Romankritik. Hasenherz, von John Updike (1960, engl. Rabbit, Run, Rabbit Teil 1) – 7 Sterne

Harry „Rabbit“ Angstrom, 26, und Küchengerät-Vorführer, ist ein Unsympath: die schwangere Frau mit Kleinkind lässt er sitzen und zieht zu einer Gelegenheitsdirne. Wer liebenswerte Hauptfiguren braucht, wird mit diesem Buch nicht glücklich.

Autor John Updike (1932 – 2009) liefert präzise Dialoge, tiefenscharfen Realismus und ein raues Milieu, das sich mit Händen greifen lässt. Updike schreibt packendes, leicht umgangssprachliches Englisch*; das Schreiben im Präsens empfand er als „exhilaratingly speedy and free“. Die starke Erzählstimme lässt manchmal Fragen offen, sie werden später en passant geklärt.

Doch dazu kommen seltsame Rückblenden in die Kindheit der Hauptfigur, lange Beschreibungen (u.a. 2 Seiten über Gartenpflanzen, kein Absatz, und das Radioprogramm bei einer langen Autofahrt) oder vage Palaver mit einem Geistlichen beim Golfen; hier fällt mir die Konzentration schwer.

Das Trauerspiel der letzten etwa 60 Seiten deprimiert ohne Ende, doch Abbrechen ist keine Option. Die Geschichte spielt von März bis Juni 1959 in der pennsylvanischen Mittelstadt Brewer.

Vergleich der Rabbit-Bände 1, 3, 4 und 5 – Hasenherz (1960, Rabbit, Run), Bessere Verhältnisse (1981, Rabbit Is Rich), Rabbit in Ruhe (1990, Rabbit at Rest) und Rabbit, eine Rückkehr (2002, Rabbit Remembered):

Alle Bücher gehen von einer langen Gesprächskonstellation zur nächsten. Sie sind voll mit Alltagsrealismus, Tagespolitik, Werbung, Produktnamen (ohne viel Updikesche Autobiografie zu enthalten). In allen Bänden stoßen Frauen aller Generationen weniger ab als die Männer, die oft derb frauenfeindlich und teils rassistisch denken.

Die Bände 1, 3 und 4 liefern exzellente Dialoge ohne schnelle Gags, aber voller Spannung und Zwischentöne, Teil 5 funkelt weit weniger. Die Teile 1, 3 und 5 spielen weitgehend in oder nah der pennsylvanischen Mittelstadt Brewer (100.000+ EW), Teil 4 teils auch in Florida.

Teil 3 und 4 betonen immer wieder Körperliches wie Ohr- und Fußform, Zehen, Zähne, Augen, Gerüche, Schweißränder. Teil 4 hat deutlich mehr körperliche Beschwerden, Illegales und deutlich mehr Feindseligkeit zwischen Vater und Sohn, damit ist der Ton in Teil 4 besonders düster. Teil 4 hat auch weniger Sex und Sexfantasien. Teil 1 hat mehr religiöses Palaver.

Nur Teil 3 hat keinen Tod und ingesamt eine leichtere Atmosphäre. Vor allem Teil 4 und 5 haben zu viele Erinnerungen an zurückliegende Tragödien.

In Teil 3 werden Toyotas meist gelobt, in Teil 4 einmal seitenlang massiv heruntergemacht. In Teil 4 reitet Updike auf den Unterschieden zwischen Christen, Juden und Afroamerikanern herum, wie auch in vielen seiner Kurzgeschichten; das spielte in Teil 3 kaum eine Rolle, kehrt aber in Teil 5 wieder, und Teil 1 hat nur Christen. Teil 1 und 4 enthalten lange, ermüdende Golfpartien, Teil 4 auch Banaltourismus und Krankenhausgeschichten. Der ständige Nachrichten- und Werbestrom prasselt in Teil 3 via Autoradio, Zeitung und Plakat, in Teil 4 oft per Fernseher; in Teil 1 und 5 fällt er etwas weniger auf.

