Romankritik. Rabbit in Ruhe, von John Updike (1990, engl. Rabbit at Rest, Rabbit Teil 4) – 5 Sterne

Fazit:

Der Roman liefert spannungsreiche Dialoge und zeigt US-Mittelschichtrealität tiefenscharf in oft edler Prosa. Doch er ist überfrachtet mit Erinnerungen an alte Tragödien, mit Floridatourismus, Krankenhaussaga, Golfkleinklein, Geschichtsbuch-Nacherzählung, mit Todesahnungen und aufdringlichen Hinweisen auf Junkfood, Junkfernsehen, Junkwerbung, Junkradio, Junkamis, mit kleinsten körperlichen Details. Männer aus drei Generationen sind selbstsüchtig, dumm und böse, Frauen vernünftiger und berechnend.

Vorahnungen:

Der Roman spielt vom 28. Dezember 1988 bis zum 22. September 1989, Hauptfigur Harry „Rabbit“ Angstrom ist zunächst 55 Jahre alt, wirkt aber körperlich wie 75; seine Frau Janice ist 52 und wirkt laut Text teils jünger. Gleich auf den ersten Seiten bringt John Updike nicht nur etwas gezwungen einen Rückblick auf die letzten Jahre, sondern auch aufdringliche Todesahnungen und -bilder des übergewichtigen Hauptdarstellers Harry „Rabbit“ Angstrom*:

2001, will he be alive?… the sudden chill he had felt… alone with his premonition… a sense of doom regrows its claws around his heart… a lot of death in the newspapers lately…

Selbst auf Seite 138 noch „sense of doom“. Viel zu aufdringlich.

Dazu Erinnerungen an und Fantasien von Flugzeugkatastrophen.

Schon in Band 1 sagt eine Prostituierte dem ca. 26jährigen Rabbit, „You’re not a very healthy eater.“ Und hier in Band 4 folgen immer neue Aufzählungen seiner Gebreste und Junkfoodorgien selbst nach ärztlichen Ermahnungen:

a big oozing dip of butter-pecan ice cream… cleans up the sweet sugary crumbs with his fingertips… that bagful of onion potato chips, full of sharp edges and salt

Glotze statt Ex:

Ziemlich unangenehm die Grübeleien der WASP-Hauptfigur über Afroamerikaner und Juden („horny, jews are“) und sein „primal need to curse“, auch gegenüber seinen Enkeln. Wieder und wieder und wieder beobachtet die Hauptfigur kleinste körperliche Ausprägungen, Körpergerüche und -geräusche.

Zu oft denkt die Hauptfigur an die Vergangenheit, an die Geschehnisse der Rabbit-Bände 1 – 3 zurück:

Thirty years ago. It was this time of year, late spring…

 Und John Updike (1932 – 2009) überfrachtet den Roman mit Florida-Tourismus und Krankenhausreports, bis hin zu „bowel movement“, „bedpan“ und kardiologischem Fachpalaver. (Updikes Mutter lag zur Zeit der Niederschrift im Krankenhaus, erklärt Updike-Biograf Begley, daher medizinische Details und „doom“-Stimmung.)

Einmal könnte Rabbit im Krankenhaus Besuch seiner Ex Ruth erhalten – die hatte ihm in Band 1 und 3 unterhaltsame Dinge an den Kopf geworfen, könnte Mutter seiner Tochter sein. Doch Rabbit will Ruth nicht sehen, stattdessen:

He watches a lot of television… The nightly news has a lot of…

Und das wird mehrseitig nacherzählt 🥱😴.

In aller Regel erzählt John Updike aus Sicht von Harry „Rabbit“ Angstrom, doch gelegentlich übernimmt er die Perspektive von Frau oder Sohn Angstrom – seltsame Brüche; sie müssten öfter kommen, um stimmig zu wirken.

Das dumme bis bösartige Verhalten von Vater und Sohn Angstrom stößt ab, der Vater hält seinen Sohn selbst einmal für „human garbage“, und schon der vierjährige Enkel glänzt wiederholt als Sadist. Die Drogenkriminalität macht den Roman nicht erbaulicher.

Vielleicht kam der Roman, der justitiabel von alten weißen Heteromännern handelt, nur deswegen um ein Verbot herum, weil alle Männer hier so negativ erscheinen. Keine Ahnung, warum er Pulitzer & Co. & viel Kritikerlob erhielt.

Vergleich der Rabbit-Bände 1, 3, 4 und 5 – Hasenherz (1960, Rabbit, Run), Bessere Verhältnisse (1981, Rabbit Is Rich), Rabbit in Ruhe (1990, Rabbit at Rest) und Rabbit, eine Rückkehr (2002, Rabbit Remembered):

Alle Bücher gehen von einer langen Gesprächskonstellation zur nächsten. Sie sind voll mit Alltagsrealismus, Tagespolitik, Werbung, Produktnamen (ohne viel Updikesche Autobiografie zu enthalten). In allen Bänden stoßen Frauen aller Generationen weniger ab als die Männer, die oft derb frauenfeindlich und teils rassistisch denken.

Die Bände 1, 3 und 4 liefern exzellente Dialoge ohne schnelle Gags, aber voller Spannung und Zwischentöne, Teil 5 funkelt weit weniger. Die Teile 1, 3 und 5 spielen weitgehend in oder nah der pennsylvanischen Mittelstadt Brewer (100.000+ EW), Teil 4 teils auch in Florida.

Teil 3 und 4 betonen immer wieder Körperliches wie Ohr- und Fußform, Zehen, Zähne, Augen, Gerüche, Schweißränder. Teil 4 hat deutlich mehr körperliche Beschwerden, Illegales und deutlich mehr Feindseligkeit zwischen Vater und Sohn, damit ist der Ton in Teil 4 besonders düster. Teil 4 hat auch weniger Sex und Sexfantasien. Teil 1 hat mehr religiöses Palaver.

