Buchkritik: Mit dem Moped nach Ravenna, von Wolfgang Schmidbauer (1994) – 7 Sterne

Dieses Pubertier dampft, tropft, mieft. Schonungslos psychoanalysiert Wolfgang Schmidbauer sein Jungmann-Ich, mit viel Bipfi, Onanie, fernem Schmachten, Frauenfantasien, Verwirrung, Straßendirne, Führerscheinprüfung, katholischen Konflikten, Jungsrivalität, Fiesheit und Geltungssucht sowie stürmischem Drang zu „Kunst…, zu der ich unverfroren meine Gedichte rechnete“. Ergüsse triefen saft- und versförmig.

Schmidbauer beschreibt sich äußerst unschmeichelhaft, ist aber womöglich realistisch. „Sehnsucht, Weltschmerz“ hieß die Befindlichkeit laut Schmidbauer einst, und ich glaube, heute würde man von teenage ängst reden. Ich fand’s packend und erinnere mich an keine ähnlich durchdringende Schilderung, weder als Belletristik noch Biografie.

Nach Ravenna nur kurz:

Der titelgebende Moped-Trip nach Ravenna und eine weitere Moped-Italientour erhalten nur ein kurzes, schlechtes Kapitel – ausgerechnet das erste Kapitel, das falsche Erwartungen weckt und mich fast zum Abbruch brachte. Man staunt vor allem über den lieblosen Umgang der zwei Schmidbauer-Brüder und über Schmidbauers wie immer eindrucksvolle Detailkenntnisse, hier Mopedpflege und -komponenten, akkurat zelebriert („Schwungradlichtmagnetzündung… Drosselklappe“).

Dieses Ravenna-Kapitel – offenbar geschrieben in Schmidbauers Toskana-Haus – wirkt fast wie ein Fremdkörper: es zeigt seltsame Sprünge mitten im Absatz, und fällt gegen die weiteren Buchteile ab. „Mit dem Moped nach Ravenna“ ist sicher ein toller Buchtitel, aber er passt nicht zu diesem Buch.

Auch das „Wirtschaftswunder“, von dem die Buchwerbung redet, findet innen auf den Seiten nicht statt. Just in diesem Buch übt Schmidbauer viel weniger Konsumkritik als in den Bänden Niederbayern und Toskana (auch wenn Schmidbauer tolle Detailkenntnisse über Moped- und Fotoprodukte ausrollt).

Im eigenen Saft:

Eine wirkliche Chronologie kommt nicht ins Buch, man fühlt sich etwas orientierungslos, Schmidbauer nennt nie sein Alter oder Geburtstage. Er lebt mit Mutter und älterem Bruder zusammen, berichtet aber nur knapp ihre Handlungen und kaum Hintergründiges (eine halbe Seite Hintergrund über die Mutter). Er kocht hitzig im eigenen Saft.

Schmidbauers wiederkehrender Bezug auf klassische Literatur und Sagen wird hier knapp thematisiert:

Ich kannte viele Geschichten, hatte die Legenda aurea und die Bibel, die antiken Mythen und die Epen von Vergil… im Kopf

Warum er das aber als Teenager las, sagt Schmidbauer nirgends. Dass seine Mutter Ähnlichen Stoff goutierte, auch erst ein Buch später.

Freie Assoziation:

Gemeinsamkeiten der vier Memoiren-Bände von Wolfgang Schmidbauer – Niederbayern, Ravenna, Seele, Toskana:

  1. Eine Kindheit in Niederbayern, 1987
  2. Mit dem Moped nach Ravenna, 1994 (Oberstufe, großteils in DE)
  3. Die Seele des Psychologen, 2016 (Berufseinstieg, Heirat, DE und IT)
  4. Ein Haus in der Toskana, 1990, erw. 1995

Schmidbauer schreibt in allen vier Bänden schlicht, klar, unaffektiert, bringt Dinge umstandslos auf den Punkt. Er schreibt in allen vier Bänden ganz im Hier und Jetzt, verzichtet zumeist auf Andeutungen, Vorahnungen, Entwicklungen, Parallelen zu späteren Lebensphasen, obwohl er beim Schreiben Jahrzehnte Abstand hatte.

Vielleicht ein Gegensatz zur klaren Sprache: In Moped-Ravenna psychoanalysiert Schmidbauer scheinbar sein pubertäres Ich, auch in Seele des Psychologen. Nichts dergleichen in Niederbayern und Toskana. Mutter und Bruder erscheinen generell knapp als Akteure, werden aber nicht analysiert (ein wenig Tiefgang über die Mutter in Moped-Ravenna und Seele des Psychologen).

Und: In Moped-Ravenna, Toskana und vor allem Seele des Psychologen rekurriert Schmidbauer gelegentlich auf Klassisches und Mythen („Kastor und Pollux, die Söhne des Zeus… Eteokles und Polyneikes, Ödipus‘ Söhne…“).

»Du hattest ja schon immer diese Liebe zum Romanischen«, sagt ein Freund in Seele des Psychologen, und Italienisches samt Sprache spielt in allen Büchern außer Niederbayern eine wichtige Rolle.

Andererseits: Schmidbauer berichtet aus dörflichem Nieder- und Oberbayern, bringt aber in der wörtlichen Rede keine Mundart (nur bei der Benennung von Bäuerlichem oder Körperteilen (Bipfi) und eine lange Ausnahme in Moped-Ravenna S. 110ff).

Für Niederbayern, Toskana und Moped-Ravenna gilt: Schmidbauer schreibt nicht ganz chronologisch, sondern sortiert den Inhalt nach Themen (Schule, Gottesdienst, Bekanntschaften). So entsteht kein Gefühl für den Fortgang der Zeit, man vermisst eine gliedernde Zeitachse. Dagegen ist Seele des Psychologen streng chronologisch, mit viel Dialog, ein ganz anderer Text.

Mehrfach beklagt Schmidbauer in Niederbayern, Toskana und Seele des Psychologen den Verlust handwerklicher Tradition, natürlicher Baustoffe und Nahrungsmittel, den Siegeszug des Plastiks und eine Welt, „in der eine Straße so viel mehr gilt als ein Baum“ – in Deutschland und Italien. Das „Wirtschaftswunder“-Buch Moped nach Ravenna hat dagegen keine Zivisilationskritik.

Auf Ausscheidungen verzichtet Schmidbauer nie („von einem höheren Buchenast herunterscheißen“).

Dagegen berichtet er in drei Büchern wenig über die jeweilige Frau in seinem Leben – seine Mutter in Niederbayern und Moped-Ravenna, die Freundin und spätere Frau in der Toskana. Sie, Silke, spielt jedoch eine Hauptrolle in Seele des Psychologen.

Manche Buch-Titelbilder stammen von Schmidbauer, doch innen in den Büchern gibt’s keine Fotos.

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