Besprechung: Ein Haus in der Toskana, von Wolfgang Schmidbauer (1990, erw. 1995) – 7 Sterne

Rund 70 von rund 188 Seiten* füllt Wolfgang Schmidbauer mit Text-Portraits seiner Nachbarn in der Toskana – die Überschriften heißen „Gino und die Kühe“, „Consilio und Maria“ oder „Dario der Hirte“, alle jeweils rund sechs bis acht Seiten lang, fast wie ein feststehendes Zeitschriftenformat.

Portraits und Beschauliches:

Dazu kommen lyrische Betrachtungen, an denen ich teilweise abglitt, mit Überschriften wie „Die Lichter der Ebene“, „Ein hohler Baum“ oder „Zurück über den Apennin“. Womöglich ist das Nature Writing, ich brauche aber Dialog, Handlung, Konflikt, Human Interest, Interkultur.

Immerhin gibt es hier auch Abhandlungen über Veränderungen im Eisenwarenladen, über ein Dorffest, „Schlangengeschichten“ sowie „alle intimen Entleerungen und Reinigungen“. Dem folgt noch „Privatwildnis (Tagebuch)“ von 1985-86; hier stehen kurze Eindrücke – wie Entwürfe zu längeren Geschichten, teils Portraits, teils Betrachtungen zu Natur oder Wirtschaften.

Sehr gut gefiel mir die Portraitstrecke zu Beginn. Einige Bauern leben ärmlich, fast wie wilde Tiere. Viele sind gastfreundlich, kredenzen Wein, Käse, Öl, Dachs- und Kaninchenbraten aus eigener Produktion und werden dann zu Lieferanten. Wolfgang Schmidbauer berichtet aber auch von Unachtsamkeit und „gegenseitigen Verletzungen“; wiederholt fressen Ziegen, Kühe, Schafe anderer Bauern seinen Gemüsegarten auf.

Keine Expats:

Schmidbauer (*1944) schreibt weitgehend nur über die Italiener und berichtet wenig Interkulturelles. Meist stehen die Männer im Vordergrund, und auch über Schmidbauers mitgereiste Frau und Tochter erfahren wir nichts. Ich würde bei diesem Buch nicht von Autobiografie oder Memoiren sprechen.

Über andere Auswanderer schweigt Schmidbauer ebenfalls; in den 80ern lebten „mindestens 15“ Deutsche in seiner Gemeinde, und zweimal figuriert kurz „Maria, die Baronin, von Geburt Deutsche, aber seit 25 Jahren in Italien, mit einem Florentiner verheiratet“. Doch Schmidbauer interessiert sich nur für Italiener, für Natur, traditionelles Wirtschaften und einfaches Leben. (Wie Wolfgang Schmidbauer seine erste Frau Silke, die Toskana und sein Haus dort entdeckte, schreibt er sehr konkret im Buch Die Seele des Psychologen; es behandelt grob denselben Zeitraum wie Ein Haus in der Toskana.)

Guter Ton:

Schmidbauer formuliert ruhig und schlicht, gut lesbar und passend zum Thema: der Ton ist meilenweit entfernt von Maria-ihm-schmeckt’s nicht-Schenkelklopfern, ohne verkrampfte Pointen. Eine erste alte Manuskriptfassung nur auf Papier hatte Schmidbauer verloren, und das Neuschreiben mit mehr zeitlichem Abstand tat den Geschichten vermutlich gut; das meint auch Schmidbauer selbst im ersten Vorwort. Er überblickt im Buch gut 20 Jahre on and off in der Toskana.

Wie Schmidbauers Italienliebe aufkam, erfahren wir nur in seinem Buch Seele des Psychologen: Auf einer Studentenreise zu alten Kirchen sah er

Olivenbäume, Weinreben, Feigenbäume, das zarte Grün der Weizenfelder, die blauende ((sic)) Kulisse der Hügel und wollte nie mehr zurück.

Mucche und vacche:

Wolfgang Schmidbauer trauert teils der guten alten Zeit nach, als die Bauern noch nicht aus Bequemlichkeit in die Stadt zogen und der Eisenwarenladen jede Schraube, Mutter, jeden Haken und jede Dachrinne einzeln dahatte, aber auch Kalk und Fensterkitt; heute stehen dort „weiße und rote Plastikstühle…, stapelbar“. Bei solchen Betrachtungen bemerkt Schmidbauer wohl selbst seinen leicht sauertöpfischen Ton und fühlt sich „wie eine alte Schildkröte“.

