Kritik Sachbuch: Menschwerdung eines Affen, von Heike Behrend (2020) – 6 Sterne

Heike Behrend mischt immer wieder drei unterschiedliche Dinge:

  • Allgemeine Theorie und Praxis der Ethnologenzunft, mit wissenschaftlichen Belegen und Fremdwörtern (z.B. ausführlich „das Motiv des Seelenklaus oder des Verlusts des Schattens“ oder „der akademische Affe als liminale Figur“)
  • Ihre Forschungsergebnisse bei ethnologischen Aufenthalten in Kenia und Uganda – zunächst allgemein Soziales, dann Kannibalismus und Katholizismus, zuletzt Fotografie der Afrikaner
  • die teils kuriosen Reaktionen der erforschten Afrikaner auf ihre Erforscherin; im ersten Buchdrittel (in Kenias Tugenbergen) galt sie ihnen zunächst als „Affe“, später als „Spion“ oder „Kannibale“ (S. 238 etc.). (Ich kann’s kaum glauben, dass die (lt. Buch) linke Berliner Adorno-Rezipientin, Alt-68erin und Kinderladen-Befürworterin Heike Behrend „Affe“, „Spion“ und „Kannibale“ nicht gendert – vielleicht weil die Wörter negativ gemeint sind?)

Aufbau:

Die drei Stränge vermischen sich teils unübersichtlich in dem hochgelobten Sachbuch, mir fehlt im ersten Teil der Fokus. Da Heike Behrend (*1947) nicht nur thematisch öfter hin und her springt, sondern auch chronologisch, empfand ich das Buch nicht als „ethnografische Biografie“.

Und nach Themen wie Familie, Landwirtschaft, Glauben ist es auch nicht geordnet – sondern vage nach Forschungsregionen, zunächst Kenia, dann Uganda, zuletzt dann Fotografie der Afrikaner an Kenias Küste; diese Gebiete besucht Behrend immer wieder über lange Zeiträume. Kein Wunder, dass die Kapitel der einzelnen Teile nicht mit Zeitabschnitten oder Themen, sondern schlicht mit Nummern überschrieben sind.

Themen:

Im ersten Uganda-Teil redet Behrend viel über christliche und nicht-christliche Geistheilungen, teils mild amüsiert, im zweiten über Kannibalen mit Hexenkraft und katholisches Gegenfeuer. Sie diskutiert jedoch nie allgemein, wie viel örtlichem hirnverbrannten Schmarrn man Geld, Zeit und Ohr widmen sollte, und frau auch.

Behrends distanzierter Ton zieht sich durchs ganze Buch, man kommt weder der Autorin noch ihren Gesprächspartnern nah, zumal sie auch Gefahren und ihre eigene Bedeutung stets herunterspielt. Von ihrem Privatleben – den langen Abwesenheiten etc. – hört man nichts (nur dass Familienbesuche in Afrika ihre Stellung aufwerteten). So überrascht es sehr, dass Behrend dies Buch als „meine Autobiografie“ bezeichnet; später spricht sie jedoch von ihrem Bemühen (S. 249),

das „Auto“ in Autobiografie nicht stark zu machen, es eher in Abzug zu bringen.

Das ist ihr gelungen, auch wenn ich „in Abzug bringen“ nicht genau verstehe.

Afrika wird nie lebendig, und auch von Afrikanern hört man nichts Privates über Behrends Studieninteressen hinaus: So hat ein Fotograf in Nakuru „einige Jahre in Ostberlin“ studiert – doch ob und wie er Deutsch spricht, verschweigt die Autorin. Sie vermeidet streng jedes Reportageelement.

Und so zeigt Behrend auch keinerlei Fotos – weder von sich noch von anderen, nicht mal im Teil „Fotografische Praktiken an der ostafrikanischen Küste“; bei diesen Recherchen wurde sie wiederholt fotografiert, auch in ethnografischen Situationen. In wieder typisch Behrendscher, unpersönlicher Diktion:

Ich entschied mich für den Entzug der Fotos ((…))

Vielleicht gibt es kein zweites so bilderloses ethno- und biografisches Buch wie dieses (ihr früheres Buch Contesting Visibility zeige zwei Fotos von ihr, versichert Behrend). Landkarten fehlen auch komplett (bezogen auf mein kostenloses digitales Netgalley-Exemplar, gelesen in der Netgalley-App).

Sprache:

Und dann erklingt immer wieder, in allen Strängen, die gelehrte Sprache, alles unerklärt: „akephal“, „Akephalie“, „liminal“, „Lineage“, „die epistomologische Dimension“, „Alterität“, „Squatter“, „Witch-Doctor“, „Affiliation“, „metonymisch“ (ja, ich weiß auch, dass ich so was googeln kann).

Von den Fremdwörtern abgesehen klingt die Sprache betont fad. U.a. steht in Kap. 12 von Teil 1 zweimal in einem Absatz „auch sie mussten“; es folgen unschöne Formulierungen wie „er auferstand wie Jesus“ oder „unhintergehbar“.

Auf S. 77 gibt es „die Fotos, die ich von ihnen genommen hatte“ (gemeint ist „aufgenommen“, „fotografiert“, nicht „mitgenommen“). Es klingt wie wörtlich übersetztes Englisch („to take a photo“) und andernorts zudem wie unreflektiert verwendetes Akademisch, zu wörtlich aus dem Englischen übersetzt, und das immer wieder im Buch, auch bei Fremdwörtern wie „das Einzigartige, Idiosynkratische des Indivudums“, „Paraphernalien für die Divination“, „pagane Medien“, „im ikonoklastischen Akt“, „Audition“ (wohl eine Vision zum Hören), „mimetische Antworten“, „Konsumption fotografischer Bilder“, „Opazität der Transparenz“, „Extension“, „automatische Inskription“.

Ich verstehe nicht, wie ein Lektorat so etwas durchlässt und wie so etwas Lob und Preis erntet. Jedoch keine Tippfehler.

Freie Assoziation:

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