Buchbesprechung: Aus dem Leben eines Lohnschreibers, von Joseph von Westphalen (2008) – 6 Sterne

„Lohnschreiber“ sind manchmal auch „Zeilenschinder“: Joseph von Westphalen (*1945) quasselt und quasselt hier, von Hölzchen auf Stöckchen, schmückt aus, schiebt ein, imaginiert, reminisziert, selbstgefällig, geschwätzig, ja logorrhoisch kommt und kommt er nicht zum Ende. Hat man eine Geschichte endlich durch, stehen ganz am Buchende noch mal  separate Anmerkungen dazu – mehrfach mit dem Hinweis, dass die Geschichte „um einiges kürzer“ (S. 238) schon woanders erschien (soviel zur Verlagswerbung „Zehn neue Geschichten“) und mit der Anmerkung, „ich muss hier nicht weitere Anmerkungen anfügen“ (S. 247), um sogleich (sicher ironisch) eine weitere Seite anzumerken.

Und einiges aus diesem vermeintlichen Lohnschreiberleben ist halb erfunden: von Westphalen gliedert seine Geschichten in „halb wahr“, „fast wahr“ und „ganz wahr“. Sehr enttäuschend, will man Wahres aus den Medien erfahren. Einen Teil seiner Geschichten hat der Autor also ausgeschmückt.

Die „halbwahren“ Geschichten sind voll heißer Weiber und unrealistischer Räuberpistolen, handeln teils nicht von Publizistik, sondern von Eröffnungsreden für Fabrikgebäude, von Sparkassenslogans oder geklauten Laptops.

Doch selbst bei vermeintlich „ganz wahren“ Anekdoten lässt von Westphalen lieber seiner Phantasie freien Lauf, als ernsthaft zu berichten: Eine deutsche Literatengruppe in Shanghai wird vom chinesischen Fernsehen gefilmt. Statt aber in der Hotelglotze zu verfolgen, wie die Chinesen ihn im TV zeigen, phantasiert von Westphalen großherrlich (S. 150):

Ich habe diese allabendlichen Berichte über den Tag der deutschen Verfasser im Schanghaier Stadtfernsehen nie gesehen, kann sie mir aber vorstellen: Vermutlich sieht man aus wie ein von Leni Riefenstahl von unten gefilmter Hitlerjunge, der ((…))

Wohlfeil selbstgefällige Spekulation statt interessanter Sachbericht, so wird das nichts mit der Lohnschreiberei (findet Ohnelohnschreiber Hans D.B.), aber vielleicht bringt ja solch nichts sagendes Zeilenschinden tatsächlich mehr Zeilen, mehr Seiten und je nach Honorarmodell mehr Euros.

Was wir immerhin erfahren (wenn’s denn mehr als „halb wahr“ ist):

  • Redakteure ändern von Westphalens Texte wild entstellend oder verlangen entstellende Änderungen.
  • Redakteure verstehen von Westphalens Ironie nicht (ich auch nicht).
  • Selbst ein bestellter, aber nicht gedruckter Text bringt ein hübsches Ausfallhonorar (und kann dann ja wohl weiter verwertet werden).
  • Joseph von Westphalen präferiert den südländischen Frauenphänotyp, behelfsweise den deutschen, sofern er in engem buntem Leder steckt.
  • Und: Der scheinbar so grimmige Allesankläffer Joseph von Westphalen wird handzahm und schüchtern, wo er entschlossen nach dem ausgelobten Honorar fragen sollte.

Gelegentlich habe ich mich tatsächlich doch amüsiert, vor allem in den kursiviert eingebetteten,  ursprünglichen Artikeln, so bei „Göttin Tuğba“ und beim verführerischen Hummer-Gelage. Dazu „Schnittlauchhaare und Ofenrohrbeine“ der „Werbefrauen“ – jedes un-woke Herumprollen ist unfiltriertes Olivenöl auf meine wunde Männchenseele. Und von Westphalen, selbsterklärten „Liebhaber der Verständlichkeit“ (S. 47), liest man glatt runter, die 240 Seiten vergehen im Flug, trotz Weitschweiferei.

Andererseits sah ich mehrfach kaputten Satzbau (u.a. S. 246f letzter Satz, ab „Interessant waren…“) und auch Fehler wie „Aversion vor“ (sic, S. 87), „Zughörern… Zuhörern“ (sic, S. 235), „Hölderin“ (sic, S. 41), „Spießergattinnen und gatten“ (sic, S. 52), „die Ablauf der Dinge“ (sic, S. 242).

Assoziation:

  • Ehepaare, die zusammenbleiben, auch wenn beide Partner zeitweise fremdgehen, und Ehemänner beim Be Nachsteigen anderer Frauen gibt’s auch bei John Updike; beide Autoren belieferten mal den Playboy, besingen „Freud und Leid der Polygamie“ (JvW)
  • Zwei Assoziationen zur o.e. Shanghai-Geschichte: Auch Bodo Kirchhoff schrieb über etwas, das er sich nur ausmalte, statt teilzunehmen (über eine Kreuzfahrt; sein Buch bei Amazon; Werbelink); die Städtetrips der schreibenden „Weekenders“
  • Von Westphalen erwähnt ein Gespräch mit Alexander Gorkow; den kann ich auch nicht länger lesen, weder in der SZ noch im Roman

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