Romankritik: Meine dunkle Vanessa, von Kate Elizabeth Russell (2020, engl. My Dark Vanessa) – 8 Sterne

Kate Elizabeth Russell beschreibt die Annäherung des etwa 42jährigen Englischlehrers Strane an seine verhuschte, 15jährige Schülerin Vanessa atemraubend genau: Worte, Gesten, Berührungen, nur leicht übergriffig, sensibel rückversichernd, gleichwohl zielorientiert. Die Literatur-affine Vanessa ist verwirrt, bald ergeben.

Das liest sich oft sehr gut, auch dialogreich. Wie andere US-Autoren, die literarisches Schreiben studierten (John Irving, T.C. Boyle) klingt Russell momentweise zu perfekt, zu ausgefeilt; sie verzichtet aber auf wilde Vergleiche und Wortgeklingel.

Zumeist wirkt das Buch beunruhigend realistisch. Nur ganz vereinzelt hielt ich etwas für klar unplausibel (s.u.).

Meine dunkle Faszination:

Der Roman mit seinen 368 engbedruckten englischen Seiten ist überaus spannend – auf dunkle, verstörende Art, nie heiter, immer bedrohlich. Das gilt besonders für die erste Hälfte (die deutsche Fassung kenne ich nicht).

Da geht es um subtile Übergriffigkeiten, um moralische Einordnung, die Bedrohung durch mögliches Auffliegen der Affäre und Jahrzehnte später um aggressiv schnüffelnde Metoo-Kriegerinnen. Die Ich-Erzählerin stellt sich nicht als reines Opfer dar, sie sehnt sich nach manchem. Sie umgibt sich teilweise mit Schrottfiguren, gegen die ihr lüsterner, aber höflicher und gebildeter Englischlehrer als Strahlemann erscheint.

Twitter, Facebook, JPEGs:

Im 2017er-Teil nennt Russell alle Schlagwörter der sozialen Medien: Twitter, Facebook, Google, Podcasts, Musikvideos, gaslighted. „Narrative“ vergisst sie. Verblüffend dabei:

Her profile goes on lockdown

Metoo umschreibt Russell vorsichtigerweise nur:

the current cultural trend of allegations… this movement of women upon women upon women lining the walls with every bad thing that’s ever happened to them

Schon ab 2001 verwendet die Ich-Erzählerin den AOL Messenger, „JPEGs“, E-Mail-Filter, schreibt einen privaten Blog, der teils aus Versehen öffentlich wird.

Wiederholung, „Zufall“, unrealistisch:

In ihrer Akribie schreibt Russell (*1984) gelegentlich zu genau, sagt Dinge doppelt:

He smiles and, without meaning to, my face mirrors him. He grins, I grin.

Die Aussage über Will Coviello von S. 208 wird auf Seite 210 fast wörtlich erinnert, zu aufdringlich.

Nur ausnahmsweise übertreibt Russell den Zufall: die Protagonistin liest auf Anregung des Lehrers Lolita, und dann kommt im Radio noch ein Song über junge Dinger („such a dirty mind… the touch of a younger kind“). Später passt ein Springsteen-Song im Autoradio zu deutlich zur Handlung.

Noch auffälliger: der Englischlehrer an ihrem College hat eine Frau, die an ihrer Ex-Schule – und dann auch noch –; das ist zuviel, lässt sich aber in einem sonst realistischen Buch noch verkraften.

Weitere überflüssige Zufälle: bei Aushilfsjobs im Gesundheitswesen stößt die Ich-Erzählerin „zufällig“ auf die Krankenakte ihres Lehrers und später auf Berichte über Kindesmissbrauch.

Wie in anderen Romanen, die auch vom Schreiben handeln: Russel erwähnt zwar die Qualität der Gedichte ihrer Protagonistin, zitiert gelegentlich Reaktionen auf Schreibversuche („this one scares me a little“); aber wohl nur zwei Mal liefert Russell die geschriebene Dichtung selbst, eine Schwäche.

