Kritik Kurzgeschichten: Unbefugtes Betreten, von Julian Barnes (2011, engl. Pulse) – 6/10 Sterne

Julian Barnes hat oft eine souveräne Erzählstimme und teils bärenstarke Dialoge, ist wiederholt lässig, originell, witzig („‚riding a hobby horse to death is flogging a dead metaphor“). Ich habe tatsächlich öfter gelacht, wann gibt’s das schon. Andererseits handeln zwei Geschichten ziemlich schmerzlich auch von Krebstod – „Barnes writes wonderfully about dying“, schwelgt eine Kritikerin.

Gelegentlich überfrachtet Barnes seine Geschichten aufdringlich mit Recherchiertem, etwa DDR-Doping, Gartenbau, Vogelkunde oder Wanderausrüstung. Die Texte in Teil 2 belädt Barnes mit „Konzept“ zulasten von „Handlung“. (Wie auch deutsche Autoren, die womöglich eigentlich schreiben können, muss auch Julian Barnes sein Werk überfrachten und damit beschädigen.)

Resümee:

Als Durchschnitt meiner Einzelbewertung der 13 von 14 gelesenen Geschichten ergibt sich 6,19 von 10. Gefühlt würde ich sagen 6,5.

Am besten liest man gleich nur die neun Stories aus Teil 1; dann liegt der Durchschnitt schon bei 6,78. Und verzichtet man in Teil 1 auf die vier verplauderten Phil-and-Joanna-Dinger, bleiben zwar nurmehr fünf Geschichten übrig, diese aber mit einem Durchschnitt von 7,3 (und das Buch ist gebraucht sehr günstig).

Neun plus fünf:

Die neun Kurzgeschichten im ersten Buchteil (s.u.) zeigen moderne, mittelalte Menschen – oft Paare oder Ex-Paare. Die Stories behandeln Liebe, Freundschaft, Partnerschaft; die meisten Geschichten hier sind sehr dialogstark, sie klingen flott bis leicht frivol, mit Ausnahme der elegischen Marriage Lines.

Die fünf Geschichten im zweiten Teil spielen teils in früheren Jahrhunderten und behandeln die menschlichen Sinne: Blindheit, Taubheit, Taubstummheit, Riechen und Schmecken. Hier schlägt Barnes teils einen völlig anderen Ton an, hat weniger Dialog und weniger Narrativ, das „Sinne“-Thema wird der sonstigen Handlung (soweit sie existiert) künstlich aufgeschraubt. Einen dieser Texte konnte ich gar nicht lesen.

Poncy, boffin, briar:

Barnes kredenzt exotische Vokabeln nicht nur aus dem Gartenbau und aus anderen Spezialgebieten, die er zu ausführlich beschreibt, u.a. poncy, boffin, briar, secateur, bay tree, herniate, dubbin, sciatica, fulmar, deliquescent, limner, anosmia, daran an die gelegentliche Gespreiztheit bei John Updike erinnernd.

Viele der 14 Kurzgeschichten erschienen zunächst im New Yorker, darum sind sie auch alle ähnlich lang, jeweils gut 13 Buchseiten. Pulse wurde laut Autor in sieben weitere Sprachen übersetzt. Ich kenne nur das englische Original und kann die Eindeutschung von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer nicht beurteilen.

Die Geschichten aus Teil 1:

Ostwind, engl. East Wind: Mild zynischer Makler, 37, geschieden, reißt ausländische Kellnerin auf, entwickelt sogar Gefühle, entdeckt etwas. (Engl. Volltext.) – Assoziationen: Die Ausgangslage erinnert an Barnes‘ Trespas (unten); außerdem entfernt Erinnerung an Richard Fords Figur Frank Bascombe in seiner Makler-Phase, also im 2. und 3. Bascombe-Buch, z.B. in Die Lage des Landes. – Meinung: zunächst sehr sicherer Erzähler, cooler Dialog, drollig ernste Kellnerin mit Stummel-Englisch. Doch Melodramatik und ostdeutsche Sportgeschichte gegen Ende überfrachten die Geschichte. 7 Sterne

