Romankritik: Selig & Boggs, von Christine Wunnicke (2013) – 5/10 Sterne

Christine Wunnicke erzählt mit verwirrenden Zeit- und Kulissenwechseln. Hubert Winkels in der SZ lobte, dass Wunnicke

von Nahaufnahme zu Nahaufnahm springt, mit aberwitzig frechen Schnitten ((zitiert aus Buecher.de, kein Werbelink)).

Ich fand Wunnickes Szenen-Hopping nur unübersichtlich. Gelegentlich springt sie über zwei Generationen hinweg zwischen Hauptfigur Boggs und dessen Großvater.

Nachdem ich hörte, dass Wunnicke ihre Manuskripte stark kürzt – eigentlich lobenswert -, mutmaßte ich, sie habe Selig & Boggs zu stark gekürzt, dabei auch Essentielles massakriert, und das Lektorat hat’s nicht gepeilt.

Umgekehrt geht’s auch zu geschwätzig. Einmal erzählt Wunnicke von der unwichtigen Frau des „Spielleiters“ Boggs im Zug und berichtet unwichtig:

Es gab Menschen, die von Delta nach Milford wollten, lernte May, von Moapa nach Kelso oder von Kelso nach Crucero. Meist waren es Herren auf Dienstreise, nur einmal ((…))

Ach so.

Wunnicke berichtet vor allem über Männer und über Geschäftliches. Frauen spielen zweite Geige, und Herzensangelegenheiten übergeht sie fast ganz.

Nichts zu lachen:

Ich entdeckte auch nichts Lustiges im Buch. Manchmal meint man, Wunnicke will ihre Geschichte als Stummfilm-Klamotte erzählen, aber es funktioniert nicht. Dann zitiert sie andere bekannte Dinge, u.a. Upton Sinclair und die Schlachthöfe in Chicago oder die Donner-Expedition 1846 – viele Jahrzehnte vor der Haupthandlung von Selig & Boggs.

Man fragt sich, warum man nicht gleich ein gutes Sachbuch über die Anfänge Hollywoods liest, denn Wunnickes nacherzählendes Romänchen bringt nichts Besonderes – keine gut erfundenen Dialoge zum Beispiel, kaum Psychologie. Es bringt nur Rätselraten, was historisch und was erfunden ist.

Diese Ungewissheit gilt auch für die drolligen, scheinbar zeitgenössischen Dokumente, die jedes Kapitel einleiten; vielleicht sind sie ja auch erfunden, Wunnicke erklärt sich nicht zu ihren Quellen.

Interessante Koinzidenz allerdings:

  • 2012 erschien Andrew E. Erish: Col. William N. Selig, the Man Who Invented Hollywood (Amazon-Werbelink)
  • 2013 erschien Christine Wunnicke: Selig & Boggs, Die Erfindung von Hollywood (Amazon-Werbelink)

Die Planwägen:

Auch wenn sie gelegentlich hübsch knorrig formuliert, liefert Christine Wunnicke sprachlich keine Knüller. So stieß ich mich an Ausdrücken wie Kameraoperator oder Operator, die Wägen (S. 52 des Berenberg-TB), die Planwägen (S. 56), Pensionistenanlagen, Vollblütler (sic, S. 65, besser Vollblüter).

Dazu kommen unschöne Wortstöße wie auf S. 25:

((…)) und dabei routinemäßig Gedanken las, las Colonel Selig ((…))

Und Wunderliches oder Falsches wie diese zwei vollständigen Sätze nacheinander (S. 14, sic):

Was weiß ich. Verdünn mir voller Schuhcreme und Idioten.

Oder hier (S. 112, sic):

((…)) sowohl einzeln aus auch ((…))

All das in einem Büchlein von nur 134 luftigen Seiten.

Die Münchner Süddeutsche Zeitung lobte den Hollywood-Roman der Münchnerin Christine Wunnicke gleich zweimal 2013 und 2021. Ansonsten erhält das Buch wenig Aufmerksamkeit bei Profi- und Hobbykritikern. Gebraucht ist es jedoch relativ teuer, m.E. ein Zeichen für Wertschätzung beim Publikum (oder sehr geringe Auflage?).

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