Rezension Indonesien-Buch: Surviving against the Odds, von Stanley Ann Dunham (1992/2009) – mit Kritiker-Links


Stanley Ann Dunham, Barack Obamas Mutter, war eine hochinteressante, weltoffene Intellektuelle, die in Hawaii erst einen Kenianer (Obamas Vater) und später einen Indonesier heiratete. Sie reichte ihre über 1000seitige Dissertation über indonesische Dorfwirtschaft 1992 an der Uni Hawaii bei Alice Dewey ein und starb 1995 mit 52, lange bevor ihr Sohn weltbekannt wurde.

Ab 2005 haben Alice Dewey u.a. die Dissertation für die Buchausgabe deutlich gekürzt, bis sie 2009 erscheinen konnte: Der Haupttext samt der inhaltlich wichtigen „Notes“ belegt nur noch gut 280 gut gefüllte Seiten; dazu kommen wissenschaftlicher Anhang, 20 paginierte Schwarzweißfotoseiten und kurze Begleitwörter von Dewey, von Anthropologin Nancy I. Cooper, von Dunhams Tochter (und Obamas Halbschwester) Maya Soetoro-Ng und von Anthropologe Robert Hefner.

Alle sind voll des Lobes für Stanley Ann Dunham. Robert Hefner, der sie in den 80ern kurz getroffen hatte, sieht in Dunham nach Lektüre des Buchs (S. 337 u. 341, Hervorhebung von Hefner)

a scholar deeply commited to interdisciplinary research, reluctant to follow academic fashions and determined *not* to substitute ideological shortcuts for empirical research… I cannot help being struck by the independence and integrity of the author

Hefner forschte immer wieder in derselben Region Zentraljavas wie einst Ann Dunham und berichtet knapp, was sich seit Dunhams Feldforschung bis 2009 änderte; unter anderem nahm der Einfluss des Islam deutlich zu.

Stark gekürzt:

Dunham hatte noch ein Stipendium beantragt, um ihre 1992er-Dissertation selbst auf Buchlänge kürzen zu können, sie hatte bereits Kapitel zur Herausnahme vorgemerkt. Doch dann erschien die Buchfassung erst 2009 – das Jahr, in dem Dunhams Sohn Barack Obama ins Weiße Haus einzog.

Mit-Redakteurin und Indonesien-Anthropologin Nancy I. Cooper betont in einem Vorwort, dass die Arbeiten an der Buchausgabe lange begonnen hatten, bevor Barack Obama ins allgemeine Blickfeld rückte (laut Michael R. Dove 2005, s.u.) – man wollte lediglich Dunhams exzellenten Text zugänglicher machen. Doch der Schutzumschlag bewirbt „the mother of President Obama“ und zeigt ihr Portrait ohne indonesischen Kontext.

Alice Dewey liefert in ihrem Vorwort einen Kurzführer durch die gestutzte Doktorarbeit: Kapitel 1 behandelt die Entwicklungsarbeit, Kapitel 2 die Organisation der Arbeit mit Metall auf Dorfebene, Kapitel 3 portraitiert das Dorf Kajar, in dem Dunham vor allem forschte. Weitere Kapitel bewerten bisherige Regierungsinterventionen und liefern Zukunftsempfehlungen. Zum Statistik-Kapitel 4 schreibt Dewey (S. XV):

This chapter may be hard going for the reader.

Dewey lobt, dass Dunham vorhandene Zahlen nicht unkritisch übernommen und Fehlschlüsse früherer Beobachter korrigiert habe.

Langer Zeitraum:

Recherchiert hat Dunham – immer wieder unterbrochen von Management-Jobs in der Entwicklungshilfe – über mehr als zehn Jahre. So schreibt sie im Kapitel über das Dorf Kajar (S. 82):

The two most important reference periods are 1977-78… and 1990-91.

Aus diesem langen Zeitabstand heraus entstand ein interessanter Buchabschnitt, der wichtige Veränderungen zwischen den siebziger und den späten achtziger Jahren benennt.  Hier bringt Dunham auch eine Tabelle mit Vergleichswerten zum Dorf Kajar in den Jahren 1977/78 sowie 1990/91: Dunham listet nicht nur die Zahl der Häuser, Schmieden und Einwohner in beiden Phasen auf, sondern bringt auch typische Löhne in indonesischen Rupien. Freilich gab es zwischenzeitlich eine große Inflation, die Dunham nicht herausrechnet – so lassen sich die Änderungen kaum beurteilen. Inflationsbereinigte Preise und Löhne in USD nennt Dunham nur beispielhaft für wenige Posten und sagt allgemein, dass die Kaufkraft gestiegen sei.