Mit John Updike schlafen, engl. Sleeping with John Updike: Zwei mittelbekannte, ältere Schriftstellerinnen fahren mit dem Zug von einem Literaturfestival zurück nach London. Spöttischer, (unrealistisch) brillanter Dialog, Schriftstelleralltag ausnahmsweise erträglich. Nicht immer lässt sich die Sprecherstimme sofort einer Figur zuordnen. (Engl. Volltext.) – Assoziationen: John Updike spielt nur eine kleine, untypische Rolle in der Geschichte, aber man denkt sofort an Updikes Schriftstellergeschichten um den fiktiven Henry Bech (auch dort geht’s um Lesereisen, Sex und Schriftsteller als Darsteller ihrer selbst) und teils an Updikes Dialogschnitzkunst. Entfernt Julian Barnes‘ Schriftstellergeschichte Hommage an Hemingway (Engl. Volltext) aus dem Band Through the Window/Am Fenster. – Meinung: Brillante Unterhaltung im doppelten Sinn, 2x gelesen. 8,5 Sterne.

Die Welt des Gärtners, engl. Gardener’s World: Mittelaltes Ehepaar richtet den ersten eigenen Garten ein, dabei werden Mentalitätsunterschiede deutlich. – Assoziation: Übertrieben dargestellte Besessenheit und Unterschiede wie in Barnes‘ Trespas (unten). – Meinung: Gut geschrieben, voller Details. Doch überfrachtet mit Gartenbau, und die Mentalitätsunterschiede übertrieben, sogar zu klar ausbuchstabiert: „one bookworm and one instinctivist“. 7 Sterne.

Unbefugtes Betreten, engl. Trespass: Die männliche Hauptfigur ist frisch getrennt, findet eine neue Frau und nervt sie mit seiner Pedanterie. (Englischer Volltext.) – Assoziationen: Ausgangslage ähnlich wie Barnes‘ Geschichte East Wind (oben), Besessenheit erinnert an Gardener’s World (oben). – Meinung: Gelungene Skizze, wenn auch Pedanterie versus Unbekümmertheit etwas aufdringlich. 7 Sterne.

Beziehungsmuster, engl. Marriage Lines: Neu-Witwer kehrt zurück an den Ort, an dem er so oft mit seiner verstorbenen Frau urlaubte. (Engl. Volltext.) – Assoziationen: Relativ zu den anderen Geschichten aus Teil 1 unfrivol, zeitweise Anklang an Titelgeschichte Pulse (s.u.). Erinnert deutlich an die Kurzgeschichte The Run of Yourself von Richard Ford (Witwer, Urlaubsort). –Meinung: Stimmungsvoll, melancholisch. Etwas aufdringlich vor dem Hintergrund von Barnes‘ persönlicher  Geschichte. 7 Sterne.

At Phil & Joanna’s 1 – 4, ebenfalls in Teil 1:

Mit dieser Ortsangabe beginnen die Überschriften von gleich vier Geschichten in Teil 1 des Barnes-Buches. Sie enthalten neben kurzer Ein- und Ausleitung nur Dialog – im besten Fall witziges Partygeplauder, geistreich, politisch, schnell, teils erotisch, mit verblüffenden Themenwechseln, Unterbrechern, immer wieder zu jungshaft vulgär. Wie es in Teil 3 heißt: 

We make jokes instead of being serious, and we talk about sex instead of talking about love.

Barnes zeigt immer dieselben etwa sechs Gäste, die teils Punkte aus der vorherigen Geschichte erneut aufgreifen.

Assoziation: Die unterhaltsam konfuse Dialogik erinnert momentweise an das Beste von John Updike, etwa in Ehepaare oder Bessere Verhältnisse.

Meinung: Julian Barnes zeigt, was er kann, und was deutsche Autoren nicht können. Trotzdem ermüdet das Einzeiler-Trommelfeuer bald. So wundert es nicht, dass die vier Geschichten nicht aufeinander folgen, sondern sich mit anderen Texten abwechseln unterbrochen werden – so wie sich die Partygäste ja auch nicht jeden Abend treffen.

Die vier Geschichten im einzelnen:

1: 60/40, engl. 60/40: Amüsant über Krebstod, Lammbraten, Rauchen, US-Politik, momentweise vulgär. (Engl. Volltext.) – 7 Sterne.

