Romankritik: Schmidt, von Louis Begley (1996, engl. About Schmidt, Teil 1 von 3 der Reihe) – 6 Sterne – mit Video

Im ersten Teil passiert wenig: Hauptfigur Schmidt grübelt langwierig über Kindheit und Ehe-Vergangenheit und über eine juristisch-fiskalisch komplizierte Erbregelung. Es zieht sich.

Gelegentlich gibt’s affektierte Fremdwörter, dazu Italienisch und Französisch unübersetzt („tiers incommode“). Und was der zähe Gedankenstrom längst nahelegte, äußert diese Figur dann explizit und bezeichnet sich als „single sixty-year-old codger with no dependents“*.

Genüsslich walzt Louis Begley (*1933, Vater von Adam Begley) Frauen- und Judenverachtendes aus („that circumcised prick“), dazu schmierigen Altherrensex:

she is available and is being used outside the marriage… He would pry open her legs. But she wanted him to be able to see. Before he had touched her, she raised her knees and her pelvis. She asked very softly, Are you ready, darling?… She moaned again: Yeah, now I really belong to you.

Seltenes Highlight:

Und trotzdem kommt Weglegen nicht infrage.

Highlight im ersten Teil ist das Gespräch zwischen Hauptfigur Albert Schmidt und einer Psychologin, der Mutter seines Schwiegersohns; sie lockt den verkniffenen Schmidt launig aus der Reserve – etwas unrealistisch filmi, aber schwungvoll. Auch manche Gedanken Schmidts über seine Mitmenschen haben was, sind aber zu gedehnt. Die Rückblenden überlagern das bisschen erzählte Jetztzeit.

Zwei alte Knacker:

Zwei alte Knacker um 60 haben brühheiße Affären mit blutjungen Frauen, die drängen sich sogar auf, jaja, sie stehen fast schon Schlange bei den Senioren. Das klingt wie eine demente Fantasie.

Dann eine Tochter, die möglichst viel erben will und aufgezeichnete Telefonate mit dem Vater der Schwiegermutter gibt, die dann mit dem Vater darüber diskutiert – realistisch?

Stilbruch:

On top dieser Stilbruch: Das erste Drittel berichtet ein personaler Erzähler in der dritten Person. Er steckt so tief in Kopf und Pimmel von Hauptfigur Albert Schmidt, dass man sich fragt, warum Louis Begley keinen Ich-Erzähler verwendet.

Der kommt dann aus heiterem Himmel: Plötzlich erfahren wir, dass Schmidt seit der Kindheit bis heute Tagebuch führt – und dann folgen Tagebuchauszüge. Das wirkt wie ein nachträglich angeklebter Einfall des Autors. Diese Auszüge hätten von Beginn an kommen müssen, um sich in den Roman einzufügen und nicht als Stilbruch herauszustechen. Dass die Tagebuchauszüge bald auf Nimmerwiedersehen verschwinden, macht es nicht besser.

Botschaft vom Rezendeppen:

Ich verlange keine sympathischen Romanfiguren. Das Personal in diesem Buch ist aber ungewöhnlich unangenehm (mit Ausnahme der selten auftauchenden und ebenfalls manipulativen Psychologin) und die Handlung mehrfach unrealistisch (das ist schlimmer). Dazu die vielen Rückblenden und der Altherrensex. Ich mochte die Bücher 2 und 3 der Schmidt-Reihe nicht mehr lesen; den Fortgang der Geschichte entnehme ich schmerzfrei der dt. Wikipedia.

Louis Begley beobachtet fein und die wenigen Dialoge sind klasse. Er kann schreiben. Aber das reicht hier nicht. Ich las das Buch vor Jahrzehnten schon einmal und jetzt mit Spannung erneut – ich wurde enttäuscht.

*Ich kenne nur das engl. Original und kann die Eindeutschung durch Christa Krüger nicht beurteilen.

Assoziation:

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