Lese-Eindruck Biografie: Heinrich Heine, Die Erfindung des europäischen Intellektuellen, von Rolf Hosfeld (2014)

Kulturjournalist und Heine-Doktorand Rolf Hosfeld (1948 – 2021)  interessiert sich vor allem für Weltgeschichte, Literaturgeschichte und Philosophie und weniger für Heinrich Heines Alltag und Mentalität. Ich konnte nur die erste Hälfte komplett lesen; dann wurde es mir zu wolkig, und ich habe die zweite Hälfte nur punktuell studiert.

Rolf Hosfeld plaudert teils munter dahin. Er setzt jedoch mächtig Kenntnisse voraus, etwa hier*:

Kontinentalsperre… sein Golgatha erleben… synkretistisch… ein umgekehrter Barbarossa ((2x))…  Etymologien seines Lebens… Karlsbader Beschlüsse… anakreontischen Geist… ein prophetischer Synkretismus der Freiheit wie die Sederfeier… die Idiosnykrasien… die erleuchtende Peripetie einer antiken Krisis-Vita…

Und manchmal klingt er unnötig verspielt, plustert sich feuilletonistisch auf:

…ihn zu einem kraft- und ortlosen Zivilisationsliteraten herabzumendeln versuchte… Der Napoleon-Kultus hatte bei Heine aber auch, worauf Strodtmann zuerst hinwies, die Funktion einer Verwandlung der blauen Blume der Romantik ins Realgeschichtliche… die Idee einer geistigen Translatio Imperii… kryptopolitische Romanzen ((S. 113 etc.))… das Foxhunting… die Nobility…

Und auch feuilletonisch verspielte Überschriften erleichtern in einer Biografie nicht die zeitliche Orientierung, z.B. aufeinanderfolgend die nichtssagenden Überschriften „Ich bin viele“, S. 111, „Ungleichzeitigkeiten“, S. 131, „Die Seele und das Meer“, S. 153 und gegen Ende hintereinander „Die Eule der Minerva“, S. 405, „Mosis Anathemen“, S. 421, und „Enfant perdu“, S. 431. Jahreszahlen gibt’s auch nicht, weder zu den Überschriften noch als lebende Kolumnentitel. Zumindest die Überschriften als Kolumnentitel wären hilfreich, sie fehlen aber. Immerhin liefert Hosfeld eine zweiseitige, dicht gedruckte Zeittafel.

Manche Formulierung schien mir ungut bis falsch, etwa die „epileptischen Neigungen“ (m.E. nicht dasselbe wie Neigung zu epileptischen Anfällen) oder auch auf S. 83:

Er war vierzehn Jahre jünger als Rahel, als sie 1814 heirateten.

Später dann nicht mehr? Anderes klingt widersprüchlich:

  1. ((S. 83)): „Karl August Varnhagen von Ense, 1819 wegen seiner liberalen Gesinnung aus dem preußischen Staatsdienst entlassen…“
  2. ((S. 85)): „Wegen seiner liberalen Ansichten resignierte er als Diplomat…“

Hosfelds gespreiztes Formulieren ließe sich konterkarieren durch viele deftige Heine-Zitate einschließlich brieflicher Tiraden. Hosfeld kredenzt zwar mal Heines „patente Pomadehengste“; doch weit ausführlicher zitiert Hosfeld Heines zart gebrochene Lyrik, denn Text-Exegese und Philosophie ist Hosfeld wichtig, auch der Abgleich mit Schelling, Hegel, Schlegel, Kind und Kegel (S. 100, 118, kursiviert wie im Buch):

Heine denkt im Grunde genommen mitten in der Achsenzeit des aufstrebenden Nationalismus bereits postnational… Sowohl die Briefe aus Berlin als auch das Memoire Über Polen enden – gewissermaßen als offene Kunstwerke – mit der Aussicht auf ein unvollendetes Präsens.

Das Studium der Heine-Texte und „Heines Beziehung zum Saint-Simonismus“ (mehrseitig diskutiert) reizt Hosfeld weit mehr als Heines Leben, zu diesem verweist er manchmal auf andere Sekundärliteratur, einiges bleibt dem Neuling dann unklar:

Es war, wie Michael Werner gezeigt hat, wohl diese ziellose Inaktivität, die ihm bei dem Versuch, sich als Advokat zu etablieren, im Wege stand.

(Die Endnote zu diesem Satz liefert in diesem Fall keine erhellenden Fakten, nur den Quellenhinweis.)

Ausstattung:

Die Endnoten enthalten überwiegend nur Quellenhinweise, gelegentlich auch inhaltliche Vertiefungen, die besser direkt beim Lauftext stehen. Laut Nachwort wurden „fremdsprachige Zitate… ins Deutsche übersetzt“ – gemeint sind offenbar Heine-Zitate; diese  Eindeutschung hat Vor- und Nachteile, am besten vernimmt man wohl Original und Übersetzung.

Das Buch streut einige Abbildungen direkt in den Lauftext, liefert jedoch keinen Stammbaum, keine Landkarten, kein Lesebändchen.

*ich hatte das Hardcover aus dem Siedler-Verlag, 1. Auflage 2014

Vergleich der Heine-Biografien von Christian Liedtke, Hauschild/Werner und Rolf Hosfeld:

Obwohl viel kürzer, sagt Christian Liedtke am meisten über einflussreiche Lehrer in Heines Schulzeit und auch etwas mehr über Jung-Heines unglückliche Liebe zu seiner Cousine. Hauschild/Werner kümmern sich stärker als Liedtke um Politik und Soziales (vor allem in Frankreich), nur sie widmen jedem wichtigen Buch ein (oft kurzes) Unterkapitel, und sie besprechen zudem ausführlich Heines Stilmittel, auch gegenüber der Zensur.

Rolf Hosfeld hat das stärkste Augenmerk auf Weltgeschichte, Philosophie und Literaturgeschichte, interessiert sich weniger für Heines Alltag und Lebenspraxis.

Nur Hauschild/Werner analysieren in einem interessanten Exkurs Heines ersehntes „Dichter-Professor-Modell“ unter Ludwig I. in München, nur bei ihnen und mehr noch bei Hosfeld besucht er Prostituierte (S. 118, S. 263f) und hat Affären.  Bei Hauschild/Werner bekommt Heine für die Englandreise einen Scheck „über zweihundert Pfund“ (S. 115), bei Liedtke dagegen „vermutlich… vierhundert Pfund“ (S. 86).

Liedtke schreibt eingängiger, klarer; die Sprache von Hauschild/Werner klingt im Deutschland-Teil wunderlich, wenn auch meist noch nicht abstoßend germanistisch; Hosfeld plaudert elegant feuilletonistisch, teils verstiegen oder komplizierte Begriffe voraussetzend.

Liedtke und Hosfeld haben einige Bilder auf Lauftext-Seiten, meine Hauschild/Werner-TB-Ausgabe* zeigt Bilder nur auf dem Umschlag. Alle Bücher liefern am Ende eine Zeittafel, bei Hauschild/Werner ausführlicher als bei Liedtke. Er und Hauschild/Werner liefern einen Block mit Zitaten verschiedener Berühmtheiten über Heine.

Liedtke und Hosfeld verwenden hochgestellte Ziffern für viele Quellenbelege in den Endnoten, Hauschild/Werner verzichten auf die hochgestellten Ziffern; das erschwert die Zuordnung der Endnoten zu Zitaten, ergibt aber ein ruhigeres Bild im Lauftext (mir sind hochgestellte Ziffern weit lieber).

*Ich hatte die lt. Impressum „korrigierte Ausgabe“ als Ullstein-TB von 1999.

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