Kritik Kurzgeschichten: Irische Passagiere, von Richard Ford (2020, engl. Sorry for your Trouble) – 6,89/10 Sterne

Richard Fords Personal ist Ü30 bis Ü50, gehobene Mittelklasse, oft geschieden, teils (auch) verwitwet. Sie sind in Liebesdinge verstrickt. Serielles Heiraten generiert zuviel Personal auf der ersten Seite der Geschichte und dialogfreie, teils verschachtelte Rückblenden.

Mehrfach schildert Ford ausgiebig Krankheit und Tod, so dass PW stöhnte:

Ford’s unrelenting exploration of life’s bleakness and sadness makes these stories enervating

Ford kann aber auch Teenager*:

I wanted my mother to have a boyfriend, so she would not pay so much attention to me

The Irish in America:

Scheinbar handeln alle Geschichten (s.u.) von Iren (ein „r“) in oder aus den USA, und die Sammlung sollte im Original zunächst The Irish in America heißen (Quelle), doch solche Titel gab es schon zu oft. Fords ständiges  Herumreiten auf Irischem nervt, bis hin zu angestrengten Sätzen wie

The owners ((…)) were true Mainers. Scotch Irish

Dazu weitere an den Haaren herbeigezerrte Randfiguren:

Magee, the Irishman he knew from the library ((…)) for some reason Irish music… the jowly round-belly Irish jokemeister

Die Irish Times entdeckt im englischen Original allerlei typisch irische Phrasen, u.a. den Buchtitel Sorry for your trouble (offenbar ein Beileidsausdruck in Irland) und den Story-Titel The Run of Yourself (s.u.).

Markante Figuren:

Ford erzählt ungemein flüssig, leicht elegisch, zieht souverän sofort in die Handlung, eröffnet mit (teils verwirrenden) Rückblenden die Weite des erzählerischen Raums – auch wenn ich deswegen zu Beginn einiger Kurzgeschichten die Übersicht verlor. Tatsächlich denkt man manchmal fast an kleine Romane, und einige der neun Geschichten messen 40 bis über 50 Seiten; die kürzeren füllen nur zehn bis 20 Seiten. Fast immer möchte man die Figuren weiter verfolgen.

Mindestens drei Geschichten bewegen sich auf eine dramatische Zuspitzung hin, die sich dann in Luft auflöst. Ohnehin bevorzugt Richard Ford betont blasse Enden.

Vierbuchstabige Dreckswörter:

Sprachlich wirkt Richard Ford (*1944) elegant und souverän, ohne je affektiert zu klingen. Allerdings verwendet Ford gelegentlich störende vierbuchstabige Dreckswörter – in der Erzählstimme, nicht in der wörtlichen Rede. Vielleicht passt das auch zu einem Autor von gerühmter Eleganz, der gleichwohl selbst nach Jahren nicht bedauert, einen Kritiker ins Gesicht gespuckt zu haben (Quelle).

Und es irritiert, dass die trauernde Bobby Kamper bei ihren Freunden tatsächlich „Happy Kamper“ heißt, nach der Redensart vom „happy camper“ – dieser Gag ist zu platt. Das Zitat stammt aus der ohnehin schwächeren Geschichte Happy, dort sagt eine Figur unmittelbar vor dem Schlaganfalltod nur noch:

„I’ve begun to make a plan for …“

Das klingt zu aufgesetzt und wird auch nicht besser durch den Nachklapp des Erzählers:

As if the plan he’d begun to make were to die.

Richard Ford verwendet nur wenig seltene Vokabeln, u.a. palmy und impendment.

*Ich kenne nur das englische Original und kann die Eindeutschung durch Fords Stamm-Übersetzer Frank Heibert nicht beurteilen.

Assoziationen:

Die Geschichten im Einzelnen:

Sei­ten*

n/10

Nichts zu verzollen, engl. Nothing to Declare ᛫ 30 Jahre nach einem gemeinsamen Sommer treffen sich zwei nun anderweitig Verheiratete zufällig in einem Restaurant, sie hat nahbei ein Hotelzimmer und noch viel Ausstrahlung. Es knistert. – Sehr flüssig erzählt, mild elegisch, die letzten eineinhalb Seiten scheinen vom Kern wegzuführen.

21

8

Happy ᛫ Zwei Paare und eine Single-Frau treffen sich und denken an den verstorbenen Lover der Frau, ein Lektor, der auch mit weiteren Protagonisten zusammenarbeitete. – Guter Ton wie immer, jedoch unübersichtlich, ich konnte die Personen nicht richtig auseinanderhalten. Die rüden Worte gegen Ende verstören. Die Rückblende auf den Verstorbenen zu lang, eventuell Insider-Anspielung auf einen verstorbenen Lektor Richard Fords; eventuell weitere Insider-Anspielungen. Zweimal gelesen, um zu gucken, was ich beim ersten Durchgang nicht verstanden habe. Erinnert momentweise an die ebenfalls unübersichtliche Zwei-Paare-Geschichte Kaltblau in Judith Hermanns Geschichtenband Nichts als Gespenster.

