Tag Archive for New York

Kritik Koch-Reportage aus USA, Frankreich: Dreck, von Bill Buford (2020, engl. Heat) – 7 Sterne

Bill Buford praktiziert zunächst kurz bei französischen Starköchen an der US-Ostküste und verbringt dann den größten Teil seines Buchs in Frankreich – samt Frau und dreijährigen Zwillingen. Aus den logistischen Schwierigkeiten und Auseinanderssetzungen in der Familie gewinnt Buford witzige Dialoge. Ansonsten wirkt die häufige Selbstironie im ersten Drittel teils pflichtschuldig und routiniert. Er sagt selbst…

Kritik Koch-Reportage aus USA, Italien: Hitze, von Bill Buford (2006, engl. Heat) – 7 Sterne

Bill Buford schreibt bestens lesbar, reportageartig, und vor allem zu Beginn mit Selbstironie, die mich oft kichern ließ*. Er gibt sich als naiver Koch-Sklave und schildert nicht nur eigene Küchen-Erlebnisse in Italien und New York, sondern auch das Leben seines ersten „Sklavenhalters“, Starkoch und Me-too-Opfer Mario Batali. Auch weitere koch- und lebensmittelbesessene Amerikaner und Italiener…

Kritik Kurzgeschichten: The Stories of John Cheever (1946-1978) – 6 Sterne

Cheever schreibt flüssig, gefällig und sehr griffig. Viele Geschichten (Liste ganz unten) überziehen jedoch deutlich: Autofahrer blickt geliebte Frau an und tötet sie durch Fahrfehler, ein Familienmitglied redet aus heiterem Himmel viel zu grob, man erschlägt sich gar hinterrücks, ein Mann in Geldnot bricht mehrfach bei schlafenden Nachbarn ein, völlig überraschender Tod im vorletzten Absatz,…

Romankritik. Heirate mich, von John Updike (1976, engl. Marry Me) – 7 Sterne

Jerry und Sally lieben sich, doch beide sind anderweitig verheiratet, jeweils mit Kindern, und planen ihre Schäferstündchen mit viel Heimlichtuerei. John Updike (1932 – 2009) beschreibt Gefühle und Upläufe teils atemberaubend nah und nachvollziehbar. Die betrogenen Ehepartner sind ihrerseits keine Kinder von Traurigkeit. John Updike bringt sehr genaue Beobachtungen aus der US-Mittelschicht Anfang der 1960er…

Besprechung: Schadenfreude, A Love Story, von Rebecca Schuman (2017) – 4 Sterne

Dies ist der Lebensweg einer US-Germanistin, kein Buch über Amis und Deutsche in Deutschland. Die US-Amerikanerin Rebecca Schuman hat eine (S. 212*) all-consuming love for the German canon… A reverence that hovered somewhere between religious and sexual ecstasy Zuerst verfällt sie Kafka („the German language’s most famous writer“), später auch Thomas Mann, Wittgenstein und anderen…

Rezension Kurzgeschichten, Gedichte, Kritiken: The Collected Dorothy Parker (Penguin Classics 2001) – 7 Sterne – mit Ausgabenvergleich, Links & Hintergründen

Dorothy Parker ist bekannt für extrem sarkastische, selbstironische Gedichte und Kurzgeschichten über das Liebes- und Sozial-Leben im New York der 1920er bis 1940er Jahre. Dieser gut 600seitige Sammelband zeigt: Oft schreibt Dorothy Parker gar nicht so amüsant hochtourig sarkastisch. Nicht überall lauern köstliche Einzeiler. Einige Kurzgeschichten klingen einfach stark satirisch oder auch psychologisch genau, sozialkritisch,…

Kritik Musikbuch: Die Stille im Kopf, von Karl Lippegaus (1987) – 6 Sterne

Karl Lippegaus (*1954) schreibt schmuckloses, klares Deutsch, fast anglizismenfrei, das nie verärgert. Man erfährt nicht so viel über Musik, dafür um so mehr über die Sensibilitäten von Lippegaus und einigen Gesprächspartnern wie Bobby McFerrin oder Brian Eno. Über Melodie, Rhythmus oder Harmonie redet Lippegaus kaum, etwas Technisches wie ein „unerwarteter Akkordwechsel“ (S. 189) überrascht schon…