Teil 1 liest sich lebhafter, jugendlicher, etwas härter und weniger altersmüde als die späteren Bände, ist auch kürzer. Teil 3 ist stilistisch auf seine Art perfekt, Teil 4 zeigt deutliche Schwächen (zu aufdringlich über Junkfood und Todesahnung, zu viel Tourismus und Krankenhaus, momentweise plump), auch Teil 5 wirkt schlapp.

In Teil 3 heißt es stets „he didn’t used to“, in Teil 4 „he didn’t use to“. In Teil 3 schreibt Updike nur einmal kurz nicht aus Perspektive der Hauptfigur Rabbit; in Teil 4 wechselt er etwas öfter zur Sichtweise von Frau oder Sohn; in beiden Büchern wirkt das unrund, weil es selten geschieht und die gewohnte Sichtweise unterbricht. In den Teilen 1 und 5 wechselt die Perspektive öfter.

Versionsgeschichte:

Wie auch Updikes Kurzgeschichten, gibt es die drei oder vier ersten Rabbit-Romane in mehreren Fassungen. Zuletzt erschienen die Romane en bloc (wörtlich) im edel produzierten Sammelband Rabbit Angstrom, The Four Novels von 1995 in der Everyman’s Library („printed and bound in Germany“, „extensively revised“ laut Eigenwerbung, 1516 Dünndruckseiten, 1145g, 5,7 cm dick, m.E. unpraktikabel in der Hand wie auch in einer Billigbuchstütze). Hier hat Updike seine Rabbit-Texte wieder überarbeitet, wie er in der Einleitung sagt, u.a. Inkonsistenzen ausgebügelt.

Besonders stark wandelte sich vermutlich Buch 1, Rabbit Run/dt. Hasenherz: die Vulgaritäten durften laut Updike zunächst 1960 in den USA gar nicht erscheinen, dann 1962 in England zum Teil doch, als US-Taschenbuch später noch mehr, und so wurde Rabbit 1 immer schweinischer. Ich persönlich finde Band 3 von 1980 deutlich gewagter als die 1995er Fassung von Band 1.

Persönliche Erklärung des Rezessenten:

Ich habe die vier ersten Rabbit-Romane schon einmal vor rund 30 Jahren auf Deutsch gelesen. Von jedem Roman erinnerte ich zuletzt nur noch einzelne, eindrückliche Szenen – so gut, dass ich Teil 1 und 2 nicht erneut lesen wollte. Die Szenen, die ich von Teil 3 erinnerte, erschienen jetzt bei der englischen Wieder-Lektüre genau wie erinnert. Von Teil 4 erinnerte ich nur das Ende; ich las Teil 4 eher der Vollständigkeit halber.

Habe ich einen dicken englischen Roman gelesen, sollte danach etwas Deutsches folgen, gern ein Sachbuch. Doch hier fesselte mich die unsympathische Familie Angstrom so, dass ich Rabbit 3, 4 und 5 in einem Zug las. Und dann musste Rabbit 1 aus komparatistischen Gründen auch noch her.

Assoziation:

  • Zu Beginn von Teil 1 spielt Rabbit mit Straßenjungs Basketball, dann eine Autoflucht nach Süden; Teil 4 endet mit einer Autoflucht nach Süden, dann noch Basketball mit Straßenjungs; und viele weitere Parallelen zwischen Teil 1 und Teil 4
  • In Rabbit 1 hört die Hauptfigur von einer Prostituierten „You’re not a very healthy eater“; Band 4 listet das ungesunde Junkfood seitenweise auf.
  • Ärmliche junge Paare in den Ost-USA, das gibt’s auch en masse bei Richard Yates und (weniger ärmlich) bei Dorothy Parker
  • Minutiöses, befangenes Vorspiel eines verheirateten Familienvaters mit einer Prostituierten, das zelebriert John Updikes auch in seiner Kurzgeschichte Transaction. Seine Kurzgeschichte Ace in the Hole liest sich wie eine Vorstudie zu Rabbit 1.

*ich kenne nur das engl. Original und kann die Eindeutschung von Maria Carlsson nicht beurteilen

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