Buchkritik: Eine Kindheit in Niederbayern, von Wolfgang Schmidbauer (1987) – 8 Sterne

In der ersten Hälfte beschreibt Wolfgang Schmidbauer frühe Kindheitsjahre gleich nach dem 2. Weltkrieg im niederbayerischen Weiler Deindorf, dann die weitere Kindheit in Passau mit ähnlicher Atmosphäre.

Schmidbauer liefert sehr genaue Eindrücke: die Rivalität unter Brüdern und unter den Dorfjungs, das Wirtschaften auf dem Hof, das schlichte Leben der bäuerlichen Großeltern väterlicherseits und (weniger detailliert) die bildungsbürgerlichen Großeltern mütterlicherseits. Allerdings sagt Wolfgang Schmidbauer fast nichts über die eine Konstante seiner Jugend, seine Mutter: Ihr Mann, Schmidbauers Vater, fiel 1944 im Krieg; sie zieht mit den Kindern erst zu den Schwiegereltern nach Deindorf, später zu den Eltern nach Passau, blieb allein.

Über die gebildete, eigenwillige, gestrenge, wohl oft etwas ungeduldige Frau würde man gern mehr hören; Schmidbauer schweigt, berichtet lieber vom Gebet der Deindorfer Großmutter und von den Fischen in Flüssen und Bächen. Auch der zwei Jahre ältere Bruder gerät im zweiten Teil aus dem Blick.

Unaufdringlich gut:

Wolfgang Schmidbauer (*1944) schreibt unaufdringlich gut, völlig unaffektiert. Jedes Pflänzchen, jeden alten Baustoff und jedes traditionelle Gerät benennt Schmidbauer präzise auf Deutsch („Pestwurz, Weide und Huflattich“). Er liefert viele markante Details („weiße Kniestrümpfe, die gleich am Knöchel Flecken von der Schuhcreme bekamen“). Die Atmosphäre beim Spielen am Bach oder beim Messnerdienst in der Kirche erzeugt er plastisch.

Schmidbauer beobachtet weitgehend wertfrei, nur gelegentlich mit Amüsement etwa beim Beichten. Er schreibt aus Kindersicht, ohne kindlich zu klingen. Schmidbauer verzichtet ganz auf Zukunftsahnungen, Hinweise auf seine weitere Entwicklung, das Buch steht fest im Hier und Jetzt.

Im Land der Baywa:

Doch im Nachwort schildert Schmidbauer eine Fahrt in sein Kindheitsdorf Jahrzehnte später. Da erbittert ihn die moderne Zeit mit Fernsehantennen und

die alten Sprossenfenster waren verschwunden, Einscheiben-Fertig-Isolierglas-Drehkipp-Produkte der Baywa hatten sie ersetzt.

Wolfgang Schmidbauer verzichtet auf Übergänge und Erklärungen. Weil er nicht chronologisch, sondern nach Themen wie Hofleben oder Schule sortiert, entsteht kein Gefühl für den Fortgang der Zeit – neben dem Verzicht auf die Vorstellung der Mutter eine weitere Schwäche des Buchs.

So weiß man teils kaum, ob Schmidbauer gerade über den Fünf- oder Fünfzehnjährigen berichtet. Am Schluss ist er definitiv 15, schweigt aber von Pubertärem (es erscheint im Nachfolgeband Moped nach Ravenna). Es gibt kaum Konflikte, außer ein paar Prügeleien mit Jungs. Auch Mundart bringt Schmidbauer nicht.

Gemeinsamkeiten der vier Memoiren-Bände von Wolfgang Schmidbauer – Niederbayern, Ravenna, Seele, Toskana:

  1. Eine Kindheit in Niederbayern, 1987
  2. Mit dem Moped nach Ravenna, 1994 (Oberstufe, großteils in DE)
  3. Die Seele des Psychologen, 2016 (Berufseinstieg, Heirat, DE und IT)
  4. Ein Haus in der Toskana, 1990, erw. 1995

Schmidbauer schreibt in allen vier Bänden schlicht, klar, unaffektiert, bringt Dinge umstandslos auf den Punkt. Er schreibt in allen vier Bänden ganz im Hier und Jetzt, verzichtet zumeist auf Andeutungen, Vorahnungen, Entwicklungen, Parallelen zu späteren Lebensphasen, obwohl er beim Schreiben Jahrzehnte Abstand hatte.

Vielleicht ein Gegensatz zur klaren Sprache: In Moped-Ravenna psychoanalysiert Schmidbauer scheinbar sein pubertäres Ich, auch in Seele des Psychologen ergründelt er sich. Nichts dergleichen in Niederbayern und Toskana. Mutter und Bruder erscheinen generell knapp als Akteure, werden aber nicht analysiert (ein wenig Tiefgang über die Mutter in Moped-Ravenna und Seele des Psychologen).

Und: In Moped-Ravenna, Toskana und vor allem Seele des Psychologen rekurriert Schmidbauer gelegentlich auf Klassisches und Mythen („Kastor und Pollux, die Söhne des Zeus… Eteokles und Polyneikes, Ödipus‘ Söhne…“).

»Du hattest ja schon immer diese Liebe zum Romanischen«, sagt ein Freund in Seele des Psychologen, und Italienisches samt Sprache spielt in allen Büchern außer Niederbayern eine wichtige Rolle.

Andererseits: Schmidbauer berichtet aus dörflichem Nieder- und Oberbayern, bringt aber in der wörtlichen Rede keine Mundart (nur bei der Benennung von Bäuerlichem oder Körperteilen (Bipfi) und eine lange Ausnahme in Moped-Ravenna S. 110ff).

Für Niederbayern, Toskana und Moped-Ravenna gilt: Schmidbauer schreibt nicht ganz chronologisch, sondern sortiert den Inhalt nach Themen (Schule, Gottesdienst, Bekanntschaften). So entsteht kein Gefühl für den Fortgang der Zeit, man vermisst eine gliedernde Zeitachse. Dagegen ist Seele des Psychologen streng chronologisch, mit viel Dialog, ein ganz anderer Text.

Mehrfach beklagt Schmidbauer in Niederbayern, Toskana und Seele des Psychologen den Verlust handwerklicher Tradition, natürlicher Baustoffe und Nahrungsmittel, den Siegeszug des Plastiks und eine Welt, „in der eine Straße so viel mehr gilt als ein Baum“ – in Deutschland und Italien. Das „Wirtschaftswunder“-Buch Moped nach Ravenna hat dagegen keine Zivisilationskritik.

Auf Ausscheidungen verzichtet Schmidbauer nie („von einem höheren Buchenast herunterscheißen“).

Dagegen berichtet er in drei Büchern wenig über die jeweilige Frau in seinem Leben – seine Mutter in Niederbayern und Moped-Ravenna, die Freundin und spätere Frau in der Toskana. Sie, Silke, spielt jedoch eine Hauptrolle in Seele des Psychologen.

Manche Buch-Titelbilder stammen von Schmidbauer, doch innen in den Büchern gibt’s keine Fotos.

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