Buchkritik: Frau im Dunkeln, von Elena Ferrante (2006) – 6 Sterne

Das Buch spielt gutteils in einem süditalienischen Küstenort im Sommer, oft im Strandbad, es gibt eine neapolitanische Großfamilie – doch Italienità gibt es nicht. Eher zeigt der schmächtige Roman das wehleidige Kreiseln einer 47jährigen um sich selbst: sie mit ihren Kindern heute und einst, sie damals mit ihrer Mutter, sie mit Strandnachbarn (v.a. Mütter und Töchter), Psychogedöhns, drei Schwestern hat sie auch noch, wohl ein Frauending. Drum (?) geht’s auch um Schönheit, die Ich-Erzählerin ist

der festen Überzeugung, ich sei hässlich, ich dachte, meine Mutter ist schön und ich nicht.

Heulheul. In der Jetztzeit und in vielend langen Rückblenden bringt die Ich-Erzählerin, eine verbitterte Krampfhenne, immer neue Beispiele ihrer abstoßenden Kaltherzigkeit.

Verstööörend:

Schon auf der Rückseite des Suhrkamp-Hardcovers heißt es:

Plötzlich verdüstert sich das Idyll und die sonst so beherrschte Leda lässt sich zu einer unbegreiflichen Tat hinreißen…

Inklusive der drei Pünktchen. Ist so platte Dramatisierung erlaubt?

Und in der vorderen Innenklappe:

Irgendwann folgt sie einem Impuls, sie tut dem kleinen Mädchen und Familie etwas Verstörendes an.

Geht es bitte noch platter? Und wer die „unbegreifliche Tat“, das „Verstörende“ kennt, findet die Worte nicht sonderlich angenemessen, aber sicher recht werbewirksam. Schließlich geht es nur um eine dreckige, hysterisch vermisste Plastikpuppe.

Unflätige Wesen:

Die Übersetzung von Anja Nattefort klingt spröd, aber ich habe nicht mit dem Original verglichen und ich kenne generell keine begeisternden Übersetzungen. Es gibt seltsame Formulierungen wie „unflätiges Wesen“, „ambitionierte Herausforderungen“, „liebliche Grimasse“, „Pareo“; die im Text erwähnten Unterschiede zwischen grobem Dialekt, Neapolitanisch und Standard-Italienisch gehen im Deutschen natürlich verloren.

Das schmale Buch erschien schon 2006 als La figlia oscura, vor Ferrantes Genialer Freundin, und 2008 auf Englisch (The Lost Daughter). Wäre es ohne „die geniale Freundin“ von derselben Autorin je 2019 auf Deutsch wieder-veröffentlicht worden? Die Geschichte wurde 2021 in Griechenland mit US-Darstellern verfilmt (dazu IMDB).

Der „Roman“ umfasst bei Suhrkamp etwa 181 Seiten, davon sind jedoch rund 25 Seiten an Kapitelenden komplett leer, davor stehen weitere oft halbleere Seiten. Also netto eher 156 oder weniger Seiten, eher luftig bedruckt.

Jetzt habe ich endlich auch mal Ferrante gelesen. Ging schnell vorbei. Abbrechen kann man das eh nicht, die lächerliche Geschichte um eine gestohlene 08/15-Puppe und die Hysterie danach verlangen nach Aufklärung – und die wird durch immer neue Rückblenden verzögert. Immerhin schön, wie einige Motive und Handlungsfäden gegen Ende zueinander finden.

Freie Assoziation:

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