Romankritik: Aufregende Zeiten, von Naoise Dolan (2020, engl. Exciting Times) – 8 Sterne

In Hongkong hat der reiche Banker Julian, 28, Brite, eine WG+ mit der armen irischen Englischlehrerin Ava, 22: Sie lebt gratis bei ihm, packt seine Koffer, erledigt den Müll und erträgt seine billigen chinesischen Zigaretten; nachts geht’s manchmal in die Kiste, zumindest oral.

Aushälter und Haushälterin betonen das Unverbindliche, letztere etwas zähneknirschend. Ihre Sicht zu Romanbeginn:

I am glad Julian does not demand intimacy, and annoyed at him for not offering it.

(Ich kenne nur das engl. Original und kann die Eindeutschung von Anne-Kristin Mittag nicht beurteilen.) Allmählich äußert sich in flapsigen Randbemerkungen, im Abholen am Flughafen, auch Sympathie. Er nennt sie, so die Ich-Erzählerin,

a tiger cub, and I pretended to find it infantilizing because it made me so happy.

So schwach ist sie wohl („I curled up like a woodlouse“). Doch meist gibt sich Ich-Erzählerin Ava kalt, wie weggetreten, sie kommentiert ihr Leben mit spröder Lakonie. Sie betrachtet Julian wie ein Forschungsobjekt oder wie ein kurioses Spielzeug.

Sich selbst findet die Ich-Erzählerin „enigmatic“ sowie „cold and ungrateful“, aus allem klingt matte Selbstverachtung. Es wundert nicht, dass Autorin Dolan sich als Autistin bezeichnet (Wiki).

Coole Figuren:

Viel vermittelt Naoise Dolan, geb. 1992, durch staubtrockene Dialoge, Kurznachrichtenverläufe und Instagram-Posts. Andere Bekanntschaften in Hongkong skizziert die Ich-Erzählerin meist als dümmlich-dämlich, auch ihre Familie kommt schlecht weg. Ihren Julian hält Ava für „empty“, für geschäftlich unmoralisch, und „he wasn’t affectionate in bed“.

Julian wirkt teils unrealistisch, einerseits geld-orientierter Financial-Times-Leser, andererseits pfiffiger Kommentator und Literaturgourmet – ohne dass Dolan die Lektüre je konkretisiert.

Neben dieser wunderlichen Julian-Beziehung hat Ava noch Steckenpferde, über die sie zu oft lästern muss:

  • Der Gegensatz zwischen den armen Iren und den aristokratischen, reichen Engländern und
  • die Ausbeutung der Welt durch gewissenlose reiche (natürlich englische) Banker.

Spannung allmählich:

Die ersten rund 40 Seiten ödet die kühle Ava nur an. Irgendwann bekommt ihre Nicht-Beziehung+ mit dem Bankerschnösel Julian aber doch eine persönliche Note, und man nimmt allmählich Anteil.

Weitere Fahrt erhält der Roman, als die Hongkong-Chinesin Edith, 22, in Avas Leben tritt. Julian ist großgewachsen, Elisabeth zumindest teil-groß:

She was a few inches shorter than me, but side by side our waists were level, which meant she had proportionally longer legs.

Etwas bequem wirkt das Plotting: Erst kennt Ava nur den Banker-Schnösel Julian, und kaum fliegt der für 6 Monate nach England, betritt Edith das Parkett. Bei Julians Rückkehr ist Edith noch da, also steht ein Showdown an, Ava zwischen Mann und Frau – wie auf dem Plotspielbrett.

Die heikle, homoerotische Annäherung der Irin an die nicht geoutete Hongkong-Chinesin klingt noch spannend. Sind Ava und Edith erst ein Paar, sackt die Geschichte vorübergehend ab, weil zu harmonisch:

we bought salads in Marks & Spencer and took the bus to Tai Pak Beach

Über ihren Sex erfahren wir weniger als bei Julian, außer dass sie dabei quasseln (Frauen). Spannung kommt erst wieder auf, als Julian seine Rückkehr anmeldet: Julian und Edith wissen kaum, was der jeweils andere für Ava bedeutet.

