Besprechung: Schadenfreude, A Love Story, von Rebecca Schuman (2017) – 4 Sterne

Dies ist der Lebensweg einer US-Germanistin, kein Buch über Amis und Deutsche in Deutschland. Die US-Amerikanerin Rebecca Schuman hat eine (S. 212*)

all-consuming love for the German canon… A reverence that hovered somewhere between religious and sexual ecstasy

Zuerst verfällt sie Kafka („the German language’s most famous writer“), später auch Thomas Mann, Wittgenstein und anderen Philosophen.

Doch bei ihren längeren Besuchen in Deutschland trifft Schuman nur wenige, und bizarre,  Deutsche, u.a. Ordnungsfanatiker („the Herrmann family shit-show“) und sehr grottige Berliner. Auf dieser Datenbasis referiert sie über die „Germans“ mit kühnen Verallgemeinerungen. Jahrelang am Stück gelebt hat sie nie im Deutschsprachigen.

Schuman überblickt rund 20 Jahre Deutsch(land)-Faszination, doch sie berichtet gutteils aus ihren frühen Studientagen in Ost-Berlin in den Mitt-Neunzigern – sie haust mit etwa 19 in völlig abgerockten Buden. Dazu gibt es lange öde Kapitel über die High School in Oregon, Jobben in New York, Backpacken in Prag und Akademisches in Ohio.

Gefühlt spielt mindestens die Hälfte des Buchs in den USA. Ein Kapitel über Wien wurde rausgekürzt, wie das Nachwort verrät, keine gute Entscheidung.

Vierbuchstabiges:

Schuman schreibt extrem weitschweifig bis logorrhoisch, und sie würzt ihr Narrativ scharf mit vierbuchstabigem Unflat, nicht nur in der wörtlichen Rede, auch im Erzähltext. Ein Beispiel von S. 143:

What the fuck was I going to do out there?

Eine überflüssige rhetorische Frage mit einer überflüssigen Vulgarität darin, einer von sehr vielen. Dazu kommen primitive Anzüglichkeiten, etwa beim Heimwerken (kursiviert wie im Buch):

Bohrer means, literally, „screwer“ (heh).

„Verkehr“ übersetzt sie unentwegt triefend mit „intercourse“ (nicht mit „traffic“), und „Schriftverkehr“ sei „textual intercourse“. Man wundert sich, dass sie das deutsche Wort „dick“ ohne weitere Sabberei verarbeitet und nicht noch mit ihrem Nachnamen spielt. Und wundert sich noch mehr, dass die Dame als „Dissertation Coach“ auftritt.

Personality:

In Liebesdingen wie auf dem akademischen Jobmarkt beschreibt sich Schuman immer wieder zu persönlich und als (selbstironisch?) reichlich hysterisch. Kein Wunder, dass sie bei einem Uni-Job-Interview als „having a personality“ durchfällt (S. 260).

Zudem schwafelt Schuman zu viel Banales, von ihren trostlosen One-Night-Stands, von einer „urinary tract infection, thanks to a stupid vanilla flavored condom“, von ihrer Lungenentzüdung oder von „the tattoo I’d gotten at a dingy parlor“.

Sie erspart dem Leser nichts. Aber das Tattoo zeigt ein „K.“ Für Kafka.

Etwas gemäßigter klingt Schuman erst im vorletzten Achtel über ihr Doktorandenstudium in Irvine, Kalifornien („there were no dive bars“); da ist sie Ende 20 („grown-up now“) und hat zuvor lange in New York gelebt.

Goethe’s skull:

Bücher übers Auswandern oder Interkulturelles sind oft gescheiterte Schenkelklopfer, aber Schuman ist vielleicht noch schlechter. Zudem bricht ihr Deutschlandbericht aus dem Ostberliner „Loftschloss“ (sic) ab, ohne dass wir erfahren, was aus ihrem deutschen Freund Johannes wurde, „the most easygoing resident“. Das Nachwort erwähnt „photo albums to provide a richness of embarrassments“ – zu sehen gibt es davon nichts, wohl zu peinlich.

Ganz gelegentlich mixt Schuman unterhaltsam Englisch und Deutsch, wie hier auf S. 155, kursiviert wie im Buch:

I nervously Guten Tag‘d the blue overall-clad auto workers

Später erzählt sie ausführlich und falsch (S. 175f), Friedrich Schiller habe „Goethe’s skull“ gehortet – im Nachwort erscheint die Geschichte dann richtig, und Schuman korrigiert ihren „Schädel-gate“ selbst online: „The internet went nuts“. Der Fehler soll auch in der TB-Ausgabe behoben worden sein. Zudem schreibt sie Otto Dix‘ Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden falsch („Sylvia Hardin“, S. 212).

Und das Lektorat schaut zu – mit „Schadenfreude“?

*Flatiron-Hardcover 2017, first edition, Englisch

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