Kritik Memoiren: Joseph Anton, von Salman Rushdie (2012) – 5/10 Sterne – mit Links

Fazit:

Salman Rushdie schreibt meist flüssig, fast journalistisch und halbwegs spannend. Doch das Buch funkelt nie, es gibt keinen Dialog und keine Vertiefung in andere Charaktere als Rushdie. Es ist eine nicht endende Reihung immer neuer Komplikationen über viele 100 Seiten:

Todesdrohungen, bizarre Ex- und quengelnde oder hohle Neu-Frauen, Trennung vom Sohn, wankelmütige Verlage und Politiker, Krebstode im Umfeld, öffentliche Attacken, ständige Wohnungsnot, drakonische Sicherheitsvorschriften. Dazu kommen Rushdies Selbstgerechtigkeit, Weinerlichkeit, Eigenlob und Wiederholung immer gleicher Positionen. Ein fähiger nicht-autorisierter Biograf könnte den Stoff besser liefern.

Leben mit der Fatwa:

Man denkt beim Lesen zunächst an eine allgemeine Autobiografie Rushdies, und so steht’s auf dem deutschen Buchtitel. Doch dann handelt er seine ersten 40 Lebensjahre allzu schnell auf nur 100 Seiten ab – aus dem Nichts ist er plötzlich mit Clarissa verheiratet. Hier hätte man oft gern mehr erfahren, es klingt teils wie eine etwas unbeteiligte Reportage, oder wie zu stark gekürzt.

Nach etwa 100 Seiten der engl. Ausgabe* beginnt die Arbeit an den Satanischen Versen (ersch. 1988) und bald das Versteckspiel vor mutmaßlichen islamistischen Mördern. Nebenbei Tianamnen und Fall der Mauer. Da erst wird klar, dass Rushdie vor allem über sein Leben mit der Fatwa vom 14.2.1989 berichten will, das knappe Vorleben auf den ersten 100 Seiten erscheint in einem neuen Licht. Er hätte es besser ganz weggelassen und/oder in einem anderen Buch behandelt; interessant ist sein Leben allemal.

Die britische Hardcover-Ausgabe von Joseph Anton liefert einen im Haupttext vergessenen Absatz auf einem losen Blatt mit (Verlag Jonathan Cape 2012).

Promi-Reigen:

Salman Rushdie (*1947) trifft in Joseph Anton allerlei Kultur- und Medienprominenz, u.a. die Autoren (ich gendere nicht) Bruce Chatwin, Doris Lessing, Paul Theroux, Bill Buford, Joseph Heller, Thomas Pynchon, Isabel Fonseca, Mario Vargas Llosa, Günter Grass, Edward Said, Julian Barnes, Susan Montag, Anthony Burgess, Günter Wallraff, D.J. Enright, Umberto Eco, Jay McInerney, Normal Mailer, John Irving, Don DeLillo, Antonio Skármeta, „William Styron’s genitalia“, Kameltreiberin Robyn Davidson, Martin Amis, Helen Fielding, Paul Auster, Iris Murdoch, Sri Hustvedt, Zadie Smith. Rushdie luncht auch mit Graham Greene und nennt ihn zweimal in einem Absatz „the great man“. John Updike fehlt auffällig.

Dazu kommen Strippenzieher der Medienwelt wie Katherine Graham, Christiane Amanpour, Tina Brown, Nigella Lawson, Sonny Mehta, Deepa Mehta, Michael Naumann, Renée Zellweger, Andrew Wylie, Colin Firth, André Heller, Bridget Jones, Laurie Anderson, Hugh Grant, Jeanne Moreau, Werner Herzog, Meg Ryan, Faye Dunaway, Martin Scorsese, Harvey Weinstein oder Claus Peymann („a burly, bohemian fellow“), ein paar Musiker wie der unvermeidliche Bono, dazu Willie Nelson, David Bowie, und ein paar Politiker wie Margaret Thatcher, John Major, Tony Blair, Thea Bock, Jack Lang, Jacques Chirac, Bill Clinton und US-Senatoren.

Fast verblüfft bei diesem endlosen Namedropping, dass die englische Ausgabe kein Personenregister mitliefert. Der Guardian titelte gefrustet:

Salman Rushdie’s memoir would benefit from a good index

Die deutsche Fassung hat offenbar zehn Seiten Personenregister. Fotos liefert mein englisches Hardcover auch nicht.

Small, and small-minded:

Wir hören vom Medien- und Agenturalltag eines Schriftstellers und Rushdies kleinliche, peinliche Seitenhiebe auf Kollegen, Personenschützer, Ehefrauen 1 – 4.  Einmal schimpft Rushdie über andere,

This was small, and small-minded

aber das kann er auch über sich sagen.

