Romankritik. Ehepaare, von John Updike (1968, engl. Couples) – 7 Sterne

Der Leser ist mittendrin statt nur dabei: im Bett bei (außer-/)ehelichem Rumpelsex, bei Abendessen in großer Runde, bei Kirchgang und religiösen Grübeleien. John Updike (1932 – 2009) schildert Dialoge und Reaktionen der Ostküsten-Mittelschicht in den frühen 1960ern intelligent, feinsinnig und unterhaltsam.

Weniger Fun jedoch: Updike beschreibt auch Wohnungen, Sakralbauten, Baustellen, Vegetationszyklen und Lebensläufe sehr detailliert –  für alle 2×5 weißen Heteros im Zentrum des dicken Romans, und an der Peripherie tummeln sich weitere Ehepaare, die meisten haben zudem Kinder (dringend nötige Übersicht verschaffen die Besetzungslisten bei Wikipedia und bei Goodreads (nur dort mit hilfreichem Ehebruch-Register)).

Der Leser fühlt sich bald wie ein Einwohner von Tarbox, Neuengland, dort spielt der Roman. Man möchte den Roman auch gleich ein zweites Mal lesen, weil man dann viel mehr Übersicht im großen Karussell der Namen und Spitznamen hat. Ich konnte mich erst ab etwa Seite 300 von 458* richtig einfinden.

Die Hauptfigur Piet Hanema wirkt etwas unrealistisch: Ein örtlicher Bauunternehmer, Familienvater, der ohne Angst um Geschäft, Ansehen und eigene Familie die Frauen seiner örtlichen Freunde und Kunden vögelt; er sinniert über Baustoffe und Bildungsromane, über „prayer and masturbation“*, parliert hochgebildet-ironisch und agiert sexuell reflektiert.

Sophisticated gibt sich auch der Autor:

A luminous polleny pallor, the shadow of last summer’s bathing suit, set off her surprisingly luxuriant pudenda.

Oder:

Convolute cranny, hair and air, ambrosial chalice where seed can cling.

Updike ist zu ausführlich, macht aber auch vieles richtig: Keiner im vielköpfigen Personal ist Schriftsteller, Updike bringt viele zeitgeschichtliche und andere Details, jeder Handlungsfetzen erhält 50 oder 200 Seiten später neue Bedeutung. Nur einmal wird der Autor zu symbolisch: der Blitz setzt ausgerechnet eine Kirche in Brand.

Wegen des rein weißen, rein heterosexuellen Personals ist das Buch mittlerweile verboten.

Assoziation:

  • Ehebruchiaden, ähnliche Konstellation und Titel gibt’s auch in John Updikes Roman Heirate mich (Marry me, 1976) und in vielen Updike-Kurzgeschichten der mittleren Phase, nur teils mit religiösen Grübeleien, oft jedoch in anderem Tonfall und mit übersichtlicherem Personal – besonders deutlich in den Multi-Ehepaare-Kurzgeschichten The Leaf Season, The Man who Became a Soprano und The Women Who Got Away (1956) aus den Collected Later Stories
  • Ebenfalls Ehebruch und viele Parallelen zu Updikes Leben liefert die Kurzgeschichten-Sammlung The Maples Stories – und dort erscheint kurz ein „ginger-haired contractor who… left town“, das passt zur Couples-Hauptfigur Piet Hanema
  • Ehebruch und religiöse Grübeleien kombiniert gern auch Graham Greene
  • Einen Reigen von Paaren, Ehebrüchen und Problemdiskussionen kredenzt auch Daniela Krien in Die Liebe im Ernstfall (2019), aber bei Krien ist es deutlicher sequentiell
  • Thomas Mann machte sich einst unbeliebt, weil seine Buddenbrooks die Lübecker zu deutlich portraitierten; und John Updike wurde lt. engl. Wikipedia übelgenommen, dass er die ehebrechenden Einwohner seines Wohnorts Ipswich allzu wieder erkennbar im fiktiven Ort Tarbox ansiedelte; Updike-Biograf Begley meint jedoch, „the Couples gang never complained about their treatment“.

*ich kenne nur das engl. Original Couples und kann die Eindeutschung nicht beurteilen

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