Rezension Miami-Roman: Back to Blood, von Tom Wolfe (2012) – 7 Sterne – mit allen wichtigen dt. & engl. Presse-Links, Hintergründen & Video

Seinen massiven Miami-Roman bevölkert Erfolgsromancier und -journalist Tom Wolfe mit einem ganzen Bestiarium bizarrer Figuren. In den Hauptrollen: ein junger Kuba-stämmiger Polizist, seine junge Latina-Ex, zwischenzeitlich mit einem ebenfalls wichtigen Psychiater für Porno-abhängige Milliardäre liiert, ein paar russische und amerikanische Milliardäre, schwarze Crackdealer, ein junger weißer Journalist mit Yale-Vergangenheit (wie einst Wolfe), der schwarze Polizeichef und der Latino-Bürgermeister sowie eine distinguierte Familie aus Haiti, die mit ihrer Herkunft hadert. Überhaupt denken die meisten Figuren ständig über Ethnien nach, darauf bezieht sich auch der Buchtitel.

Sein Personal kreuzt Tom Wolfe mit Klischees & Folklore aus Miami und Südflorida: pubertäre Teenie-Parties auf Yachten bei der Columbus Day Regatta, Rentnerblocks mit Omas am Rollator, Art Deko-Hotels, Glamour-Restaurants, das kuriose Rathaus, die Privatinsel mit der diskriminierenden Zugangsregelung, die schicke Kunstmesse, ein schmieriger Stripclub, das Uni-Gelände voller Palmen, unentwegt die Hitze und der glühende Sonnenball, das mögliche Bleiberecht für ankommende kubanische Flüchtlinge.

Schrille Orte und Figuren:

Buchautor Wolfe klappert die Orte fast in Reportermanier ab und würfelt sie dann kombiniert mit seinem dramatischen Figurenreigen und aufgeblähter Sprache ins Buch. Fertig ist ein Bestseller – oder?

Gleich im Vorwort zur US-TB-Ausgabe betont Wolfe, welch illustre Figuren ihn, den New Yorker, durch Miami führten, unter ihnen Bürgermeister und Polizeichef der Millionenstadt. Diesen pompösen Vorspann schob der deutsche Verlag wohl nicht ohne Grund ans Buchende, auf Seite 767.

Riesengroße Gefühle:

Tom Wolfe konstruiert riesige Gefühle, Hilflosigkeit gegenüber höheren Mächten oder miesen Intrigen, langsam zuziehende Schlingen, dramatische Klassengegensätze, Statusgetue, hysterisch überbewertete Rassenunterschiede (speziell Cubanos versos Anglos aus kubanischer Sicht, aber auch Russen, Haitianer und WASPs). Wolfe überschüttet alles mit Markennamen, Modetrends und schicken Fremdwörtern, hat ein Auge auf die Sprache bestimmter Gesellschaftsschichten (auch haitianisches Kreolisch und Spanisch), lässt Massenmedien sich aufplustern (Papierzeitungen, TV-Sender, YouTube), jedes Auto wird mit seinem Modellnamen bezeichnet.

All das erinnert sehr deutlich an Wolfes ersten, besten Roman, Fegefeuer der Eitelkeiten (engl. The Bonfire of the Vanities, 1987). Und wie in Fegefeuer… räsonniert Wolfe auch in Back to Blood über den bedeutungsvollen Unterschied zwischen „he doesn’t“ und „he don’t“, konstruiert markante Tageszeitungsüberschriften, ja sogar der Ausdruck „back to blood“ erschien schon in Wolfes Roman-Erstling.

Thung LUST thung:

In Back to Blood schreibt Wolfe allerdings deutlich greller, verwendet alle Arten von Effekten – Comicwörter, Comicwörter großgeschrieben, Comicwörter kursiviert, Comicwörter groß und und kursiviert, drei Pünktchen, stille Gedanken fasst er in zwei mal sechs Doppelpunkte ohne Leerzeichen (ja, so: ::::::Gedanke::::::). Wolfe flutet Back to Blood mit Verbal-Bling, um die Geschichte unter Dampf zu halten, und das ab der ersten Szene, einer maritimen Verfolgungsjagd à la manière James Bond:

Thung LUST thung LUST WHOOP WHOOP! WOO-HOO:

