Kritik Indonesien-Buch: Hallo Mr. Puttyman bzw. Auf den Spuren von Mr. Spock, von Nigel Barley (1989, engl. Not a Hazardous Sport bzw. Toraja) – 6 Sterne

Nigel Barley beginnt sein Indonesien-Buch weitschweifig mit Reisegedöhns:

The equipment laid out on the bed… How many shirts? How many pairs of socks? …a cheap ticket… the broken lavatories of the airport…

Heute hier, morgen dort:

Ja, wir hören auch länger vom Flughafen Moskau, und Barleys ursprüngliches Flugticket aus einer dubiosen Quelle platzte. Das ist doch eine Zumutung für den Leser, wenn auch routiniert flüssig geschrieben (ich kenne nur das englische Original und kann die deutsche Fassung nicht beurteilen).

Und weiter schleppt sich Barleys Bericht von Haltestelle zu Haltestelle: Nach dem Flughafen Moskau kommt die Zwischenstation Singapur. Dann Zwischenstation Jakarta. Dann Busfahrt Jakarta-Surabaya. Dann Zwischenstation Surabaya. Dann Fähre Surabaya-Sulawesi. Zwischen-Aufenthalt am Ankunftsort. Weiterreise in die Berge. Alles brav chronologisch ab Anfang. Alles brav gleich gewichtet. Alles routiniert scherzkeksend, und monoton.

Man fragt sich, ob Nigel Barley manche Reisedummheiten absichtlich einfädelte, um Anekdoten zu sammeln: vom unseriösen Billigtickethändler über Aeroflot bis zum sinn- und ziellosen Pferdetrek im Regen (der viel Material über eigenwillige Vierbeiner und Pferdeführer hergibt). Über lange Strecken hören wir nichts von Feldforschung – Barley folgt vielmehr übergriffigen Indonesiern hierhin und dorthin, wochenlang, besucht Feste, die am Weg liegen.

Erst auf Seite 135ff von 206 beginnt Barley ernsthaft zu forschen, nachdem er interessante Assistenten (Johannis) und Studienobjekte (Nenek) rein zufällig traf:

It was easy to decide where to start… I pulled out a notebook and started writing…

Geht so Anthropologie?

Der interessanteste Teil belegt nur 20 Seiten am Ende: Barley bringt vier Toraja-Hinterwäldler nach England, wo sie im Museum eine traditionellen Scheune aufbauen. Ihr fremder Blick auf London und ihre Interaktionen amüsieren, für mich das Highlight.

Verallgemeinerungen:

Zwar behauptet Barley im Vorwort, sein Buch

trades not in generalizations, but encounters with individuals

doch er verallgemeinert sogleich kräftig, u.a. über die eigene Zunft:

I have never really understood what it is that drives anthropologists off into the field… ethnographers all recognize the call of the wild… Anthropology largely neglects the individual to deal in generalizations…

Auch über sein Transitland Singapur generalisiert Nigel Barley konzeptwidrig fad:

It is above all a city dedicated to earning a living. Many have praised the industriousness of Singaporeans.

Revolutionär neue Einsichten, die Barley durch keine praktische Beobachtung verlebendigt. Der weitgereiste  Anthropologe Barley kredenzt noch ein Schatzkästlein weiterer Verallgemeinerungen:

The first telephone calls in a foreign tongue are a daunting business… One of the many nice things about Indonesians is their… For Westerner, public excretion is a complex task… It is always slightly shocking to be in an country where… At sea, the world rises early… The West sees it as the duty of the East to… It seems an immutable rule of nature that… Christianity is a religion with many faces… We never know what fate has in store… Westerners have an inherent tendency to…

Späßchen:

Der Humor ist platt. Noch bevor Nigel Barley (*1947) sein Toraja-Gebiet erreicht, hören wir innerhalb  weniger Seiten:

  1. besoffene Australier diskutieren ihren Stuhlgang, „a bloody turd, mate“
  2. ein Kind bohrt „industriously“ in der Nase
  3. Barley Hosenboden zerreißt an einer Rikscha, „a wind around the buttocks“
  4. ein Mann entleert den Darm ins Meer
  5. er stellt fest, dass er vor einer Abwasserleitung badet

Schon der englische Buchtitel „Not a Hazardous Sport“ ist ein flacher Witz, der nichts mit Indonesien zu tun hat: Von seiner Versicherung erfährt Barley, indonesische Feldforschung sei „keine gefährliche Sportart“ und darum mitversichert, anders als Nuklearkrieg oder Entführungen über mehr als 12 Monate. Muss man das alles wirklich lesen.