Filmkritik Komödie: Julie & Julia (2009, mit Meryl Streep) – 4 Sterne – mit Video

Das ist kein vollwertiger Spielfilm. Es gibt kaum Drama, und die zwei Hauptfiguren begegnen sich nicht, obwohl sie es könnten. Zwischen den zwei Paaren im Mittelpunkt des Films herrscht zumeist allerkuscheligste Harmonie; eine kleine Krise beim jüngeren Paar wirkt unglaubwürdig und löst sich darum schon bald in Luft auf. Meryl Streep spielt die Kochbuchautorin und…

Filmkritik: Wolf of Wall Street (2013, Scorsese, diCaprio) – 7 Sterne – mit Video

Was für eine Orgie aus heißen Weibern/Öfen/Rhythmen/Deals. Dazu Drogen ohne Ende, Gier und grelle Bilder, Niedertracht und Vulgarität. Ein Fest. Über drei Stunden kommt Martin Scorseses pubertär schriller Film über pubertär schrille Geldjongleure kaum zur Ruhe. Gelegentlich überraschen dann wieder übertrieben lange Gespräche und andere Szenen. Die Darsteller sind bis in kleinste Nebenrollen exzellent besetzt…

Kritik Biografie: A Tragic Honesty: The Life and Work of Richard Yates, von Blake Baily (2003) – 8 Sterne

Biograf Blake Bailey hatte offenbar perfekten Quellenzugang: Alle Kinder, alle Ex-Frauen, viele Ex-Freundinnen, Schüler, Literaturbetriebler, aber auch Kellnerinnen und Wirte redeten mit dem Biografen, sogar Richard Yates‘ Psychiater packte aus. Das Archiv stand uneingeschränkt offen. Kunst und Leben: Wann möglich – also fast immer -, zieht Blake Bailey Parallelen zwischen Yates‘ Leben und Kunst. Dabei…

Kritik Kurzgeschichten: Eine letzte Liebschaft, von Richard Yates – 7 Sterne

Dieser Band enthält Yates-Stories, die in den USA nie oder zumindest nicht zwischen Buchdeckeln erschienen, die jetzt aber auch auf Englisch in Yates‘ Collected Stories herauskamen. Offenbar basieren die meisten Geschichten auf Yates‘ eigenem Leben: biografische Skizzen zum Autor lesen sich wie die Zusammenfassung einer Yatesschen Kurzgeschichte, und die Themen kehren auch in Yates‘ Romanen…

Kritik Kurzgeschichten: Verliebte Lügner, von Richard Yates (1982, engl. Liars in Love) – 7 Sterne

Diese Kurzgeschichtensammlung gibt es auch auf Englisch als Teil der Collected Short Stories von Richard Yates. Weitere deutsche Kurzgeschichten – mit etwas anderem Charakter – stehen in den Bänden Elf Arten der Einsamkeit und Eine letzte Liebschaft. Häufig geht es um Geschiedene, um deren Kinder, um ambitionierte Künstler in demütigenden Kommerzjobs, meist in und um…

Kritik Kurzgeschichten: Elf Arten der Einsamkeit, von Richard Yates (1962, engl. Eleven Kinds of Loneliness) – 9 Sterne

Yates schreibt lakonisch über kleine Leute in New York und den Vororten, mit hochrealistischen Dialogen – ohne Effekthaschen, aber als ob er sie genau so selbst vernommen hätte. Oft geht es um Unangenehmes – Hintergedanken, Sorgen. Männer blähen sich auf und sind schnell gekränkt. Teilweise ist das besser als in Yates‘ besten Romanen. Amazon-Werbelinks: Richard…

Romankritik: Cold Spring Harbor, von Richard Yates (1986) – 7 Sterne

Überwiegend schildert Yates Teens und Young-Twens in und um New York. Aber auch einige ältere Herrschaften rücken zeitweise in den Vordergrund, teilweise benehmen sie sich schmerzhaft peinlich, vor allem wenn sie die Alkoholzufuhr nicht bremsen können – Fremdschämalarm. Yates ist etwas unfokussiert, nicht immer weiß man, wer die Hauptfigur ist, und zur Buchmitte scheint der…