Schön: Viele Ausdrücke und wörtliche Rede bringt Schmidbauer auf Italienisch und Deutsch, so lernt man bischero = Geigenwirbel, auch dummes Luder; palina = Niederwald; scapolo = Junggeselle; vacche = Zugkühe und mucche = Milchkühe. Nicht immer wusste ich, ob es Standarditalienisch oder Toskanisch ist. Manchmal klingt schon allein Schmidbauers Deutsch lehrreich, etwa die „in Nußbaum geschäftete Doppelflinte“, und in seinem bildstarken Deutsch flicht er unaufdringlich Mythen und Klassisches ein:

Ein bunter Zwerghahn stolzierte im Hintergrund, Gänse wackelten würdevoll an den Hunden vorbei, wie im Goldenen Zeitalter, als der Löwe neben dem Lamm schlief und sich die Menschen von Eicheln und wildem Honig nährten.

*Ich hatte die erweiterte rororo-TB-Ausgabe 1995 (Ersterscheinen 1990), sie zeigt auf dem Umschlag das Toskana-Haus eines Schmidbauer-Nachbarn – weitere Fotos gibt es nicht.

Assoziation:

  • Amore al dente / Only in Naples / The Mother-in-Law Cure, von Katherine Wilson (2016): Ebenfalls Italien-Memoiren, in ganz anderem Stil, aber auch mit viel Italienisch, von dem man nicht immer weiß, ob es Standard- oder Regionalsprache ist
  • Ruhige Betrachtungen über eigenwillige, teils archaische Landmänner, das erinnert an Gerhard Roths Der stille Ozean aus dem steirischen Schilcherland

Gemeinsamkeiten der vier Memoiren-Bände von Wolfgang Schmidbauer, Niederbayern, Ravenna, Seele, Toskana:

  1. Eine Kindheit in Niederbayern, 1987
  2. Mit dem Moped nach Ravenna, 1994 (Oberstufe, großteils in DE)
  3. Die Seele des Psychologen, 2016 (Berufseinstieg, Heirat, DE und IT)
  4. Ein Haus in der Toskana, 1990, erw. 1995

Schmidbauer schreibt in allen vier Bänden schlicht, klar, unaffektiert, bringt Dinge umstandslos auf den Punkt. Er schreibt in allen vier Bänden ganz im Hier und Jetzt, verzichtet zumeist auf Andeutungen, Vorahnungen, Entwicklungen, Parallelen zu späteren Lebensphasen, obwohl er beim Schreiben Jahrzehnte Abstand hatte.

Vielleicht ein Gegensatz zur klaren Sprache: In Moped-Ravenna psychoanalysiert Schmidbauer scheinbar sein pubertäres Ich, auch in Seele des Psychologen. Nichts dergleichen in Niederbayern und Toskana. Mutter und Bruder erscheinen generell knapp als Akteure, werden aber nicht analysiert (ein wenig Tiefgang über die Mutter in Moped-Ravenna und Seele des Psychologen).

Und: In Moped-Ravenna, Toskana und vor allem Seele des Psychologen rekurriert Schmidbauer gelegentlich auf Klassisches und Mythen („Kastor und Pollux, die Söhne des Zeus… Eteokles und Polyneikes, Ödipus‘ Söhne…“).

»Du hattest ja schon immer diese Liebe zum Romanischen«, sagt ein Freund in Seele des Psychologen, und Italienisches samt Sprache spielt in allen Büchern außer Niederbayern eine wichtige Rolle.

Andererseits: Schmidbauer berichtet aus dörflichem Nieder- und Oberbayern, bringt aber in der wörtlichen Rede keine Mundart (nur bei der Benennung von Bäuerlichem oder Körperteilen (Bipfi) und eine lange Ausnahme in Moped-Ravenna S. 110ff).

Für Niederbayern, Toskana und Moped-Ravenna gilt: Schmidbauer schreibt nicht ganz chronologisch, sondern sortiert den Inhalt nach Themen (Schule, Gottesdienst, Bekanntschaften). So entsteht kein Gefühl für den Fortgang der Zeit, man vermisst eine gliedernde Zeitachse. Dagegen ist Seele des Psychologen streng chronologisch, mit viel Dialog, ein ganz anderer Text.

Mehrfach beklagt Schmidbauer in Niederbayern, Toskana und Seele des Psychologen den Verlust handwerklicher Tradition, natürlicher Baustoffe und Nahrungsmittel, den Siegeszug des Plastiks und eine Welt, „in der eine Straße so viel mehr gilt als ein Baum“ – in Deutschland und Italien. Das „Wirtschaftswunder“-Buch Moped nach Ravenna hat dagegen keine Zivisilationskritik.

Auf Ausscheidungen verzichtet Schmidbauer nie („von einem höheren Buchenast herunterscheißen“).

Dagegen berichtet er in drei Büchern wenig über die jeweilige Frau in seinem Leben – seine Mutter in Niederbayern und Moped-Ravenna, die Freundin und spätere Frau in der Toskana. Sie, Silke, spielt jedoch eine Hauptrolle in Seele des Psychologen.

Manche Buch-Titelbilder stammen von Schmidbauer, doch innen in den Büchern gibt’s keine Fotos.

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