Das Runterziehen seiner Gegner wirkt teils trotzig pubertär:

  • Einen lautstarken britischen Islamisten nennt er mehrfach „the garden gnome“, der „from under his toadstool“ zetere, dieser Islamist ist auch Teil der „Bradford clowns“.
  • Ein amtlicher iranischer Rushdie-Kopfgeldauslober in spe heißt beim Zielobjekt nur „Sanei of the Bounty“
  • „Cat Stevens – Yusuf Islam – bubbled up in the Guardian like a fart in a bath“

Inquisition:

Rushdie zitiert seitenlang am Stück öffentliche Reaktionen auf sein Buch und auf den entstehenden Ärger. Das klingt teils selbstgerecht und dazu bemüht wie eine neutrale Zeitschriftenveröffentlichung oder wie eine Semesterarbeit an der Uni – es passt nicht in eine Autobiografie, bei der man stets Selbstbeweihräucherung argwöhnt und nur gut geschrieben Privates akzeptiert; alles andere sollen unabhängige Autoren liefern. Dass Rushdie dann noch an die Inquisition, an den religiös und politisch verfolgten Heinrich Heine und an die Berliner Bücherverbrennung 1933 erinnert, dabei Erich Kästner und andere nennt, passt nicht. In anderem Zusammenhang fühlt er sich irgendwie wie Martin Luther.

Seine Interaktion mit Sicherheitsbeamten, ängstlichen Verlegern und – Unglück im Unglück – mit öffentlich lügenden Problemfrauen ist viel interessanter, und das kann wirklich nur Rushdie selbst liefern. Doch auch hier klingt Rushdie voreingenommen und selbstgerecht, auch wenn er neutral erscheinen möchte, und nie wie ein brillanter Autor.

In Lifestyle und Mode stimmen Rushdie und Hansdie immerhin überein: Rushdie

slouched around the house in Birkenstocks, the uncoolest of all possible footwear, except for Crocs.

Nicht verstanden habe ich den Ausdruck „end up as Bligh spirits“.

„Er“, „sein“, „ihm“:

Rushdie schreibt flüssig, aber ohne jede Magie, und ohne Dialog, wie ein routinierter Reporter, und ein paar verkrampft originelle Formulierungen unterwältigen, so etwa:

…unfunny valentine… if you were going to San Francisco, you had to be sure to wear some flowers in your hair… The fundamental things apply as time goes by… If there was an answer blowing in that wind… the excrement hit the ventilation system…

Rushdie schreibt über sich selbst in der dritten Person, also mit „er“, „sein“, „ihm“. Dabei sind die Akteure nicht immer scharf zu trennen: Manchmal wird nicht klar, wen Rushdie mit „er“ meint – sich selbst oder ein Gegenüber (zumal er ganz überwiegend mit Männern zu tun hat, Sicherheitsleute, Verlagsmenschen, Freunde). Ich habe die Übersetzung nicht gesehen, aber manche Übersetzer ersetzen Personalpronomen durch Eigennamen oder andere Umschreibungen; das macht die Sache klarer.

Lt. Spiegel-Interview schrieb Rushdie zunächst in der 1. Person, doch das Ergebnis schien ihm „narcissistic or whiney“ – doch die 3. Person macht es nicht besser.

Ein einziges Mal verwendet Rushdie offenbar irrtümlich die 1. Person, wo er die 3. hätte schreiben müssen: S. 570, „Yes, i could do that“. In diesem dialogartigen Teil sagt er vorher noch über sich, „he did have a copy“.

Atemlos:

Salman Rushdie überblickt beim Schreiben einen mehrjährigen Zeitraum, schreibt aber meist aus dem Moment heraus und nicht im analytischen Rückblick, das erzeugt den atemlosen, ermüdenden Ton.

Über lange Strecken klingt Joseph Anton wie ein nicht redigiertes Tagebuch, das in die dritte Person transponiert wurde. Tatsächlich schrieb Rushdie lt. Spiegel-Interview fast täglich Tagebuch, eine Universität ordnete die Notizen für ihn:

Suddenly I had my life under the fatwa laid out in front of me, day by day.

Das kopierte Rushdie zu unredigiert ins Buch.

Erst im zweiten Teil kündigt Rushdie zwei- oder dreimal bevorstehendes Ungemach dräuend an, bevor es Seiten später über ihn hereinbricht – ein unschönes Stilmittel.

That’s a good book:

Wie in anderen Büchern und Filmen wird literarische Leistung abstrakt geschildert, ohne sie am Beispiel zu konkretisieren: So schreibt Rushdie für seinen Sohn Zafar das Kinderbuch Haroun and the Sea of Stories; doch der Junge klagt, „it doesn’t have enough jump in it“. Rushdie erwidert, „i can do jump“, bearbeitet den Text, und Sohnemann sagt danach prompt, „now it’s fine“ – doch Rushdie liefert kein Beispiel für seine Umarbeitung, enttäuschend.

Später sagt ihm ein anderes Kind zusätzlich, „that’s a good book“. Noch weiter hinten ist eine Neunjährige „very smart“ und preist (darum?) das Buch; nunja.

*ich kenne nur das englische Original (UK-Ausgabe Jonathan Cape, Hardcover, 2012) und kann die Eindeutschung nicht beurteilen

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