Buchkritik: Stimmen, von Wolfgang Herrndorf (2018) – 7 Sterne

Bei Wolfgang Herrndorf stimmt jeder Ton, er hat viel Sinn für Sprache, und zwar nüchterne, unprätenziöse Sprache, entschlackt, provozierend lakonisch. Kein Wort klingt falsch, nicht mal langweilig.

Das Bändchen Stimmen enthält kurze Texte, die Wolfgang Herrndorf (1965 – 2013) vor seinem Tod nicht mit „unbesehen löschen“ stempelte oder selbst vernichtete. Die Herausgeber bringen laut Nachwort

…nur Stücke, die für sich lesbar und von literarischem Wert sind… keine Fragmente, Entwürfe, unfertige Dinge

Das Ding von „Michel“ in „Kairo“ klingt aber doch sehr unübersichtlich und lektoratsbedürftig, ähnlich wie Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe.

Viel anderes ist mit drei bis fünf Seiten sehr kurz, scheinbar auch nicht ganz ausgearbeitet und unverbunden – so gesehen kein Lesevergnügen pur. Laut Herausgebern ist alles

lesbar und von literarischem Wert ((…)), eine heterogene, eine gute Mischung.

Naja.

Kindheit und Philosophie:

Teil 1 liefert kurze, drollige, stimmige Kindheitserinnerungen, meist ist Herrndorf in ein Mädel verliebt, bis er sich ent- und neu verliebt. Wir begegnen aber auch „Oliver Grmbrm (Name geändert)“.

Teil 2 enthält teils Party- und Ostberlin-Erinnerungen; hier redet ein schrulliger Stadthipster, der noch an der Spätadoleszenz laboriert.

Dem folgen in Teil 3 Gedanken zu Literatur und Philosophie, weiter im eigenwilligen Herrndorf-Sound, doch so etwas hält mich generell weniger bei Laune; er packt hier auch Weberknechte und Polanskifilme in halbseitige Kurzbetrachtungen. Die Geschichten aus Teil 1 und 2 fesseln mehr. Auch zu den Gedichten in Teil 5 meine ich: Sie haben vielleicht was, aber sie reißen nicht vom Hocker.

Teil 4 enthält ein Drehbuch zum Privatsender „Telekanal Medial“. Das ist seltsames Geschwafel und nicht unbedingt Herrndorfers übliche Sphäre. Vielleicht erfreut das Dramolett nur Trash-TV-Conoisseure. Abgebrochen.

Assoziationen:

  • Einige Kurzgeschichten aus Teil 2 erinnern an Herrndorfers Erzählungen-Band Diesseits des Van-Allen-Gürtels; aber die Geschichten im Stimmen-Band sind fragmentierter und kürzer.
  • Ebenfalls in Teil 2: Ostdeutschland-Spritztouren in entwendeten Autos erinnern an Herrndorfers Tschick.
  • Für mich gehört Herrndorf zu den Schriftstellern, die durch frühen Tod oder Zensur tragisch ausgebremst wurden, wie auch Heinrich Heine oder Erich Kästner.

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