Kritik Memoiren: Die Einwilligung, von Vanessa Springora (2020, frz. Le Consentement) – 7 Sterne

Diese Memoiren sind nach meinem Geschmack, denn Männer werden in die  Ei  Tonne getreten:

  • Der Vater ein bindungsunfähiger Wüterich mit Sexpuppe
  • Schon als Kind Begegnung mit Exhibitionist
  • Die Liebhaber der Mutter sagen der nachts hörbar „Dreh dich um“ und sonst nicht viel
  • Der viel ältere Verehrer hat Glatze, dazu passend das „gefräßige Lächeln eines großen blonden Raubtiers“ und betreibt „eine Gehirnwäsche machiavellistischer Dimension“
  • Ein Frauenarzt schlägt anlassbezogen vor, ihr Jungfernhäutchen mit dem Skalpell zu entfernen, redet mithin „von medizinischer Vergewaltigung oder von einem barbarischen Akt“
  • Ein älterer Philosoph mahnt sie, die ungleiche Beziehung zu ertragen, „sich seinen Launen zu beugen“

Anklage:

Die „Einwilligung“ ist eine schlecht geschriebene Anklage, gegen Ende auch selbstmitleidig, im Zug von Metoo und einer Welle publizierter Selbstentblößung. Der Angeklagte kommt nicht zu Wort, aber natürlich glauben wir Vanessa Springora alles.

Wer das Buch lieb haben will, kann und wird sich nicht auf literarische Kriterien stützen. Springora selbst indes meint,

this is first and foremost a piece of literature.

Die Ausgangssituation:

Ich bin vor Kurzem vierzehn geworden. Er wird bald fünfzig. Na und?

Springora erzählt offenbar ihre eigene, wahre Geschichte und produziert dabei eine Schuldzuweisung nach der anderen – gegen alle Männer, und  nebenbei gegen die Mutter, welche die Affäre mit dem so viel Älteren oft förderte. Ohne die Perma-Anklage und gegen Ende ohne das Selbstmitleid wäre das angenehmer. Gut strukturiert ist das Buch auch nicht, aber wer redet schon von Form bei diesem Inhalt.

Die Vierzehnjährige erhält vom Lustmolch eine „Unmenge“ Briefe, „die sich gekonnt einschmeicheln“, und antwortet auch – dazu gibt es kein einziges Zitat, das hätte sie m.E. als deklarierte Erfindung wiedergeben sollen, das würde mehr über die Persönlichkeiten und die Zeit sagen. (Auch ihre Briefe an ihn, die er ungenehmigt selbst veröffentlichte, zitiert sie nicht.)

Nur ausnahmsweise gesteht die Autorin positive Gefühle gegenüber ihrem Hassobjekt/Ex-Lover ein: sie umarmt ihn „zärtlich“, ist in „diesen beinahe unbehaarten Körper verliebt“, hat im Rückblick „Liebe… zweifellos empfunden“.

Dekonstruktion:

Schon im Vorwort macht Vanessa Springora klar, dass sie literarisch Rache nehmen will – und sie schießt den Mann gezielt ab. In den letzten Kapiteln des kurzen Buchs geht es um die Jahrzehnte nach dem Ende der Affäre, sie träumt von einem „elektrischen Stuhl“ (für sie), ein Psychiater diagnostiziert „eine psychotische Episode mit einer Phase der Depersonalisation“, „ich verstecke und verkrieche mich“. Nur vorübergehend denkt sie „ohne Eifersucht, Schmerz oder Verzweiflung“ zurück.

Der Mann verfolgt sie noch über Jahrzehnte. Sie ist fürs Leben gezeichnet. Rechtliche Schritte versprechen wenig. Springora beschließt, ihr Erleben zu monetarisieren und sich selbst – und ihn – erneut bloßzustellen.

Die Übersetzung von Hanna van Laak wirkt unauffällig bis klobig. Textprobe:

Ich kann nicht umhin, diese Option in Betracht zu ziehen.

Das frz. Wort Consentement erscheint in der deutschen Blessing-Ausgabe von 2020 über Kapitel II einmal falsch als consentenment. Der Buchtitel Les moins de seize ans (Die Unter-16-Jährigen) wird mehrfach nicht übersetzt, ebenso ein weiterer Titel.

Das wäre gut:

Gern hätte Springora ein vergleichbares Bloßstellungsbuch von einer anderen Autorin gelesen,

vielleicht wäre sie begabter, geschickter und auch lockerer gewesen.

Assoziation:

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