2: Orangenmarmelade, engl. Marmalade: Über Orangenmarmelade, Freitag den 13. als Vortag des Valentinstags und zuviel präbubertär Proktologisches. Konfus. – 4,5 Sterne.

3: Hände weg!, engl. Look, No Hands: Palaver über Liebe vs. Sex, Mann vs. Frau und über das Reden über andere, unergiebig, aber munter. – 7 Sterne.

4: Jeder Fünfte, engl. One in Five: Über Klimawandel und ein paar Dinge, die ich sogleich vergaß. Liest man die vier Geschichten von Phil und Joanna’s innert weniger Tage, wirkt spätestens diese vierte Lieferung sehr repetitiv. – 6 Sterne.

Die Geschichten im 2. Teil:

Einige „Geschichten“ im zweiten Buchteil sind keine Kurzgeschichten mehr, sondern Essays oder Themensammlungen. Wer eine Handlung mit Zug erwartet, wird teils enttäuscht. Die LRB sagt treffend:

There’s an essayistic quality to much of Barnes’s fiction, and many of the pieces that he (or his publisher) categorises as stories, or chapters of novels, or entire novels, might more conventionally be classified as essays

Die Buchverlage reden ja hier auch weder auf dem englischen noch auf dem deutschen Cover von Kurzgeschichten o.ä. – als ob das Genre diffus sei. (Der Werbetext auf der englischen Rückseite redet von „stories“ und die Online-Beschreibung der deutschen Ausgabe sagt etwas von „Erzählungen“, aber dieses Wort scheint nicht auf dem Cover oder Teil des Titels zu sein.)

Der Portraitist, engl. The Limner: Taubstummer Auftragsmaler in verflossenem Jahrhundert hat eigene Gedanken über die spießige Portrait-Kundschaft. Dialogfrei in altmodischer Sprache. – Assoziationen: Das Ambiente erinnerte mich an ärmere Jane-Austen-Kulissen, die Sprache war noch betulicher. Story relativ zu anderen Geschichten aus dem zweiten Buchteil noch flüssig. – Meinung: Schöne Idee, doch etwas wenig Handlung und zu viel Allgemeines, etwas aufdringlich bedeutungsvoll wie für eine Diskussion in der Mittelstufe. 6,5 Sterne.

Komplizen, engl. Complicity: Langsame Mann-Frau-Annäherung bei Party und in Restaurant, dazwischen Verallgemeinerungen, Grübeleien und rhetorische Fragen. – Meinung: einzelne Szenen hübsch, doch künstlich mit Bedeutung und Füllmaterial aufgeladen, kein Fluss. 4 Sterne.

Harmonie, engl. Harmony: nicht gelesen. Erster Satz (sic): „The encounter between M– and Maria Theresia von P– took place in the imperial city of V– between the winter of 177– and the summer of the following year.“

Carcassonne, engl. Carcassonne: Über Garibaldi, Spermaverkostung, Partnerwahl. Über sensorischen, ästhetischen und sonstigen Geschmack (Möbel, Partner). Einer der wenigen Barnes-Texte, der im Playboy erschien (auch John Updikes deftigste Kurzgeschichten kamen im Playboy heraus, weil sie wohl für den New Yorker zu pubertär waren). – Meinung: Wirrer „Essay“, Denkspiel, keine Kurzgeschichte, einzelne Absätze annehmbar. Dazu die LRB: „‚Carcassonne‘ has the form of an essay rather than a short story, held together by an argument rather than a plot.“ 2,5 Sterne.

Pulse ((sic)), engl. Pulse: Zwei Generationen von Kleinstadt-Paaren mit gesundheitlichen und Beziehungsproblemen. – Assoziation: Fast der gefällige Barnes-Stil wie im ersten Buchteil, zeitweise Anklang an Marriage Lines (s.o.) – Meinung: Hübsch erzählt, doch das Thema Geruchssinn ist zu aufdringlich aufgepfropft; noch so eine Konzeptgeschichte. Schmerzliche Sterbeszene. 6,5 Sterne.

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