Etwas künstliche Spannung generiert Russell, indem sie wiederholt die Zeitebenen wechselt. Zu Romanbeginn ist die Ich-Erzählerin mal 15 (im Jahr 2000), mal 32 (im Jahr 2017). So schafft man Cliffhänger. Russell führt die Zeitebenen später souverän zusammen. Die letzten Seiten haben was von #doglover-Hundchenvideo.

Fakt oder Fiktion:

Im Nachwort zum Buch sagt Kate Elizabeth Russell, die Geschichte entstand über 18 Jahre hin aus ihrer Faszination für Nabokovs Lolita-Roman und fürs Thema. Dem Guardian erzählte sie, sie habe rund 80 Bücher dazu gelesen.

Erst später auf auf ihrer Webseite erklärt Russell, die dunkle Vanessa sei auch

inspired by my own experiences as a teenager. I have previously discussed the relationships I’ve had with older men and how those relationships informed the writing of My Dark Vanessa.

Anklagend klingt das Buch nur begrenzt. Die Hauptfiguren treffen sich auch Jahrzehnte nach ihrer Affäre noch, die junge Frau nimmt ihren Lehrer gegen andere Anschuldigungen in Schutz:

I wasn’t abused, not like that… To be groomed is to be loved and handled like a precious, delicate thing.

Ihrem teil-achtsamen Lehrer sagt Vanessa:

„But you don’t need to be good. Not with me.“

Das Ambivalente hält mein Interesse wach – eine übliche Metoo-Anklage wäre uninteressant, die produzieren im Roman ein paar grelle Nebenfiguren.

Freie Assoziation:

  • Teenagerin und alter Herr finden über Literaturinteresse mehr als nur zusammen, das gibt’s als Memoir auch in Die Einwilligung von Vanessa Springora (seltsamer Namensdoppler)
  • Russells Buch erinnert frappant an Medienberichte über den missbräuchigen US-Literaturlehrer und gefeierten Schriftsteller-Biografen Blake Bailey; der fiktive Jacob Strane wie auch der echte Blake Bailey erhielten zudem einen Lehrerpreis
  • Teenagerin und alter Herr, das liefert mit anderen Noten der Roman An Education von Nick Hornby (2009, ihm liegt die Jugenderinnerung einer Journalistin zugrunde)
  • Ein anderes bekanntes Buch über Teenagerin und Oldie, Autor und Titel habe ich vergessen, obwohl Springora und Russell es sogar referenzieren
  • Dunkler, fieser, aggressiver Männersex auch in Kirsten Roupenians Cat Person
  • Teenager und ältere Lehrerin agieren empörend im Tagebuch eines Skandals (2003)
  • Parallelen zwischen Russells Meine dunkle Vanessa und Naoise Dolans Aufregende Zeiten: In jeweils ihrem Erstlingswerk zeigen zwei eher junge Autorinnen junge, schwache Frauen, die älteren reicheren Männern gefallen wollen und Lob genießen. Beide Bücher sind exzellent dialogstark, binden geschickt soziale Medien und Messenger mit ein und liefern ein Herzschlag-Finale. Beide Bücher erschienen Tage vor dem ersten Corona-Lockdown 2020, also zum Enttäuschen der Autorinnen ohne die übliche Aufmerksamkeit des Feuilletons, ohne Auftritt im Buchladen, ohne Lesereise und Interviews
  • 2020, im ersten Coronajahr, publizierten lauter Frauen über junge Frauen, die wie Hündchen toxischen Männern hinterherlaufen, u.a. in Queenie (2020, hier zusätzlich mit Rassismus), Meine dunkle Vanessa (2020), Die Einwilligung (2020) und abgemildert in Aufregende Zeiten (2020) – die Ladies könnten auch weggehen, aber sie leiden lieber literarisch verwertbar. Alles geschrieben von Frauen

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