HansBlog-Service: Die Paare von Happy:

  • Tommy (Autor, nicht so erfolgreich
  • Janice (Co-Galeristin)

  • Esther Parr (Autorin)
  • Sam Jacobson (Co-Galerist, vertrat Bobbi)

  • Bobby „Happy“ Kamper (Bildhauerin, „previously Rachel Kamper“)
  • Mick Riordan (verstorben, gescheiterter Autor, später Lektor von Tommy und Esther)
  • Willys (Bobby „Happy“ Kampers Auto)

19

5,5

Am falschen Ort, engl. Displaced ᛫ 14jähriger Außenseiter, seine Mutter, sein erfahrener Kumpel; der Vater ist tot. (Engl. Volltext beim New Yorker.) (Engl. Lesung durch Ford.) – Einfühlsame Jugendgeschichte, mit Fremdschäm- und heiklen Momenten, die letzten Grübeleien verstand ich nicht. – Erinnert an den fast vaterlosen Jugendlichen in Richard Fords Roman Wild leben und flüchtig an den Film รักแห่งสยาม.

28

7,5

Überfahrt, engl. Crossing ᛫ Mittelalter Mann, in Scheidung, trifft auf Fähre mittelalte Frauen, geschieden. – Habe Sinn nicht verstanden, samt Unterscheidungen zwischen Amis, Iren und Engländern, trotzdem schön erzählt und schön kurz.

9

6,5

Der Lauf deines Lebens, engl. The Run of Yourself ᛫ Witwer zurück in Maine, wo er mit seiner verstorbenen Frau die Sommer verbrachte. Zu drei Vierteln aus der Erinnerung erzählt, dort fast ohne Dialog. Handlung und Spannung entsteht erst im letzten Viertel. – Im letzten Viertel verhält sich die Hauptfigur unrealistisch dumm (auch nach eigenem Eingeständnis), ein billiger Autorentrick zur Spannungserzeugung (so konstruierte Ford auch früher schon). Zuvor lange sehr schwermütig, samt Krebsverlauf und Streit; einfühlsam, dabei anstrengend. Ausgerechnet diese wehleidige Story ist die längste im Buch. – Erinnert deutlich an die Kurzgeschichte Marriage Lines von Julian Barnes (Witwer am ehelichen Urlaubsort). Der einsam wurschtelnde Witwer und der teils unhöfliche Umgangston erinnern auch an Texte von David Gates; wegen junger Hausgäste beim alten Witwer dachte ich auch an Louis Begleys Roman Schmidt.

(Der Story-Titel wurde mit Der Lauf deines Lebens m.E. unpassend eingedeutscht; hier passt eher Kontrolle über dein Leben oder Herrschaft über dein Leben)

56

6,5

Jimmy Green – 1992 ᛫ Ami in Paris, wie immer geschieden, trifft Galeristin, wie immer geschieden. – Flüssige Paris-Kneipen-Mann-Frau-Geschichte mit vagen Anklängen an Georges Simenon, Gewalt gegen Ende nervt, ist aber womöglich zeittypisch. Zu viele Rückblenden im Einstieg. Angestrengt packt Richard Ford noch Irisches hinein und ein bisschen Anti-Semitismus, alles nicht zielführend, aber passt eventuell zum politischen Klima.

22

7

Aufbruch nach Kenosha, engl. Leaving for Kenosha ᛫ Geschiedener Vater, seine altkluge Tochter, deren literaturbegeisterter Zahnarzt, die abtrünnige Mutter, weiße Mittelschichtler bei schwarzen Hurrikan-Opfern im zerstörten Teil von New Orleans. (Engl. Volltext beim New Yorker.) – Zu viele Themen auf wenigen Seiten, gleichwohl gut lesbar. Tochter Louise ist unterhaltsam, dabei weitaus zu altklug, wie der Autor selbst erklärt („smart child beyond her years“). – Ihr irischer Zahnarzt zitiert unrealistisch en passant Samuel Beckett, doch bei Jan Christophersen gibt’s einen „Nierenfachmann“, der Thomas Mann zitiert, vielleicht sind literarische Ärzte also normal (bei Literaten)).

20

7,5

Der freie Tag, engl. A Free Day ᛫ Zwei Ehebrecher, beide anderweitig liiert, aus Sicht einer Frau; gegen Ende eine heikle Entwicklung. – Schön erzählt, Frauenperspektive aus Männerfeder nicht zu peinlich hier.

12

7

Die zweite Sprache, engl. Second Language ᛫ Eine Frau und ihre zwei Ex-Ehemänner. In verschachtelten Rückblicken überwiegend dialogfrei erzählt. – Rückblicke unübersichtlich, aber schöner Ton. Protagonistin wirkt weniger plastisch und greifbar als andere Ford-Figuren (wohl ein Charaktermerkmal, nicht eine Schwäche des Autors). Ausgiebige Krankheitsschilderungen.

Einmal sagt Ford über Charlotte und Jonathan:

he knew virtually no one who knew her. And Charlotte knew virtually no one (apart from Bailes and Celia) who knew him

Das scheint nicht zu stimmen, denn sie besuchten gemeinsam „Byron and Tweedy“, Charlotte hat dort Jonathan ihren Eh-xit erklärt.

52

6,5

 

Ø

6,89

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