Auf den vorletzten Seiten habe ich an unterschiedlichen Stellen vor Aufregung mein Herz verschluckt.

Keine Crazy Rich Asians:

Laut englischem Schutzumschlag fand die Vogue Dolans Roman-Erstling „half glitzy Crazy Rich Asians high living“. Das stimmt überhaupt nicht, u.a. weil gutteils Weiße agieren und bei weitem nicht den over-the-top-Luxus zelebrieren wie die Singapur-Chinesen in Steven Kwans Erfolgsroman; und selbst das hohle Crazy Rich Asians hat mehr Lokalkolorit als Exciting Times, weil Dolans Roman fast nur in Apartments und Gastronomie spielt (man könnte leicht ein Theaterstück daraus machen, oder eine Sitcom).

Die Figur Edith ist immerhin eine drollige Karikatur reicher, geschäftiger Chinesen und ähnlicher Asiaten, ihre Mutter ist (wie das Crazy Rich-Personal) aus Singapur; aber sie haben rein nichts von Crazy Rich Asians. (Selbst wenn Edith eine Saffiano-Handyhülle besitzt und Nebenfigur Victoria eine Chanel-Tasche.)

Das Buch zeigt auch weniger Hongkong als viele andere Hongkong-Romane auf Hansblog. Die Stadt lebt hier nicht auf: Dolans Roman spielt in Apartments, Kneipen, Starbucks‘ und einer Privatschule. Die meisten Akteure sind weiß; die Regenschirmproteste erscheinen in einem Nebensatz.

Loverin Edith ist zwar Chinesin, aber in England zur Schule gegangen. Auch kurze Besuche in Ediths Familie bringen wenig. Ava hat noch junge Englisch-Schüler wie Clarice Xu, Katie Cheung oder Cynthia Mak aus reichem Haus; die sind momentweise drollig.

Wunderlich funkelnde Sprache:

Immer wieder kredenzt Dolan staubtrockene, mild abwegige, spröd funkelnde Perlen wie:

I wrote: i miss having sex with you but only because i have a body, & if i didn’t then everything would be easier. He replied that on the contrary, he suspected sex without bodies might pose challenges.

Und sie textet ihm später:

you still put more time and energy in showing you don’t love me than anyone has ever put into showing me they do.

Wiederholt bringt die Ich-Erzählerin reizvolle Wortspiele und sinniert witzig:

Before I met her I’d wondered if „uncouth“ meant uncouth then what did „couth“ mean, and now I knew: „couth“ meant Edith.

Verblüffend: Sogar Martin Schulz begegnet:

„The leader of the German Social Democrats? Julian likes him. I don’t.“

Befremd-Wörter:

Seltsam, Dolan schreibt mehr mir Fremd-Wörter als viele andere englische Bücher. Häufig stammen die Vokabeln aus Technik, Geschäfts- und Justizwesen, offenbar ein Hinweis auf die Mentalität der Akteure und die Art ihrer Beziehung:

recusant… catechized… coat-tailed… defalcatory… temporality… blotto… abetment… virescent… dudgeon… gauche… exfoliation… propitiatory… gormless… moral purlieu… pastiche… inferences… reifying ((sic))… vicarious… mortarboard… procacious… concomitant… cynophiles… puce… fungible ((nicht im IT-Sinn))… donnish…

Passend zu diesem geschäftsmäßigen Ton will die Ich-Erzählerin einmal „to reverse-engineer how she’d got there“; sie möchte also die Vergangenheit einer Figur herausfinden. Ich kenne den Ausdruck nur aus der IT. Schenken bezeichnet sie als „reverse-burgle“. Das Zurücknehmen ihres Dubliner Dialekts nennt sie „dial back“.

