Kritik Spanien-Bericht: Capricho. Ein Sommer in meinem Garten, von Beat Sterchi (2021) – 3 Sterne

Dies ist teils Autofiktion, teils Huertofiktion. Beides nervt. Denn sonst ist es nichts.

Irgendetwas über Landflucht, Klimawandel, persönliche Abenteuer, demografischen Wandel, Bürgerkrieg, Tourismus, spanische oder EU-Politik, Dorfsoziologie etc. sagt Beat Sterchi nicht, auch wenn er ein bisschen über die Szene an der Küste spottet und in der Hängematte Bücher über Spanien ab 1936 liest. Sterchi erwähnt nicht mal Castellón, die spanische Provinz, aus der er berichtet, verrät nur ein paar Kleinstadtnamen

Nichts passiert. Kein Konflikt, kein Drama, keine Liebe, kein pfiffiger Dialog, keine Politik im Dorf. Von den Nachbarn hören wir ein paar kauzige Sprüche. Zwischendurch kommen Frau und Tochter zu Besuch, sie erhalten wenige Zeilen. Den „lieben Freund Miguel“ würdigt der Verfasser auch nur en passant.

Landlust mit Gehstock.

Beat Sterchi (*1949) erwähnt mehrfach den katalanischen Autor Josep Pla, dem es laut einer Rezension „immer vor allem um das Ephemere, Marginale und Geringfügige“ ging – das passt auch zu Sterchi. Schließlich ist auch für Sterchi

absichtsloses Schreiben und Notieren ((…)) existenziell ((Quelle))

Beat Sterchi (*1949) tümelt, schreibt betont aussteigernd, gegen den Zeitgeist und pro archaisches Landidyll mit einfältig liebenswerten Dorfkäuzen (und mit Laptop), sich selbstironisch eingeschlossen:

Als ich fragte, ob er die Geier über dem Castillo gesehen habe, lachte er: ¡Hombre! Das sind Krähen!

Der Leser muss es schlucken. Sterchi springt im Buch immer wieder Tage vor und zurück – eine störende Marotte –, wechselt unübersichtlich die Tempi und spekuliert: auf den Seiten 147f erklingt „würde“ 18mal. Indikativ und Variation sind mir lieber.

Fäden in der Hand:

Wir erfahren, dass Sterchi in Spanien an einem Text arbeitet und nicht weiterkommt. Mehr sagt er dazu bis S. 150 nicht, ziemlich öde. Er erwähnt unentwegt sein Notizbuch, überflüssig:

Aus meinem Notizbuch geht hervor, dass mich dann noch eine Katze besuchte.

Oho. Krähwinkel. Weiter heißt es geschraubt:

Seit ein paar Tagen glaubte ich zwar, mehrere Fäden in der Hand zu halten, zweifelte aber noch immer, dass der wirkliche rote Faden darunter war, befürchtete sogar, mich möglicherweise ein weiteres Mal zu verheddern. Dabei war mein Schreibvorhaben überhaupt nicht ((…))

Manchmal verbindet er zwei seiner Hauptthemen, das stockende Schreiben und das Gärtnern unter Aufsicht seiner spanischen Dorfgemeinschaft:

Nach einem eher zaghaften Fehlversuch am Schreibtisch, den roten Faden zu finden, erinnerte ich mich wieder an die Kartoffeln.

Der traurige Höhepunkt dann:

Ich schrieb.

Ich jubelte.

Ich schrieb sogar, dass ich schrieb.

Ich jubelte nicht. Ich mag Autoren, die sich aufs Thema konzentrieren, und nicht auf sich, und auch nicht sich zum Thema machen. Aber Sterchi schreibt selbstverliebt, nein autistisch:

Ich weiß nicht mehr, ob ich mich später nach der Siesta wieder an den Schreibtisch gesetzt hatte

Es interessiert auch keinen.

Bis zur letzten Minute:

Sprachlich gibt sich Sterchi sonst so schlicht wie die Figuren, die er schildert, zeitweise ohne Anbiederung oder Unschönes; doch auf Seite 72 erscheint zweimal innert 3 Zeilen das Wort „kam“ – das passt nicht zum übrigen Text. Dazu Wunderliches:

  • Auf Seite 132 nimmt er einen „Kugelschreiben“, um anschließend „die Feder“ zuzuschrauben – passt das?
  • Er imaginiert einen „Werbeprospekt für ein Planetarium“ (S. 187) – gibt es das?
  • Er sieht einen „angegrauten, kahlen Schädel“ – da ist wohl die Kopfhaut grau?

Einige Ausdrücke verwundern, sind vielleicht schweizerisch: Frittüre, sich verfertigende Früchte, Flugzeuge heißen mehrfach „Kursmaschinen“

Dazu ein paar schlichte Fehler wie:

…dass dieser ((sic)) Schaden genau jener Blitz verusacht hatte…

Das Buch endet:

Bis zur letzten Minute vor der Abreise wollte ich weiterschreiben.

Soso.

Vergleich der Bücher Blösch (1983) und Capricho (2021) von Beat Sterchi:

Die zwei Prosabücher von Beat Sterchi wirken streng gegensätzlich:

  • In Blösch (1983) kommt ein Spanier ins Schweizer Dorf, um in der Landwirtschaft zu arbeiten, und es ist dezidiert nicht beschaulich.
  • In Capricho (2021) kommt ein Schweizer ins Spanier-Dorf, um im Garten zu werkeln, und es ist betont beschaulich.

Noch ein Gegensatz:

  • Die Spanier wollen bei abnehmendem Mond pflanzen,
  • die Schweizer bei zunehmendem Mond „metzgen und wursten“.

Ich frage mich, ob Capricho je gedruckt worden wäre, hätte sich Sterchi nicht mit Blösch profiliert.

Assoziation:

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