Buchkritik: Die Seele des Psychologen, von Wolfgang Schmidbauer (1994) – 7 Sterne

Wolfgang Schmidbauer (*1944) schreibt unaffektiert bildhaft. Etwa:

Mir fehlte die Begabung meines Bruders. Er konnte aus einem Gewimmel von Widerständen, Kondensatoren und Röhren ein funktionierendes Radio bauen.

„Autobiografisch“ oder „autofiktional“ dürfen m.E. nur Wolfgang Schmidbauer und John Updike schreiben, bei anderen wird’s Geseiche. Auch Dativ-e ist kein Thema („im Land“). Affektiert klingt Schmidbauer jedoch eventuell bei den vielen Bezügen auf klassische Literatur und Mythen.

Außerdem hat Silke zu dicke Beine. Sie wusste das auch selber.

Im ersten Buchteil findet Schmidbauer seine erste Frau Silke, die Toskana und ein Haus dort. Schmidbauer beschreibt die Annäherung mit der Studentin Silke nachvollziehbar und stellt sich selbst keinesfalls ins beste Licht:

meine gnadenlose Besserwisserei… hätte ich Silke weniger selbstbezogen geliebt…

Nach 100 von 218 Seiten bricht Silkes psychische Erkrankung deutlich aus, sie wird sehr irrational, suizidal, auch Silkes eigenwillige Mutter agiert. Das Paar befindet sich nun teils in Italien, öfter in Bayern. Zwischendurch beschreibt Schmidbauer seinenen beruflichen Aufstieg und haut nebenbei seinen Mentor Günter Ammon und andere Seelenheiler in die Pfanne (viel Allgemeines über Italien sagt Schmidbauer im seinem Buch Ein Haus in der Toskana).

Zwischen gelegentlich guten Zeiten muss Schmidbauer im zweiten Buchteil immer wieder die ausflippende Silke und deren Mutter bemuttern und analysieren:

Hatte Frigga Silke unbewusst den Tod gewünscht? Kompensatorische Overprotection? Silke die böse Prinzessin, Unterpfand der großen, letzten, todbringenden Liebe ihrer Mutter?

Auch sich selbst erforscht der Autor:

ich brauchte eine neue Lebenslüge… ich durchlitt die Spannung des Eitlen, der Linderung von Schwächen ersehnt, die einzugestehen sein Stolz ihn hindert.

Ich konnte das nicht immer Satz für Satz lesen. Der erste Teil mit dem Entdecken von Silke, Toskana und Toskana-Haus hatte mir gut gefallen.

Gemeinsamkeiten der vier Memoiren-Bände von Wolfgang Schmidbauer – Niederbayern, Ravenna, Seele, Toskana:

  1. Eine Kindheit in Niederbayern, 1987
  2. Mit dem Moped nach Ravenna, 1994 (Oberstufe, großteils in DE)
  3. Die Seele des Psychologen, 2016 (Berufseinstieg, Heirat, DE und IT)
  4. Ein Haus in der Toskana, 1990, erw. 1995

Schmidbauer schreibt in allen vier Bänden schlicht, klar, unaffektiert, bringt Dinge umstandslos auf den Punkt. Er schreibt in allen vier Bänden ganz im Hier und Jetzt, verzichtet zumeist auf Andeutungen, Vorahnungen, Entwicklungen, Parallelen zu späteren Lebensphasen, obwohl er beim Schreiben Jahrzehnte Abstand hatte.

Vielleicht ein Gegensatz zur klaren Sprache: In Moped-Ravenna psychoanalysiert Schmidbauer scheinbar sein pubertäres Ich, auch in Seele des Psychologen. Nichts dergleichen in Niederbayern und Toskana. Mutter und Bruder erscheinen generell knapp als Akteure, werden aber nicht analysiert (ein wenig Tiefgang über die Mutter in Moped-Ravenna und Seele des Psychologen).

Und: In Moped-Ravenna, Toskana und vor allem Seele des Psychologen rekurriert Schmidbauer gelegentlich auf Klassisches und Mythen („Kastor und Pollux, die Söhne des Zeus… Eteokles und Polyneikes, Ödipus‘ Söhne…“).

»Du hattest ja schon immer diese Liebe zum Romanischen«, sagt ein Freund in Seele des Psychologen, und Italienisches samt Sprache spielt in allen Büchern außer Niederbayern eine wichtige Rolle.

Andererseits: Schmidbauer berichtet aus dörflichem Nieder- und Oberbayern, bringt aber in der wörtlichen Rede keine Mundart (nur bei der Benennung von Bäuerlichem oder Körperteilen (Bipfi) und eine lange Ausnahme in Moped-Ravenna S. 110ff).

Für Niederbayern, Toskana und Moped-Ravenna gilt: Schmidbauer schreibt nicht ganz chronologisch, sondern sortiert den Inhalt nach Themen (Schule, Gottesdienst, Bekanntschaften). So entsteht kein Gefühl für den Fortgang der Zeit, man vermisst eine gliedernde Zeitachse. Dagegen ist Seele des Psychologen streng chronologisch, mit viel Dialog, ein ganz anderer Text.

Mehrfach beklagt Schmidbauer in Niederbayern, Toskana und Seele des Psychologen den Verlust handwerklicher Tradition, natürlicher Baustoffe und Nahrungsmittel, den Siegeszug des Plastiks und eine Welt, „in der eine Straße so viel mehr gilt als ein Baum“ – in Deutschland und Italien. Das „Wirtschaftswunder“-Buch Moped nach Ravenna hat dagegen keine Zivisilationskritik.

Auf Ausscheidungen verzichtet Schmidbauer nie („von einem höheren Buchenast herunterscheißen“).

Dagegen berichtet er in drei Büchern wenig über die jeweilige Frau in seinem Leben – seine Mutter in Niederbayern und Moped-Ravenna, die Freundin und spätere Frau in der Toskana. Sie, Silke, spielt jedoch eine Hauptrolle in Seele des Psychologen.

Manche Buch-Titelbilder stammen von Schmidbauer, doch innen in den Büchern gibt’s keine Fotos.

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