Nur Teil 3 hat keinen Tod und ingesamt eine leichtere Atmosphäre. Vor allem Teil 4 und 5 haben zu viele Erinnerungen an zurückliegende Tragödien.

In Teil 3 werden Toyotas meist gelobt, in Teil 4 einmal seitenlang massiv heruntergemacht. In Teil 4 reitet Updike auf den Unterschieden zwischen Christen, Juden und Afroamerikanern herum, wie auch in vielen seiner Kurzgeschichten; das spielte in Teil 3 kaum eine Rolle, kehrt aber in Teil 5 wieder, und Teil 1 hat nur Christen. Teil 1 und 4 enthalten lange, ermüdende Golfpartien, Teil 4 auch Banaltourismus und Krankenhausgeschichten. Der ständige Nachrichten- und Werbestrom prasselt in Teil 3 via Autoradio, Zeitung und Plakat, in Teil 4 oft per Fernseher; in Teil 1 und 5 fällt er etwas weniger auf.

Teil 1 liest sich lebhafter, jugendlicher, etwas härter und weniger altersmüde als die späteren Bände, ist auch kürzer. Teil 3 ist stilistisch auf seine Art perfekt, Teil 4 zeigt deutliche Schwächen (zu aufdringlich über Junkfood und Todesahnung, zu viel Tourismus und Krankenhaus, momentweise plump), auch Teil 5 wirkt schlapp.

In Teil 3 heißt es stets „he didn’t used to“, in Teil 4 „he didn’t use to“. In Teil 3 schreibt Updike nur einmal kurz nicht aus Perspektive der Hauptfigur Rabbit; in Teil 4 wechselt er etwas öfter zur Sichtweise von Frau oder Sohn; in beiden Büchern wirkt das unrund, weil es selten geschieht und die gewohnte Sichtweise unterbricht. In den Teilen 1 und 5 wechselt die Perspektive öfter.

Versionsgeschichte:

Wie auch Updikes Kurzgeschichten, gibt es die vier Rabbit-Romane in mehreren Fassungen. Zuletzt erschienen die Romane en bloc (wörtlich) im edel produzierten Sammelband Rabbit Angstrom, The Four Novels von 1995 in der Everyman’s Library („printed and bound in Germany“, „extensively revised“ laut Eigenwerbung, 1516 Dünndruckseiten, 1145g, 5,7 cm dick, m.E. unpraktikabel in der Hand wie auch in einer Billigbuchstütze). Hier hat Updike seine Rabbit-Texte wieder überarbeitet, wie er in der Einleitung sagt, u.a. Inkonsistenzen ausgebügelt.

Vermutlich ist im Sammelband das letzte Buch 4 weniger stark verändert als die Vorgänger, da die Niederschrift nicht lang zurückliegt.

Besonders stark wandelte sich vermutlich Buch 1, Rabbit Run/dt. Hasenherz: die Vulgaritäten durften laut Updike zunächst 1960 in den USA gar nicht erscheinen, dann 1962 in England zum Teil doch, als US-Taschenbuch später noch mehr, und so wurde Rabbit 1 immer schweinischer.

Persönliche Erklärung des Rezessenten:

Ich habe die vier ersten Rabbit-Romane schon einmal vor rund 30 Jahren auf Deutsch gelesen. Von jedem Roman erinnerte ich zuletzt nur noch einzelne, eindrückliche Szenen – so gut, dass ich Teil 1 und 2 nicht erneut lesen wollte. Die Szenen, die ich von Teil 3 erinnerte, erschienen jetzt bei der englischen Wieder-Lektüre genau wie erinnert. Von Teil 4 erinnerte ich nur das Ende; ich las Teil 4 eher der Vollständigkeit halber.

Definitiv nicht erinnerte ich von Teil 4 die detailliert geschilderten körperlichen Beschwerden, aggressiven Vater-Sohn-Enkel-Umgang und die langatmigen Beschreibungen.

Habe ich einen dicken englischen Roman gelesen, sollte danach etwas Deutsches folgen, gern ein Sachbuch. Doch hier fesselte mich die unsympathische Familie Angstrom so, dass ich Rabbit 3, 4 und 5 in einem Zug las. Und aus komparatistischen Gründen gleich auch noch Band 1.

Assoziation:

  • Um Juden geht es nicht nur hier in Rabbit 4, sondern auch in Updikes Henry-Bech-Geschichten.
  • Wie in anderen Romanen und Kurzgeschichten schildert Updike touristische Eindrücke zu ausführlich, hier aus Florida, auch der halbgefährliche Bootsausflug mit Enkelin ist überdehnt.
  • Zu Beginn von Teil 1 spielt Rabbit mit Straßenjungs Basketball, dann eine Autoflucht nach Süden; Teil 4 endet mit einer Autoflucht nach Süden, dann noch Basketball mit Straßenjungs; und viele weitere Parallelen zwischen Teil 1 und Teil 4
  • Arzt- und Krankenhausbesuche spielen v.a. in Updikes späteren Kurzgeschichten eine große Rolle – so auch hier.
  • Das Rentnerparadies Florida beschreibt auch Tom Wolfe, aber in grelleren Farben, in Back to Blood.
  • Entfernt die Frank-Bascombe-Bücher von Richard Ford, auch wegen des Immobilienjobs
  • Die Entwicklung der Familie Angstrom über die Generationen hinweg erinnerte mich vag an die Familie Buddenbrook.

*ich kenne nur das engl. Original Rabbit at Rest und kann die Eindeutschung von Maria Carlsson nicht beurteilen

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