Und so beschreibt Wolfe eine Bootsparty mit lauter Musik (S. 279 Little Brown TB-Ausgabe):

((…)) all of them riddled by the abrupt beep beep beeps and alert alert alerts of incoming TEXTS thung TEXTS thung BEAT thung HUMP thung THRUST thung BEAT thung DANCING thung AGAIN thung the DECK thung DECK thung INFLAMED thung LUST thung LUST WHOOP WHOOP! WOO-HOO! – and all at once todo el mundo is mad to reach another deck…down that way! Normal grabs Magdalena by the forearm ((…))

Das Ganze in der deutschen Übersetzung (Heyne-TB S. 309):

((…)) all das gespickt mit plötzlichem Piep Piep Piep für Anrufe und SMS klong SMS klong BEAT klong TANZEN klong WIEDER klong auf dem DECK klong DECK klong ENTFLAMMT klong vor WOLLUST klong WOLLUST klong WUHU WUHU WUUHU – und urplötzlich will todo el mundo wie im Rausch auf das andere Deck … dahin! Norman packt Magdalena am Unterarm ((…))

Und so verrückt es klingt: Der Roman liest sich gleichwohl flüssig, bleibt spannend, trotz dieser kapriziösen Sprache.

Rollenwidrig:

Seine intelligenten Überlegungen und Metaphern schreibt Wolfe auch eher schlichten Gemütern in die wörtliche Rede oder in den Gedankenfluss, und das klingt unpassend. Manchmal reden Figuren ohnehin völlig rollenwidrig, als ob der Autor seine ursprüngliche Konstruktion vergessen hätte. Andere Figuren tauchen auf und dann für 600 Seiten weitgehend wieder unter, so der zunächst pompös eingeführte Chefredakteur Edward T. Topping IV (noch ein Yale-Absolvent) und dessen Frau oder der kubanische Flüchtling, ebenso die Eltern der Hauptfigur Nestor.

Die haitianische Familie erscheint zu selten und wirkt wie als soziologische Studie ins Buch geschrieben. Nestors wichtiges iPhone muss in dem Kampf am Anfang kaputtgegangen sein, doch davon hören wir nichts, er benutzt es einfach weiter; nicht einmal schickt ihn der Autor ins Fitnessstudio, um seinen oft gepriesenen Körper zu stählen, obwohl Nestor dort angeblich Stammgast ist. Damit ist Back to Blood nicht nur schriller geschrieben als Fegefeuer der Eitelkeiten oder der Nachfolgeroman Ein ganzer Kerl/A Man in Full, sondern auch weit schwächer konstruiert.

Der Kriminalfall Kunstfälschung, der über hunderte Seiten hier und da aufblitzt, gewinnnt gegen Ende Fahrt und Gewicht, fesselt aber wegen der eigentümlichen Schilderung, der hölzernen Konstruktion und des inkonsistenten Verhaltens der Hauptfigur Nestor Camacho nie. Ein zweiter kleinerer Kriminalfall zwischen Lehrern und Schülern endet fast auf derselben Seite ähnlich enttäuschend.

Tom Wolfe fasziniert als Stilist und Beobachter – als Erzähler hat er schon viel Besseres geliefert.

Macho, macho:

Wolfe beschreibt die monströsen Egos seiner Machos im monströsen Macho-Stil (einer heißt gleich Ca*macho*, und das wie auch ein bekannnter Wrestler). Wolfes herausgeballerte Wortgewitter geben meist nicht die Gedanken der Protagonisten wieder, denn die erscheinen ja separat zwischen zweimal sechs Doppelpunkten. Wolfes Kaskaden sind Erzählerstimme, Wolfe-Stimme.

Die zwei Frauen unter den sonst männlichen Hauptfiguren sind junge Dinger zum Anbeißen, nicht ganz und gar hirnlos, aber doch vor allem Blickfang und im Ernstfall auf die Hilfe und Kreditkarten der starken Kerle angewiesen (zwar haben der Polizei- und der Redaktionschef auch Angst vor den scharfen Bemerkungen ihrer Ehefrauen, die jedoch im Buch kaum auftauchen).

