinten blättern, um zu gucken, ob Jähner dort womöglich noch mehr zu Thema sagt.

Das ist besonders umständlich, wenn das Buch in einem Leseständer klemmt und man zudem in der einen Hand einen Bergkäseremmel, in der zweiten einen Sangiovese und in der dritten natürlich das Handy balanciert. Aber wem sage ich das, immer wieder. Inhaltliche Vertiefungen gehören in oder direkt unter den Haupttext, nicht in die entlegenen Endnoten.

Persönlich vom Rezendeppen:

Ich persönlich konnte dieses Sachbuch flott runterlesen, obwohl ich eigentlich eine durchgehende Hauptfigur brauche – also einen Roman oder eine Biografie. Das spricht für einen sehr anregenden Schreibstil. Einerseits.

Doch zum anderen: Die vielen sprachlichen Wundersamkeiten (s.o.), Zeigefinger und inhaltliche Eigenwilligkeiten irritierten mich wiederholt, und ich kapierte nicht, warum so ein Buch in Leipzig gefêtet wird (Quelle).

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