Kritik Schweizer Kuhroman: Blösch, von Beat Sterchi (1983) – 6/10 Sterne

Fazit:

Beat Sterchi berserkert mit Sprache und Inhalt, dass es spritzt. Hochdetailliert und wortgewaltig beschreibt er Abläufe auf einem sehr altmodischen Milchviehbauernhof und im Schlachthof. Wie die Kuh Blösch bestiegen und schließlich geschlachtet wird, schildert Sterchi über jeweils mehrere Seiten und ohne Rücksicht auf Sensibilitäten.

In den Zisternen:

Sehr viel Plot gibt es nicht, Autor Sterchi (*1949) ergeht sich in Alltagshandlung: Der einfache Spanier Ambrosio kommt als Stallknecht zum  Knuchelbauern in die Deutschschweiz. Das eigentliche Ereignis sind Beat Sterchis Einblicke in archaische Landwirtschaft, später in den Schlachthausbetrieb, und sein ebenso mächtiger Ton:

Er hörte die Milchbläschen in Meyes Drüsengewebe platzen… hörte er die Milch durch die Kanälchen und Ventile des aktivierten Euters rauschen, er hörte, wie sie sich in den Zisternen über den Zitzen staute, er hörte das pulsierende Blut drücken, und er mochte den Klang der ersten Strahlen. Mit metallenem Trommeln spritzten sie auf den Boden der Melchter.

Wohl auch, um das Interesse aufrechtzuerhalten, springt Beat Sterchi nach einigen Bauernhofkapiteln rund sieben Jahre nach vorn und zeigt Ambrosio plötzlich im Schlachthaus, gibt sogar einen blass bleibenden Ich-Erzähler wieder, den er besser in der dritten Person geschildert hätte. Dann springt Sterchi wieder zurück, hin und her. Der Autor verarbeitet seine eigenen Erfahrungen als junger Metzger in der Schweiz und USA.

Simmentaler und Eringer:

Zunächst erfährt der Leser viel über Landwirtschaft und Milchvieh, lernt das brave Simmentaler Fleckvieh und die berggängie Eringerrasse kennen, ihre Fütterung, Fortpflanzung, ihre Macken und ihre Eingeweide. Mitunter klingt Sterchi deutlich zu didaktisch oder politisch, wenn etwa seine altmodische Hauptfigur Knuchel „Stierevaluation“ und „Nachzuchtprüfungen“ moniert, Handmelken bevorzugt und postuliert:

Ich habe keine Großvieheinheiten im Stall! Ich habe Kühe…“

Auch im Schlachthof lästert man über „Roboter“ und „Maschinenfritzen“, eine neumodische Abschwartmaschine häutet gar den Österreicher Karl Theny.

Dazu kommt die Soziologie im Dorf, in der Familie und in der Agrar-Community. Liebe oder Erotik gibt es kaum, wichtig sind Gemüsebeet, Kirche und Schützenverein.

Drüsig, gleichmäßig gewölbt, bläulich und markant:

Beat Sterchi schreibt sehr sinnlich, schon aufdringlich wortmächtig, von sich selbst berauscht:

die brävste und die strübste Knuchelkuh… Das Euter von Meye… drüsig, gleichmäßig gewölbt, bläulich und markant traten gesunde Adern hervor, an den Zitzen gab es keine Narben, keine infektionsanfälligen Ritzen, auch waren alle vier gleichgerichtet, milchdicht und mit schön abgerundeten Schließmuskeln versehen. Das ganze ((sic)) saß hoch zwischen den Hinterbeinen und war in der Breite gerade richtig für einen ungehinderten Gang… An einem der Striche sprossen unerwünschte Haare.

Wahre Arien schmettert Sterchi auch in den blutigen Schlachthofszenen.

Gelegentlich kredenzt Sterchi unbekanntes Schwyzerdytsch wie Helgen, Muni oder sturmer Güggel, dazu gibt’s hinten im TB ein Glossar (es verschweigt jedoch das häufig gebrauchte Wort Cheib). Im Lauftext selbst erklärt Sterchi fast nichts, außer „gabel- oder gar stuhlbeinig“.

Über aufgeregte Kühe heißt es ((sic)),

daß sie my Türi über jeden Gartenhag gumpen wollten

Und Sterchi kredenzt unübersetzt (aus Höflichkeit?) Italienisch, Französisch, vor allem Spanisch:

Diese Frauen, dachte er, todas grandes como las vacas.

Gerne schreibt Sterchi Sätze nicht ganz aus:

„So also. Es war mir doch. Komm, Muni, …

Manchmal irritiert es, wie der allwissende Erzähler wildes Schwyzerdeutsch aus dem Hirn des Knuchelbauern wiedergibt, dann aber ganz anderes Deutsch und Spanisch aus Ambrosios Kopf.

Sterchi beginnt neue Abschnitte filmi assoziativ:

Ein aufgerissener Luftpostbrief war zu Boden gefallen…

Allerdings geht Sterchi hier nicht weiter auf den Brief an den einsamen Ambrosio ein.

Einmal schreibt er „im gleichen Haus“, wo es „im selben“ heißen müsste – oder ist das in der Schweiz anders geregelt?

Unikat mit Schwächen:

Der Roman ist ein Solitär mit Schwächen. So wirken die Zeitsprünge zwischen der Arbeit auf dem Bauernhof und sieben Jahre später auf dem Schlachthof verkrampft. Die Schlachthofpassagen haben zudem gelegentlich einen wenig definierten und wehleidigen Ich-Erzähler.

Einiges wirkt stark übertrieben bis unrealistisch oder gar „magisch (un)realistisch“, so Ambrosios Blöschverehrung oder wie die Kuh Blösch im  Leben Zäune mit Hörnern und Klauen dekonstruiert und noch post schlachtum dem Metzgerbeil widersteht.

Der Schlachthof unterhielt mich weniger auch wegen der blutigen Details, der Männerbündelei und der anklagenden Note – fast scheint’s, als wolle Sterchi mit tabuisiert Schaurigem, mit Blut-und-Kot-Orgien so faszinieren wie andere Autoren mit Gewalt oder Sex.

Darum konnte ich nicht alle  gut 432 Seiten komplett lesen.  Die landwirtschaftlichen Passagen auf dem Knuchelhof, obwohl handlungsarm, genoss ich jedoch uneingeschränkt, und die Mitarbeiterbiografien im Schlachthof gefielen mir auch (selbst wenn die Akteure sonst kaum eine Rolle spielten, sich höchstens mal selbst aus Versehen das Bein spalteten).

Zudem produziert Sterchi in den Schlachthofteilen mindestens dreimal sechs Seiten ohne Absatz, eine Straftat.

Vergleich der Bücher Blösch (1983) und Capricho (2021) von Beat Sterchi:

Die zwei Prosabücher von Beat Sterchi wirken streng gegensätzlich:

  • In Blösch (1983) kommt ein Spanier ins Schweizer Dorf, um in der Landwirtschaft zu arbeiten, und es ist dezidiert nicht beschaulich.
  • In Capricho (2021) kommt ein Schweizer ins Spanier-Dorf, um im Garten zu arbeiten, und es ist betont beschaulich.

Noch ein Gegensatz:

  • Die Spanier wollen bei abnehmendem Mond pflanzen,
  • die Schweizer bei zunehmendem Mond „metzgen und wursten“.

Ich frage mich, ob Capricho je gedruckt worden wäre, hätte sich Sterchi nicht mit Blösch profiliert.

Assoziation:

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