[Kritik Sachbuch] Noah Charney: Original Meisterfälscher, Ego, Geld & Größenwahn, von (2015) – 7 Sterne

Noah Charney portraitiert viele engagierte Kunstfälscher – manche qualitativ, quantitativ und medial auf einem Niveau mit Wolfgang Beltracchi, der deshalb auch nur wenige Seiten bekommt. Insgesamt spielt Deutschland nur eine kleine Rolle, die meisten Fälle im Buch stammen aus England, Frankreich, USA.

Nebenbei lernen wir ein paar Kunstexperten und Ermittler kennen (jedoch nicht den Berliner René Allonge und Autor Charney nur in Endnoten und Klappentext); dazu gibt’s Tipps für angehende Meisterfälscher:

Er empfahl Alkohol während des Fälschens, da er entspannt und fließende Linien begünstigt. (S. 104)

…buk seine Gemälde zwei bis drei Stunden bei einer konstanten Temperatur von 100 bis 105°C. (S. 107)

Genie, Stolz, Rache, Ruhm:

Für meinen Geschmack sollte Charney stärker trennen zwischen 1:1-Kopien und Stil-Nachempfindungen mit neuem Inhalt (laut Charney die weit häufigere und lukrativere Fälschungsart). Keating gliedert sein Buch jedoch nicht nach Ländern, Stilen, Epochen, Personen oder Ermittlungstechnik (Expertise, Forensik, Provenienz), sondern nach den wabbeligen Kriterien „Genie“, „Stolz“, „Rache“, „Ruhm“, „Kriminalität“, „Opportunismus“, „Geld“, „Macht“.

Welcher Fälscher in welchem Kapitel auftaucht, scheint damit willkürlich, da jeden Fälscher mehrere Motive befeuerten. So figuriert Tom Keating im „Rache“-Kapitel, aber ins „Ruhm“-Kapitel passt er ebenso gut.

Jedes einzelne Kapitel hat damit Beispiele von der Antike bis ca. 2012, aus allen Ländern und Genres – bis hin zu Terrakotta- und Porzellanfälschung in China, Wein-, Literatur- und Dokumentenfälschung (u.a. Hitler-Tagebücher), Turiner Grabtuch und Fake-Fossilien („der Unterkieferknochen eines Orang-Utans mit einem menschlichen Schädel kombiniert“). So entsteht insgesamt wenig Zusammenhalt, aber doch eine schnelle, amüsante, lebendig illustrierte Galerie unternehmungslustiger Käuze mit viel kreativer und krimineller Energie. Lt. Interview untersuchte Charney 120 Fälscher und stellt 60 im Buch vor.

Über einige Fälscher wüsste man gern mehr, und auf Charneys Überbau mit „Genie“, „Stolz“, „Rache“ und Co. könnte ich verzichten.

Abbildungen:

Direkt im Text auf scheinbar matt gestrichenem Kunstdruckpapier zeigt der Autor viele Gemälde, Gemäldepaare sowie ein paar Fotos bekannter Fälscher (jedoch nicht alle, und keine Ermittler oder Wissenschaftler). Besonders hübsch: das Foto einer gestempelten deutschen Briefmarke, die ein vermeintlich 700 Jahre altes Lübecker Fresko zeigt – das Fresko war gefälscht.

Eine Fälschung aus dem Lauftext zeigt Autor Charney immer auch als Bild – sehr schön. Allerdings: Manche Bildpaare aus Original und Fälschung sollten sich weitgehend gleichen, doch sie haben sehr unterschiedliche Kontraste und Grundfarben. Das erschwert den Vergleich. Es beginnt schon auf Seite 12 mit einem Dürer-Holzschnitt und dessen Nachempfindung:

Das Original ist bräunlich und kontrastreich, die Nachempfindung grau-bläulich und sehr kontrastarm. Beide müssten jedoch gleiche Farben und Kontraste zeigen, so dass man sich auf die inhaltlichen Unterschiede konzentrieren kann. Weitere Bildpaare, die sich sehr ähneln sollten, aber hier in Kontrast und Farbe irritierend unterscheiden, liefern u.a. S. 17 (Mona Lisa), S. 45, S. 51, S. 52.

Andere Bildpaare zeigen Vorlage und UV- oder Röntgendurchleuchtung nebeneinander, nebst Hinweisen auf Indizien, sehr interessant.