Romankritik: Eine strahlende Zukunft, von Richard Yates (1984, engl. Young Hearts Crying) – 7 Sterne

Richard Yates schreibt flüssig, zupackend – eine famose Erzählstimme (ich kenne nur das englische Original in der Methuen-TB-Ausgabe). Dabei beobachtet er fein, bringt präzise Wortwechsel (nicht gepfeffert, aber hochrealistisch), meist stimmige Entwicklungen über Jahrzehnte. Amazon-Werbelinks: Richard Yates | Ernest Hemingway | John Cheever | John Updike Bei soviel Qualität gibt es auch Störungen – weniger…

Romankritik: Was am Ende bleibt, von Paula Fox (1970, engl. Desperate Characters) – 7 Sterne – mit Video

᛫ ᛫ ᛫ Sophie und Otto sind ein mittelaltes, kinderloses Ehepaar im New Yorker Stadtteil Brooklyn, lange vor der Gentrifizierung. Der Rechtsanwalt und die Übersetzerin besitzen ein apart-geschmackvolles Heim. Aber das Viertel um sie herum versinkt in Müll, Kriminalität und sinnloser Gewalt. Sophie wird von einer streunenden Katze gebissen, die Wunde verheilt nicht recht, die…

Kritik Memoiren: Der kälteste Winter, von Paula Fox (2005, engl. The Coldest Winter) – 5 Sterne

᛫ ᛫ ᛫   Als etwa 23jährige reist Paula Fox (1923 – 2017) im Auftrag einer kleinen Nachrichtenagentur um 1946 durch das kriegszerstörte Europa. Die Stationen in diesen Erinnerungen sind New York, London, Warschau, Barcelona, Madrid, Mallorca, Paris. Diese Memoiren veröffentlichte Paula Fox über 50 Jahre später. Da hatte sie schon lange keine Erwachsenenromane mehr…

Filmkritik: Night on Earth (1991, von Jim Jarmusch, mit Gena Rowlands, Winona Ryder, Roberto Benigni) – 7 Sterne – mit Video

Der Film zeigt fünf unverbundene Geschichten von fünf längeren, nächtlichen Taxifahrten in fünf Großstädten – Los Angeles, New York, Paris, Rom und Helsinki. Regisseur und Autor Jim Jarmusch skriptete überwiegend hervorragend, teils sehr gefühlvoll, teils rabiat sarkastisch, mit starken Dia- und Monologen. Die Schauspieler bringen ihre oft schrägen Figuren oft überzeugend und sehr präsent auf…

Romankritik: Was aus uns wird, von David Gilbert (2013, engl. & Sons) – 5 Sterne – mit int. Presse-Links

Der einstige Creative-Writing-Student David Gilbert schreibt ein gelungenes Englisch mit starken Dialogen. Wie andere Creative-Writing-Absolventen (T.C. Boyle, John Irving, Jess Walter etc.) klingt er bisweilen zu cool und kalkuliert, manchmal auch schlicht belehrend altklug verallgemeinernd (Irving und Walter lobten den Roman; ich kenne nur das englische Original als Random-House-TB und kann die Eindeutschung nicht beurteilen).…

Rezension Kurzgeschichten: Pepsi-Hotel, von Lorrie Moore (1992, engl. Like Life) – 7 Sterne – mit Presse-Links

Moore schreibt intelligent witzig, originell beiläufig, manchmal dachte ich an frühe Woody-Allen-Filme. Es gibt Autoren in New York, Autoren in der Provinz und Dozenten in der Provinz, hier schreibt Moore sicher aus eigenem Erleben. Sie behandelt dabei wohlgemerkt nicht Künstlerprobleme wie Schreibblockade o.ä., sondern es geht meist um Beziehungen. Lorrie Moore (*1957) säuselt elegant ätherisch,…

Rezension Kurzgeschichten: Leben ist Glückssache, von Lorrie Moore (1985, engl. Self-Help) – 5 Sterne – mit Presselinks

