Leseeindruck Roman. Die Klavierspielerin, von Elfriede Jelinek (1983) – mit Video

Die Handlung geht in den Wortgewaltgewittern der Elfriede Jelinek unter. Lange monotone Absatzmonolithen stehen auf den Seiten wie Sichtbetonstelen. Jeder Satz, jedes Wort sitzt, passt, wackelt nicht und hat keine Luft, will oft separat in Stein gemeißelt werden. Leben gibt es keins. Meisterlich gemeißeltes Deutsch, aber anorganisch.

Da ist kein Platz für Dialog, wörtliche Rede. Sicher ist die indirekte Rede bei Jelinek besser als jede direkte Rede eines Leipziger Literaturmechatronikers. Mir jedoch erschwert die alles überdröhnende, dialogverweigernde, höhnische Erzählstimme den Einstieg, so superior sie auch – absatzweise genossen – klingt.

Abgebrochen.

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Meine Ausgabe (rororo-TB 29. Auflage 2004, bei Amazon) ist sublim kultiviert: Auf dem Cover ein gemalter nackter Damentorso. Aus dessen Schoß wuchern/in ihn bohren sich Klaviertasten, unter den Brüsten stickt „Nobelpreis für Literatur 2004“.

Auf der Rückseite spricht die Eminenz Norbert Schachtsiek-Freitag:

Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in einen verführerischen Bann gezogen… Wichtig ist das Buch nicht, weil es die (auch pornographischen) Phantasien des lesenden Voyeurs stimuliert, sondern weil der Roman ein besseres Verstehen über perverse Formen abweichenden „Verhaltens“ bewirkt.

Danke. Ich muss mich also nicht schämen für Peepshowbesuche mit der Klavierspielerin. Nur fremdschämen für die Fehler, die selbst in einer 29. Auflage noch erscheinen, nicht nur „ein besseres Verstehen über“ (s.o.), sondern z.B. auch (S. 53, korrekt „Es“):

Er gibt auch noch Bücher und Hefte ((…)) in verschiedenen Stadien des Verstaubens.

Und das in einem Nobelpreis.

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Wenn ein Roman Dialog und Faden hat, lese ich mühelos 800 oder 2000 Seiten. Aber Elfriede Jelinek kann ich – nach einigen Versuchen – wohl nur so konsumieren wie einen anderen sprachgewaltigen Österreicher, Thomas Bernhard, nämlich in leckeren Häppchen, wie in Thomas Bernhard für Boshafte (bei Amazon); gibt’s eine Jelinek für Boshafte?

Assoziation:

  • Auch in Zoe Hellers Roman Tagebuch eines Skandals wird eine mittelalte Lehrerin von einem Schüler begehrt. Beide Romane wurden hochkarätig verfilmt

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