Kritik Roman, Film. Zoë Heller: Tagebuch eines Skandals (2003, 2006, engl. Notes on a Scandal) – 7 Sterne – mit Video

42jährige verheiratete Lehrerin beginnt Affäre mit 15jährigem Schüler. Sie fliegen auf, die Presse frohlockt. Die 62jährige Freundin und Kollegin der 42jährigen erzählt die Geschichte im Rückblick – auf Seite 2 wissen wir alles Wichtige.

Zoë Heller kreiert eine plausible Erzählstimme, plausible Dialoge, plausible Figuren mit viel Alltagsrealismus. Sie konstruiert sehr durchdacht einen Roman voll Spannung.

Im Roman:

Die 62jährige Ich-Erzählerin pflegt im Roman einen sehr persönlichen, fast Tagebuch-artigen Ton. Sie tönt leicht geschwätzig bis sensationsheischend, mal blasée cultivée, mal unerwünscht privat und aufdringlich verständnisvoll. Dem kalten Blick dieser Matrone entgeht nichts, keine kleine Peinlichkeit, kein gescheitertes Witzchen, keine Verschiebung im Beliebtheitsranking oder im Lehrerklo-Papierkorb.

Die Frau erzählt etwas ete-petete, dabei plastisch und detailreich aus dem Schulalltag. Sie hält sich selbst für edel, hilfreich und gut; sie klingt irre und doch nachvollziehbar. Entziehen kann man sich dieser Erzählerin nicht – eine ungewöhnliche und passende Stimme (ich kenne nur das engl. Original und kann die deutsche Fassung nicht beurteilen; das Buch heißt in Deutschland Tagebuch eines Skandals bzw. Tagebuch einer Verführung, in England Notes on a Scandal und in den USA What Was She Thinking).

Kein Ölgemälde:

Zweimal spielen bestimmte Gemälde von Manet und Degas im Roman eine gewisse Rolle für die Beziehung des ungleichen Paars. Ideal würde das Buch die Bilder zeigen – aber man sollte sie auf jeden Fall fix googeln, sie finden sich sofort.

Ein anderes Bild gibt die Ich-Erzählerin ab. Immer wieder platziert die 62jährige säuerlich distinguierte Statements:

Even I, a woman in my early sixties and, by common consent, no oil painting, have been known to prick the testosteronal curiosity of my fifteen-year-old charges from time to time.

Doch das klingt fast schon zu humoristisch. Autorin Zoë Heller verzichtet streng auf billige Satire oder Groteske, ihre Hauptfigur redet ungeschwätzig auf den Punkt, für zaunpfahlfrei subtiles Lesevergnügen. Nur momentweise meinte ich, für ihre Gesellschaftssatire gibt Heller kauzigen Nebenfiguren zu viel Raum.

Assoziationen zum Roman:

  • Der Roman spielt in „hostile north London“, lässt mich aber kaum an London-Geschichten von David Nicholls oder Nick Hornby denken (selbst wenn es um Privat- vs. öffentliche Schulen geht), an Somerset Maugham schon gar nicht, auch nicht bei seinem Standardthema mittelalte Frau mit Toy Boy. Tatsächlich hat Tagebuch eines Skandals m.E. sehr wenig Lokalkolorit, abgesehen von Sensationspresse und vorweihnachlichten Geschäften vielleicht.
  • Eher dachte ich an Helen Fieldings Bücher – beide Autorinnen arbeiteten als Kolumnistin, für Londoner und US-Medien.
  • Auch Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek wird von einem Lustknaben begehrt (sie Lehrerin, wie die Hauptfigur bei Heller). Beide Romane wurden hochkarätig verfilmt.
  • Ältere Frau beäugt und manipuliert Jüngere, wie in Elena Ferrantes Frau im Dunkeln (ebf. Buch und Film)
  • Ich weiß nicht genau warum, die 62jährige fiese Einzelgängerin erinnert mich an Patricia Highsmith – so wie ich mir die Autorin selbst vorstelle.

Die Verfilmung:

Das Buch war ein 2003 Bookerpreis-Kandidat, die Verfilmung 2006 für mehrere Oscars nominiert. Und dabei blieb es jeweils.

Der Verfilmung verkürzt und verschärft das Drama. Die Sozialsatire der Romanvorlage weicht dem Portrait einer düsteren, besessenen Einzelgängerin, superb gespielt von Judy Dench. Filmkritiker reden von „psychological thriller“, das sagt man vom Buch nicht.

Man soll`s nicht glauben, aber Judy Dench spielt Cate Blanchett an die Wand – Denchs grimmiges Krokodilsgesicht mit zuschaltbarem Betonlächeln erhält auch viel Leinwand. Fluide Handkamera, schnelle Schnitte, Szenen- und Erzählzeitwechsel, das strömt zügig. Die Philip-Glass-Musik von Philip Glass dräut und schwurbelt zu aufdringlich.

Das Dilemma dieser Literaturverfilmung: Der Roman beschreibt lauter unsympathische oder seltsame Figuren. Beim Lesen stört (mich) das nicht, es unterhält sogar. Ein Film voller Unsympathen verlockt jedoch weniger, und speziell Judy Denchs Hauptfigur stößt ab – auf böse drapiert, und Böses im Sinn (wie unterbewusst auch immer).

Manche Literaturverfilmungen geben das Innenleben ihrer Figuren nicht wieder, weil sie den Gedankenstrom aus dem Roman unterschlagen. Hier jedoch erzählt Judy Dench reichlich aus dem Off – häufig nicht die Sätze der Romanautorin Heller, sondern verschärft neu geschrieben von Skriptautor Patrick Marber.

Meine DVD enthält ein paar kurze Interviews (gesamt ca. 18 Minuten), in denen sich die Akteure wie üblich gegenseitig über den Klee loben. Der englische Kommentar des Regisseurs Richard Eyre über die gesamte Filmlänge klingt sachlich informativ und hörenswert.

Literaturverfilmungen müssen das Buch nicht buchstabengetreu umsetzen. Sie müssen gut sein. Jedoch Biopics von historischen Personen müssen die historische Wahrheit bestmöglich zeigen. Sie dürfen bekannte Fakten nicht aus dramaturgischen Gründen umschreiben.

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