Die neun nicht verbundenen Kurzgeschichten spielen meist in New York und füllen im Englischen kaum 150 bedruckte Seiten (ich kenne nur das englische Original). Fast immer ist das Grundmotiv traurig, sind Männer untreu: junge Frau wohnt mit Freund zusammen, will sich trennen, er durchkreuzt ihren Plan mit einer schweren Krankheit junge Frau wohnt mit scheinbar…

Rezension: Drei Zimmer in Manhattan, von Georges Simenon (1946) – 6 Sterne – mit Video

Simenon

Dieser Roman von Georges Simenon (1903 – 1989) hat keinen Maigret, keine Leiche, gar kein Verbrechen. Es geht um zwei gestrandete Europäer in New York. Die Einsamkeit, die Entwurzelung, die nächtlichen Gänge durch die Metropole trägt Simenon fingerdick auf (O-Titel Trois chambres à Manhattan). Bis zur 80. Seite erhalten wir keinen Hintergrund über den Mann…

Rezension Memoiren: Ein amerikanischer Traum, von Barack Obama (1995, engl. Dreams from My Father) – 8 Sterne

Hawaii, Indonesien, Los Angeles und New York sind einige der Stationen dieser leicht fiktionionalisierten Jugend-Autobiografie, sie reicht von den Großeltern bis zu Obamas Studienbeginn nach ersten Arbeitsjahren. Besonders detailliert gerieten die Abschnitte über Obamas Sozialarbeit in Schwarzenvierteln von Chicago und über den Besuch bei der kenianischen Familie seines Vaters. Der Ex-US-President (*1961, im Amt Jan.…

Rezension Biografie: Barack Obama. Leben und Aufstieg/Die Brücke, von David Remnick (2010, engl. The Bridge) – 6 Sterne – mit Presse-Links & Video

Remnick erzählt Obamas Leben bis zum Einzug im Weißen Haus Anfang 2009. Die deutsche Hardcover-Ausgabe von 2010 heißt Barack Obama, Leben und Aufstieg; die offenbar textidentische Taschenbuchversion von 2012 erschien als Die Brücke: Barack Obama und die Vollendung der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Ich kenne nur die engl. Hardcover-Ausgabe The Bridge und kann die Eindeutschung nicht beurteilen.…

Rezension Biografie: Barack Obama, The Story, von David Maraniss, (2012) – 7 Sterne – mit Video & Presse-Links

Das Buch reicht von Obamas Urgroßeltern in Kansas und Kenia bis zu Obamas Jurastudiumbeginn 1988 in Harvard. Es endet also deutlich vor Beginn der politischen Laufbahn. Washington-Post-Journalist Maraniss erzählt ausführlich aus dem Kansas der 1920er Jahre, in Kenia geht er kurz zurück bis auf 1820. Fast stolz erwähnt Maraniss im Vorwort, dass der spätere US-Präsident…

Filmkritiken zu: Hanna Arendt (2012, R von Trotta, D Sukowa) – 7 Sterne

Spiegel: … eine atemberaubende Barbara Sukowa… „Hannah Arendt“ ist auch ein sehr schöner Film über das Verfertigen der Gedanken beim Rauchen geworden. Die Denkerin auf dem Diwan ausgestreckt zu sehen, wie sie Rauchwolken produziert, ist nicht nur ein visueller, sondern auch ein intellektueller Genuss… Axel Milberg agiert sehr sympathisch als der offenbar sehr sympathische Ehemann…

Rezension Arzt-Memoiren USA, Kongo: A Doctor’s Life: Unique Stories, von William T. Close (2001) – 6 Sterne

William T. Close (1924 – 2009) blickt auf ein langes, abenteuerliches Arztleben zurück. Er ist zudem Vater der berühmten US-Schauspielerin Glenn Close, die ihm und seiner Frau ein liebevolles Vorwort geschrieben hat. Auf etwa 48 Seiten beschreibt Close seine dramatischen Arzt-Anfänge in New Yorker Armenvierteln seit den 1950er Jahren. Dann folgen etwa 110 Seiten über…