Sprache:

Die Übersetzung aus dem Englischen durch die promovierte Theaterwissenschaftlerin Barbara Sternthal verdross mich ein ums andere Mal. Sie textet teils verwirrend oder sperrig 1:1 aus dem Englischen (und/oder zu fachsprachlich), teils grammatisch falsch oder mit Tippfehlern, teils mit nur lokal gebrauchten Austriazismen (Sternthal und der Brandtstätter-Verlag sitzen in Österreich). Gelegentlich werden Fachausdrücke wie Bozzetto nicht erläutert. Das Glossar hinten erklärt nur Untersuchungsmethoden.

Zu direkt oder zu fachsprachlich aus dem Englischen übersetzt:

  • rezenter Gesetze (S. 13), der rezente Zuwachs (S. 291), rezente Untersuchung (S. 215)
  • einem guten Teil an Glück (ebf. S. 13)
  • von Irrtümern behafteten Überzeugungen der Experten (S. 20)
  • von einer völlig devastierten Wirtschaft (S. 127)
  • Falsch übersetzt: „The Hoax (Der Fälscher)“ (S. 137, korrekt „Die Fälschung“, „der Betrug“)
  • Fasoli erkannte Qualität, wenn er sie sah (S. 169, hier besser „hatte ein sicheres Auge für Qualität“)
  • Seine beste Vermutung war, dass (S. 200, lieber „er vermutete, dass“)
  • Motivationscluster (S. 236)

Wunderlich:

  • Die Echtheit wurde gesprochen. (S. 19)
  • Wacker wurde zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, berief aber dagegen (S. 27)
  • kriminell affine Jugendliche (S. 138)
  • 1797 klagte ein britischer Kunsthändler namens Jendwine seinen Kollegen Mr. Slade, um „eine Kompensation für Verluste einzufordern“ (S. 168, wohl „verklagte“?)
  • Zu Jansen ließen sie sich jedoch nie zurückführen (S. 195, hier lieber „auf Jansen“, da es nicht um Rücktransport, sondern um Bezug-herstellen geht)
  • Mit zwölf schrieb Chatterton seine erste Fälschung ((…)) An diesem Punkt lässt sich Chatterton kaum als Fälscher bezeichnen (S. 217)

Austriakisch:

  • Um 4,2 Millionen Dollar erwarb der Staat (S. 29; weitere Beispiele für „um“ statt „für“ mit Geldbetrag 2x S. 63, S. 66, S. 139. etc. etc.)
  • Das Honorar, das er aus dem Verkauf lukrierte (S. 40, weitere Instanzen „lukrieren“ S. 146, S. 183, S. 200)
  • Okkasion (S. 69)
  • inkludieren (S. 244)

Grammatik- oder Tippfehler:

  • …zurück zur Überzeugung, da alle Wertkomponenten (S. 19, korrekt „dass alle“)
  • …zieht der Künstler nicht den Kürzeren wie bei anderen Fälschung. (S. 71, korrekt „Fälschungen“)
  • Turner klagte Getty im Juni 2001 neuerlich. (S. 89)
  • …zwischen einem vollendeten Gemälden (S. 101)
  • Hughe (statt „Hughes“, S. 136)
  • Zuerst schrieb er das Gemälde Jan van Eyck zu, den ((…)) bestverkauften Künstler (S. 196, korrekt „dem“)
  • die skeptischesten ((sic)) Wissenschaftler (S. 215)
  • begann sich mit ein paar grundlegenden Fälschungen zu spielen (S. 221)
  • durch eine Fälschung ausgetauscht (S. 246, korrekt „gegen eine Fälschung ausgetauscht“ o. „durch eine Fälschung ersetzt“)

Persönliche Erklärung zur Übersetzung:

Aus unklarem Grund hatte ich geglaubt, Charney habe sein Buch auf Deutsch geschrieben und nicht weiter über die Originalsprache nachgedacht. Sonst hätte ich das Buch auf Englisch oder gar nicht gelesen. Denn Übersetzungen sind immer problematisch – wie Kunstfälschungen, vielleicht sind es Kunstfälschungen -, und diese Übersetzung hier gehört zu den problematischeren.

Freie Assoziation:

  • Das 2020er-Buch Kunst und Verbrechen von Stefan Koldehoff und Tobias Timm, das allerdings weiter gefasst ist, u.a. behandelt es auch Kunstdiebstähle
  • Das Koldehoff-Buch über den deutschen Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi

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