Dunhams wissenschaftliche Betreuerin, Freundin und gelegentliche Vermieterin Alice Dewey lobt Dunhams „fine sense of humor“ und bringt dafür im Vorwort ein paar mild unterhaltsame Alltagsbeispiele. In ihrer Dissertation klingt Dunham erwartbar wenig humorvoll. Dunhams versöhnliches Wesen tritt gleichwohl in der Dissertation hervor, wenn sie in der Einleitung betont, dass sie zwar gelegentlich wirtschaftliche oder organisatorische Maßnahmen ihrer Akteure kritisiere, dies sei jedoch keine persönliche Kritik – und in vielen Jahren der Feldforschung habe sie keine einzige unangenehme Begegnung gehabt. Sie verschweigt nicht Korruptionsvorwürfe innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Assoziationen beim Lesen von Surviving against the Odds:

  • Wer Dunhams Leben und ihren Witz kennenlernen will, lese Janny Scotts gelungene Dunham-Biografie, die auch schwungvolle Privatbriefe Dunhams zitiert – sie klingen deutlich unterhaltsamer als die (nicht schlecht geschriebene) Dissertation. Natürlich berichtet Scott sehr ausführlich aus Indonesien, wo sie mit vielen Dunham-Bekannten sprach.
  • Vielleicht hätte Dunham bei längerem Leben ein vergnügliches Indonesien-Reportage-Buch geschrieben, so wie die ihr nicht völlig unähnliche Journalistin, Entwicklungsmanagerin und Indonesien-Freundin Elisabeth Pisani mit Indonesien und so weiter.
  • Dunhams Portraits ihrer Dorfakteure erinnerten momentweise an die javanischen Dörfler des indonesischen Autors Pramoedya Ananta Toer.

Fotos und Notizen:

Surviving against the Odds, Village Industry in Indonesia zeigt einige Seiten handschriftlicher Notizen und Skizzen Dunhams. Auf den 16 Fotodruckpapierseiten erscheinen vor allem indonesische Schmiede, aber auch Dunham am Balistrand. Weitere Dorfschmiede direkt auf Textdruckpapier bringt eine 20seitige Schwarzweißfotostrecke in passabler Qualität; hier sieht man einige, aber nicht alle der Hauptgesprächspartner Dunhams.

Für eine Dissertation ist Dunhams Text sicher ungewöhnlich klar und übersichtlich formuliert. Sie schreibt ohne Akademiker-Affekt und Wortgeklingel, jederzeit leicht lesbar um beste Verständlichkeit bemüht. Lange Hintergrunderklärungen landen oft in den Endnoten.

Freilich wurde der Text an der Uni Hawaii und beim Verlag massiv redigiert, und möglicherweise wanderten die Hintergrunderklärungen erst bei dieser Überarbeitung in die Fußnoten. Ich habe mehrere Tage lang verschiedene Abschnitte und die Begleitwörter des Buchs gelesen, gleichermaßen aus Interesse für Indonesien, für Dorfwirtschaft, für Stanley Ann Dunham und für die ganze Obama-Familie; für eine Komplettlektüre war mir der Stoff jeoch zu trocken, in 2017 schon zu alt und wegen des langen Recherchezeitraums zu disparat.

Besonders hat mich das Kapitel zur Dorfstruktur interessiert und dort die detaillierten Portraits der Hauptfiguren. Allerdings konzentriert sich Dunham im Zweifel eher auf Ökonomie, Handwerk und Wirtschaftssteuerung – auf diesen Feldern arbeitete sie ja auch immer wieder weltweit – als auf weiche Themen wie Soziologie und Psychologie.

Kritikerstimmen:

Anthropologe Kenneth M. George:

We are lucky that political tides… have brought this carefully wrought study of Indonesian village industry into print…

Michael R. Dove, Yale University:

the editors and Duke University Press did a wonderful job with this book. It is lovingly put together, and it will become the definitive source

Independent:

academic but lively account of village life and structure as well as the ancient rites, the shamanism, the sexual divisions of labour and the blacksmith trade

InsideIndonesia.org:

What Ann Dunham also provides, is a model for an engaged, committed way for foreigners to live in Indonesia and make a contribution

Asia Times wiedergegeben in Alternet:

When I spoke with another one of her colleagues… she said Dunham was really a social activist and a peacenik


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