Buchkritiken: 84 Charing Cross Road (1970) & Die Herzogin der Bloomsbury Street (1973), von Helene Hanff – 7/10 Sterne

  1. 84, Charing Cross Road ist ein kauziger, zunehmend persönlicher Briefwechsel zwischen der exzentrischen, buchversessenen Helene Hanff in New York und einem Londoner Antiquariat zwischen 1949 und 1969. Er spielte sich angeblich wirklich so ab.
  2. In der Fortsetzung Die Herzogin der Bloomsbury Street berichtet Helene Hanff (1917 – 1997) in Tagebuchform von einer Bildungs- und Publicity-Reise nach London

Beide Bücher sind witzig, kurz, gründen angeblich komplett auf Tatsachen; mein englisches Taschenbuch bringt sie in einem einzigen, dünnen Band.

84, Charing Cross Road (1970, 7/10):

84, Charing Cross Road brachte mich in der ersten Hälfte oft zum Lachen. Brief für Brief entsteht eine transatlantische, ungewöhnliche Freundschaft; man bespricht allmählich Privates, neckt und schickt sich Präsente*.

In der zweiten Hälfte wirkt 84 Charing Cross Road etwas repetitiv. Und man ahnt, dass sich die Korrespondenten wohl nie treffen werden, obwohl sie das brieflich immer wieder ansprechen. Da entsteht eine Spannung, die das sehr kurze Buch nicht auflöst.

Die Obsession der New Yorkerin für obskurste mittelalterliche Schriftsteller und Übersetzungen ermüdet teils. Die Respektlosigkeiten der New Yorkerin („Sie Faultier“) wirken auf Dauer beliebig und zu comedy. Zudem scheint der Text nichts Allgemeines zu analysieren, keine Relevanz für die Gesellschaft zu haben; er lebt vor allem von der Exzentrik der New Yorkerin, doch interessanter ist noch die augenzwinkernde Förmlichkeit ihres Haupt-Gegenübers Frank Doel im Londoner Antiquariat. Es gibt auch ein paar Feel-good- und herzerwärmende Momente, vor allem bei den Briefen der englischen Familienmitglieder.

Einige Aspekte, die man bei einem Brief- oder E-Mailroman erwartet, fehlen bei Helene Hanff: sich überkreuzende Schreiben, fatale Verzögerungen, grobe Missverständnisse, falsche Vorstellungen. Zum Ausgleich präsentiert Hanff lustig-eigenwillige oder über Jahrzehnte hin etwas zu förmliche Briefschreiber. Einige Briefe bringt der Buchtext nicht, man liest nur Antworten, aber daraus entsteht kein Drama.

Die Briefe wurden laut engl. Wikipedia tatsächlich so gewechselt. Es ist also kein Roman, sondern ein Sachbuch, genauer Briefmemoiren. Das überrascht: Die Briefe sind teils prima auf Pointe hin geschriftstellert, aber doch etwas unrealistisch – wie ich es zur Unterhaltung gern lese (ich mag Dialog), aber wie man es bei Briefen zwischen Antiquariat und Kundschaft nicht erwartet. Allerdings verstand ich einige Anspielungen der New Yorkerin auf ihr Berufsleben gar nicht, vermutlich haben die Adressaten in England sie auch nicht verstanden.

Assoziationen:

  • Brief- oder Mailromane mit deutlich chaotischerem Plot, etwa Fieberkopf, Still leben oder E-Mail an alle
  • Der Klang des Titels, aber auch vage die Hauptfigur erinnern an Aparna Sens indischen Spielfilm 36 Chowringhee Lane
  • irgendwie könnte Helene Hanff die Tante von Norah Ephron sein, v.a. in Herzogin der Bloomsbury Street (s.u.), beide sind selbstironische New Yorkerinnen
  • Die selbstironische Hysterie, mit der Hanff ihre erste Auslandsreise in Bloomsbury Street beschriebt, erinnerte mich auch an Bridget Jones (und Hanff wie Jones haben mit Londoner Verlagen zu tun)

*ich kenne von beiden Büchern nur das engl. Original und kann die Übersetzungen und Nachworte von Reiner Moritz nicht beurteilen (natürlich habe ich mir eine deutsche Leseprobe angeguckt)

Die Fortsetzung: Die Herzogin der Bloomsbury Street (1973, engl. The Duchess of Bloomsbury Street):

Dies ist das Reisetagebuch von Helene Hanff: Zur Vorstellung ihres Buchs 84, Charing Cross Road besucht Hanff 1971 London. Sie trifft Überlebende des mittlerweile geschlossenen Antiquariats, diniert mit Presse und Verlagsgranden, gibt Autogramme und besucht ehrfürchtig die Pilgerstätten gebildeter Englandtouristen.

The Duchess of Bloomsbury Street beginnt mit witziger Selbstironie, Minikatastrophen bei der Reise und meist reizenden Begegnungen an der Themse – ganz nett, später ergriffener Banaltourismus, nicht relevant, nicht am aktuellen England interessiert, aber zunächst lustig und apart. Hanff liefert hier noch ein paar Hintergründchen zu ihrem Erfolgsbuch 84, Charing Cross Road  – aber viel Neues bringt sie nicht (weit aufschlussreicher für Charing-Cross-Interessierte ist vermutlich Hanffs Buch Q’s Legacy). Bei ihrem Besuch in London 1971 ist das Antiquariat schon geschlossen, ihr Haupt-Briefpartner Frank Doel verstorben.

Und spätestens zur Mitte ermüdet Die Herzogin der Bloomsbury Street, denn Hanff leiert einen Tagebucheintrag nach dem anderen herunter:

Nikki’s Barbara phoned this morning… There was a letter at the desk for me when I came back… I don’t remember what we were talking about… Harrods sale overpriced… (I) bought a toast-and-white linen on sale…

Sehr interessant.

Hanff betont immer wieder: Sie ist noch nie gereist. London ist ihre Traumstadt. Das macht aus einer guten Autorin ein Fangirl, das scheint’s unlektoriert losschwadronieren darf.

Dazu produziert Hanff andere Reisebuch-No-nos wie joviale Taxifahrer:

The driver told me his name was Barry… he drives a minicab nights to earn a little money…

Auch sehr interessant.

Schon in 84, Charing Cross Road hatte Helene Hanff ihren Bildungshunger zu weit ausgebreitet. Nun in London besucht sie Strat- und Oxford, Cam- und London Bridge, reminisziert Shakespeare, Karl Marx und George III. – aber Worte wie „Downing Street“ fallen nicht, die aktuelle politische Situation in England ignoriert Hanff (nicht jedoch den Vietnamkrieg). Dann noch ihre unmaßgebliche Meinung zum Königshaus („distinctly peculiar“, aha).

Ich musste das nach der Hälfte abbrechen und nahm die Lektüre erst wieder bei diesen Sätzen auf:

Did most of my packing last night… The plane lifted…

Aber anders als die Anreise liefert der Rückweg kein vergnügliches Chaos. Eine einzige Überraschung hält der Band bereit. Auch gegenüber ihren zauberhaften Bekannten, die nur das Beste wollen, muss Hanff einmal auf den Tisch hauen:

I said something rude… I think i finally had a temper tantrum. I hope I did.

Das bleibt aber ohne Folgen. Und auch in 84, Charing Cross Road hatte sie ja schon ein paar Mal sehr robust formuliert.

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