Eine Mutter bei Naoise Dolan verwendet „maternal leverage“, die Erzählerin kalkuliert ihr „social capital“. Die neuen Blumen im Zimmer sind „edits“. Später ist sie „not the world’s leading Edith-whisperer“.

Auch zur Zoologie greift die kühle Erzählerin: Über die dumme Gans Victoria:

she had a pit viper’s brain. She saw not by looking but by rendering images of prey.

Und:

Noting that the school hires only white people, she remarks: „Like sharks‘ teeth, teachers dropped out and were replaced.“

Die vielen sehr ungewöhnlichen Wortspiele unterstreichen die Außenseiterstellung der Ich-Erzählerin und das Talent der Autorin.

Manchmal schreibt sie einfach nur melancholisch romantisch:

I stayed until she was out of sight to see if she’d look back but she didn’t.

Einiges im Buch verstand ich nicht, weil es nicht auserklärt wurde – m.E. ein Stilmittel. Ich hatte den Eindruck, dass Dolan einen zunächst längeren Text auf das Allernötigste kürzte. Oder die Ich-Erzählerin ist zu selbstbezogen, um Dinge zu erklären, die der Leser nicht weiß oder die sie nicht für wichtig hält.

Ein einziger Dialog endete im Roman zu meiner Überraschung banal, ohne Kick, reiner Informationstransport. Das Buch scheint auf ein filmi dramatisches Romkom-Finale hinauszulaufen, indes –

Fortsetzung folgt wohl:

Nach dem heißen Bieterkampf um ihr Manuskript unterschrieb Naoise Dolan offenbar einen Vertrag über zwei Romane.  Fortsetzung folgt also, und das Ende von Aufregende Zeiten lässt dafür jeglichen Spielraum. Vielleicht schreibt Dolan auch etwas ganz anderes.

Dass auf dem englischen Hardcover-Titelbild drei Zahnbürsten lümmeln, passt nicht zum Roman, denn die drei Hauptfiguren schlafen nie unter einem Dach. Eine andere Titelbild-Variante zeigt nur zwei Zahnbürsten.

Das Buch wurde von der englischen und deutschen Profikritik fast hymnisch gefeiert, von Hobbylesern auf Goodreads teils verteufelt (s. Links).

Assoziation:

  • Die unpersönlichen, kühlen Akteure in den frühen New York-Romanen von Jay McInerney, z.B. Ich nun wieder
  • Wie gesagt wenig Parallelen zu Crazy Rich Asians oder anderen Hongkong-Romanen aus dem HansBlog-Kanon
  • Parallelen zwischen Russells Meine dunkle Vanessa und Dolans Aufregende Zeiten: In jeweils ihrem Erstlingswerk zeigen zwei eher junge Autorinnen junge, schwache Frauen, die älteren reicheren Männern gefallen wollen und Lob genießen. Beide Bücher sind exzellent dialogstark, binden geschickt soziale Medien und Messenger mit ein und liefern ein Herzschlag-Finale. Beide Bücher erschienen Tage vor dem ersten Corona-Lockdown 2020, also zum Enttäuschen der Autorinnen ohne die übliche Aufmerksamkeit des Feuilletons, ohne Auftritt im Buchladen, ohne Lesereise und Interviews
  • 2020, im ersten Coronajahr, publizierten lauter Frauen über junge Frauen, die wie Hündchen toxischen Männern hinterherlaufen, u.a. in Queenie (2020, hier zusätzlich mit Rassismus), Meine dunkle Vanessa (2020), Die Einwilligung (2020) und abgemildert in Aufregende Zeiten (2020) – die Ladies könnten auch weggehen, aber sie leiden lieber literarisch verwertbar. Alles geschrieben von Frauen
  • Naoise Dolan mag doch tatsächlich die entpersönlichte Hauptfigur aus Sayaka Muratas Ladenhüterin – aber irgendwie passt es auch
  • Wegen der Selbst-Bewusstheit in Sprache und Befindlichkeit Erinnerungen an die frühe Lorrie Moore

Bücher bei HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.