In einer tiefgehenden, m.E. zu freundlichen Rezension bezeichnet Tim Hannigan in Asian Review of Books Nigel Barley als besten Hofnarren der englischen Reiseschreiber.

Mehrfach verwendet Barley für indonesische Kinder das Pronomen „it“, u.a. „‚Tall!‘ it said“ oder

A child appeared. It yawned… it listened

Redet man so auch über kleine Engländer? Eine vier Jahre alte, offenbar gut konservierte Leiche in Indonesien ist ein „cadaver“.

Freundlich:

Mehrfach erinnert Barley die unangenehm harsche Atmosphäre bei seiner afrikanischen Feldforschung – Indonesier dagegen seien „friendly as puppies“ und „totally nice“:

I had at one time lived for some eighteen months in an African village yet not met a single person I would call a friend. Yet here ((in Indonesien)), the making of friends seemed almost inevitable.

Barley verallgemeinert unzulässig, in Afrika

a man’s friends were inevitably drawn from those he was circumcised with.

Er grübelt kurz, die Indonesier seien vielleicht freundlicher und offener wegen „different cultural expectations“ und „a different history of colonialism. Whatever it was…“ Dem dürfte Barley gern länger nachgehen, am besten mit Beispielen, statt den nächsten Sturz vom Pferd auszumalen.

Titelei:

Das Buch erschien unter verschiedenen Titeln:

  • Auf Deutsch: Hallo Mr. Puttyman bzw. neuer Auf den Spuren von Mr. Spock
  • Auf Englisch: Not a Hazardous Sport (1988) bzw. neuer Toraja, Misadventures of an Anthropologist (updated ed. 2013)

Eine neuere englische Fassung hat offenbar ein aktuelles Nachwort über Barleys Toraja-Kontakte, nach Abreise der Indonesier aus London. Ich konnte es nicht finden.

Freie Assoziation:

Persönliche Erklärung:

Ich hatte Hallo Mr Puttyman schon vor Jahrzehnten einmal auf Deutsch gelesen und in prima Erinnerung. Auch Barleys Afrikabuch Traumatische Tropen sprach mich damals sehr an. Diesmal – auf Englisch – schienen mir diese Bücher teils abgestanden, zu schwafelig, schenkelklopfend.

Und nach, mittlerweile, einigen Afrika– und Asien-Reisen fand ich Barleys Erklärungen der Reiseumstände viel zu weitschweifig (die öden Bürokraten; die Schnorrer; die Unzuverlässigkeit). Wer jedoch von den Umständen in Afrika oder Asien rein gar nichts weiß, schätzt vielleicht Barleys Ausführlichkeit.

Barley betont unentwegt die freundliche, hilfsbereite Art der Indonesier. Das fiel mir auch auf, als ich erstmals allein in ein javanisches Dorf kam. Und ich konnte es nicht fassen, dass die Leute Bananen im eigenen Garten ziehen. Ich fragte einen Indonesier, ob er denn auch Bananen im Garten habe.

„Nein.“

„Oh wie schade, dann musst du ja Bananen auf dem Markt kaufen.“

„Nein, wieso, ich kann ja meinen Nachbarn um Bananen bitten, der hat welche im Garten.“

„Und der gibt dir auch Bananen?“

„Aber natürlich, warum nicht.“

Eine Sache erstaunte mich im Indonesien-Buch: Heißt es dort nicht, Nenek (der alte Herr und Haupt-Hausbauer) dürfe als Chef-Geistlicher keinen Kaffee trinken, sondern nur Tee? In England zu Gast bei Barley sät er angeblich Kaffee im Garten und will ihn dann auch ernten… darf er das? Braucht Kaffee nicht fünf Jahre bis zum ersten Ertrag? (Dass er eine Kaffeepflanze mitbrachte, wird nicht gesagt und Barley erwähnt den Neuzugang im Garten auch nicht.)

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