Sogar das englische Taschenbuch von Little Brown kommt als aufgeblähte Macho-Ausgabe daher:

  • Größe: 15,1 x 24,2 cm
  • Seitenzahl: 701
  • Gewicht: 772 g

Im Vergleich wirkt die normalgroße deutsche Heyne-TB-Fassung plötzlich schmalbrüstig:

  • Größe: 11,2 x 18,6 cm
  • Seitenzahl: 756
  • Gewicht: 602 g

Vorsicht jedoch: Die deutsche Fassung heißt ebenso wie das englische Original Back to Blood (gemeint ist, letztlich verlässt man sich auf seine ethnische Zugehörigkeit) und hat auch das gleiche Titelbild. Auf Online-Abbildungen sind deutsche und englische Version also leicht verwechselbar.

Hintergründe:

Ein freundlicher Film mit Hintergründen zum Buch – der Trailer:

Assoziation:

„Wie in einem übersüßen Cocktail…“ – deutsche Kritikerstimmen:

Deutsche Kritiker urteilen viel milder als die indignierten Amerikaner, wie meine Übersicht zeigt. Auffallend freundlich nur die Rezension des Miami Herald (ganz unten) – und diese Zeitung spielt unter ihrem echten Namen in Wolfes Miami-Roman eine wichtige Rolle.

Die Zeit, Ijoma Mangold:

Alles, was groß und was billig ist an Wolfe, bekommt man hier noch einmal wie in einem übersüßen Cocktail serviert…

Der Spiegel, Christian Buß:

dieser streckenweise arg plakativ gezeichnete ethnische und ästhetische Vielfrontenkrieg… wie die Phantasmagorie eines alten Herren

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nils Minkmar:

Keine stilistische oder inhaltliche Herausforderung, aber eine perfekt unterhaltende Lektüre… Man ist in den Händen eines Profis.

„Soapy, gripping and sometimes glib…“ – englische Kritiken:

New York Times, Michiko Kakutani:

…a soapy, gripping and sometimes glib novel that’s filled with heaps of contrivance and cartoonish antics

New York Times, Thomas Mallon:

The fundamentals of Wolfe’s game have stayed the same: a concentration on behavioral codes and status; the dominance of big themes over private emotions

Wall Street Journal, Henry Allen:

Creaky stylistic tricks… Scenes racket along like thrill rides powered by the electricity of his prose style, hissing and sparking.

Washington Post, Ron Charles:

… an advance rumored to be close to $7 million. And now we finally have it — “Back to Blood” — a novel that cost $10,000 per page.

The New Yorker, James Wood:

Tom Wolfe writes Big and Tall Prose—big subjects, big people, and yards of flapping exaggeration. No one of average size emerges from his shop

The Guardian, James Lasdun:

…its cast of porn-addicts, body-builders, art-collectors, suave oligarchs and foxy jebitas, all sizzling together under the Miami sun

USA Today, Deirdre Donahue:

Stale. Silly. Patronizing. Worst of all, utterly unbelievable… contains his trademark tsunami of descriptions, exclamation points, over-the-top hyperbole

Entertainment Weekly, Rob Brunner:

So distinctively Tom Wolfe-ish that it verges on self-parody. There’s that famously overamped prose, an exhausting procession of exclamation points

Salon.com, Allen Barra:

Almost 25 years ago, the author made a case for the realist novel. His silly new book suggests he should reread it…

The Economist:

What sex was to Sigmund Freud, status is to Mr Wolfe: the ultimate drive… Mr Wolfe’s satirical aim at the debauchery and landscape of avarice and arrogance

Kirkus Reviews:

Wolfe is back to some old tricks, including an ever-shifting, sometimes untrustworthy point of view, dizzying pans from one actor to another and rat-a-tat prose

Pop Matters, Michael Antman:

Tom Wolfe writes what are, in effect, graphic novels without the graphics – “WHOMP!”  and “SMACK” and “BEAT-unngh thungBEAT-unngh thung

Financial Times, Sarah Churchwell:

Back to Blood is even more bloated with excess than the society it seeks to lampoon, its plot as unreal as the marionettes jerkily waving their arms

The Esquire, Benjamin Alsup:

In short, Back to Blood is wrong. Bad. Or as Wolfe would write, BAAADDD!!!!!!!…

Miami Herald, Connie Ogle:

the novel’s pointed observations are dangerously close to reality: Wolfe, Master of the New Journalism Universe, has done his homework and done it well

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